Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 28.10.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Historische Forschung

Klasse und Geschlecht

Neues Heft der Zeitschrift Arbeit – Bewegung – Geschichte erschienen
Von Holger Czitrich-Stahl

Das Spannungsfeld zwischen einer Klassenpolitik und einer emanzipatorischen Geschlechterpolitik, immer eigentlich als Frauenpolitik verstanden, durchzieht die Debatten innerhalb der Arbeiterbewegung, der Frauenbewegung und der fortschrittlichen Intelligenz quasi von Beginn an. Nach 1968 wurde heftig darüber gestritten, ob es sich beim Kampf der Frauen gegen ihre strukturelle Unterdrückung in den kapitalistischen Gesellschaften um einen »Nebenwiderspruch« handele, der letztlich dem Antagonismus zwischen Arbeit und Kapital nachgeordnet sei. Schlussendlich ergebe sich die Befreiung der Frauen dann aus der Befreiung vom Kapitalismus, so das Fazit dieser Diskurse. Demgegenüber pochten die demokratischen Frauenbewegungen mehr und mehr auf die Eigenständigkeit ihres Befreiungskampfes und auf die klassenübergreifenden Formen struktureller Unterdrückung von Frauen, woraus sich auch die Eigenständigkeit ihres politischen Kampfes ableite.

Es ist Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen: »Die vielfältige Geschichte der Frauenbewegung – zu Beginn der Kampf für das Frauenwahlrecht und die rechtliche Gleichstellung über sexuelle Selbstbestimmung bis zur Auflösung binärer Geschlechterverhältnisse – bietet vielerlei Ansätze zu Forschung und Debatte.« So beschreiben Axel Weipert, Fabian Bennewitz und Anja Thuns im Editorial ein Basismotiv dieses Schwerpunktheftes der Zeitschrift Arbeit – Bewegung – Geschichte. Betrachtet wird die Zeit von der Entstehung der sozialistischen Arbeiter- und Frauenbewegung bis 1968. Drei der sechs Schwerpunktbeiträge fokussieren sich auf die Jahre nach 1945. Es geht um Frauen und wilde Streiks in Europa, um den letztlich gewerkschaftlich verhinderten Streik der Kindergärtnerinnen 1969 in Westberlin und um die Kooperationsversuche zwischen Aktivistinnen der gewerkschaftlichen Frauenbewegung und bürgerlichen Frauenverbänden in der BRD in den 1950er Jahren.

Allen diesen Initiativen von Frauen ist letztlich gemeinsam, dass sie oft gegen große Vorbehalte oder männlich dominierte Organisationsverständnisse aufgenommen werden mussten oder – wie in Westberlin 1969 – an dieser Männerdominanz scheitern konnten. Weitere Beiträge erweitern die Perspektive auf die Epochen zwischen Kaiserreich und dem Ende der Weimarer Republik, wobei sie auf die bürgerliche Frauenbewegung und Berufsbilder, Frauen in syndikalistischen Organisationen sowie auf die sozialistische Schriftstellerin Emma Clara Döltz, vorgestellt von Gisela Notz, Bezug nehmen.

Die Rubrik »Geschichtskultur« nimmt in vier Kurzbeiträgen den Faden wieder auf, Buchbesprechungen setzen ihn fort. Ein weiterer Aufsatz thematisiert die Arbeit des Reformpädagogen Kurt Löwenstein in Berlin-Neukölln. Die Rezensionen berücksichtigen Bücher zu einem breitens Themenspektrum zwischen Alltagsgeschichte und »Global South«, gewerkschaftlichen Kämpfen und revolutionären Bewegungen hier und weltweit.

Arbeit – Bewegung – Geschichte. Zeitschrift für historische Studien. Heft III/2019, Metropol-Verlag, Berlin 2019, 220 Seiten, 14 Euro

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