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Aus: Ausgabe vom 28.10.2019, Seite 12 / Thema
Geschichte der BRD

Bombenstimmung

Westdeutsche Soldaten in einer »europäischen Armee«? Debatten zur Wiederbewaffnung in den Westzonen 1948/49
Von Reiner Zilkenat
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Am Ziel: Der erste Bundesverteidigungsminister Theodor Blank (CDU) am 12. November 1955 in Bonn bei der Begrüßung der ersten 101 freiwilligen Soldaten der Bundeswehr

Am 2. Januar 1956 schlug die Geburtsstunde der Bundeswehr. Mehrere »Lehrkompanien« begannen mit der Ausbildung der ersten Freiwilligen. Am 21. Juli 1956 trat das »Wehrpflichtgesetz« in Kraft, das gegen die Stimmen der SPD-Bundestagsabgeordneten verabschiedet worden war. Die ersten zum Wehrdienst verpflichteten jungen Männer wurden zum 1. April 1957 einberufen. Erster Verteidigungsminister war ab dem 7. Juni 1955 der CDU-Politiker Theodor Blank, der bereits im Oktober 1956 von Franz Josef Strauß (CSU) abgelöst wurde, dem Bundeskanzler Konrad Adenauer die Aufgabe zuwies, »durch die Mauer des Widerstandes, die wir im Parlament und auch in der Öffentlichkeit zu überwinden hatten, durchzustoßen«. Zum ersten Generalinspekteur der Bundeswehr wurde General Adolf Heusinger berufen, der seit 1940 als Chef der Operationsabteilung im Oberkommando des Heeres dem Hitlerfaschismus treu gedient hatte und an der Vorbereitung aller danach vollzogenen Aggressionen der Wehrmacht beteiligt gewesen war. Die ersten Schritte auf dem Weg zur Schaffung einer 500.000 Mann umfassenden Bundeswehr waren damit absolviert worden. Doch die Vorgeschichte der BRD-Streitkräfte reicht zurück bis in die Jahre 1948/49, als in den Westzonen noch die Besatzungsmächte regierten bzw. die Bundesrepublik gerade das Licht der Welt erblickt hatte.

Spaltung vorangetrieben

Entgegen den Festlegungen des im August 1945 zwischen den Vereinigten Staaten, Großbritannien sowie der Sowjetunion vereinbarten Potsdamer Abkommens dachten die USA nicht ernsthaft daran, das ganze Deutschland gemeinsam von den »Großen drei« (zu denen Frankreich als vierte Besatzungsmacht ab Juni/Juli 1945 hinzustieß) regieren zu lassen. George F. Kennan, US-amerikanischer Botschaftsrat in der diplomatischen Vertretung seines Landes in Moskau und später Leiter des Planungsstabes im State Department, brachte diesen Gedanken leitmotivisch in einer geheimen Aufzeichnung vom Sommer 1945 zu Papier: »Die Idee, Deutschland gemeinsam mit den Russen regieren zu wollen, ist ein Wahn. Wir haben keine andere Wahl, als unseren Teil von Deutschland zu einer Form von Unabhängigkeit zu führen, die so befriedigend, so gesichert, so überlegen ist, dass der Osten sie nicht gefährden kann. Besser ein zerstückeltes Deutschland, von dem wenigstens der westliche Teil als Prellbock für die Kräfte des Totalitarismus wirkt, als ein geeintes Deutschland, das diese Kräfte wieder bis an die Nordsee heran lässt.« Ganz in diesem Sinne handelte der US-amerikanische Militärgouverneur in Deutschland, General Lucius D. Clay. In einem Brief an seinen Wirtschaftsberater, Generalmajor William Draper, im Zivilberuf Investmentbanker in New York, formulierte er am 6. November 1947: »Ich muss mit allem mir zur Verfügung stehenden Ernst sagen, dass 42 Millionen Deutsche in der britischen und amerikanischen Zone der stärkste Vorposten gegen das kommunistische Vordringen sind, den es irgendwo gibt.«

In diesem Vorposten galt es, den Aufbau eines leistungsstarken kapitalistischen Wirtschaftssystems durchzusetzen, das sich den Maßgaben des US-Imperialismus unterordnete. Denn ohne die bedeutenden Kapazitäten der westdeutschen Industrie und des Bergbaus, nicht zuletzt an Rhein und Ruhr, war die Schaffung von ökonomischen Voraussetzungen für den notwendigen Beitrag Westeuropas im Kalten Krieg gegen die Sowjetunion nicht möglich. Als erste Grundlage hierfür war am 29. August 1947 ein »revidierter Industrieplan« für die US-amerikanische und die britische Besatzungszone in Kraft gesetzt worden, der eine Steigerung der Produktion bis zum Niveau des Jahres 1936 gewährleisten sollte. Im Herbst des darauffolgenden Jahres wurde außerdem verfügt, dass die von den drei Westmächten verwalteten Besatzungszonen künftig Kredite aus dem »Marshallplan« der US-Regierung erhalten sollten (zunächst in Höhe von 514 Millionen US-Dollar), um den wirtschaftlichen Aufbau zu beschleunigen. Es versteht sich, dass General Clay angesichts dieser Planungen und Maßnahmen des US-Imperialismus vehement alle Vorschläge seines Stabes ablehnte, einzelne Betriebe in der US-amerikanischen Zone zu verstaatlichen bzw. den Arbeitern gewisse Mitbestimmungsrechte zu gewähren. In einem Telegramm an das Verteidigungsministerium vom 28. April 1947 kommentierte er derartige Pläne in unmissverständlicher Weise: »Ich bin davon überzeugt, dass diese Bedingungen mit unseren politischen Zielen in Deutschland unvereinbar sind, und ich bin noch mehr davon überzeugt, dass sie von den amerikanischen Geschäftsleuten und Bankiers nicht akzeptiert werden würden, von denen unser Erfolg letzten Endes abhängen wird.«

Inzwischen waren die ersten bedeutsamen Schritte zur Bildung eines westdeutschen Staates vollzogen worden: Am 1. Januar 1947 wurde aus den Besatzungszonen der USA und Großbritanniens die sogenannte Bizone konstituiert, für die bis Ende 1948 eigenständige, staatsähnliche Verwaltungsstrukturen geschaffen wurden: ein Parlament, der in Frankfurt am Main tagende sogenannte Wirtschaftsrat; ein aus Abgeordneten der elf westdeutschen Landtage bestehender Parlamentarischer Rat, der eine Verfassung für den »Weststaat« ausarbeiten sollte; eine »Länderkammer« in Form des »Exekutivrates«; eine Zentralbank (»Bank deutscher Länder«); ein Oberster Gerichtshof; fünf zentrale »Verwaltungen« für Wirtschaft, Finanzen, Landwirtschaft, Post- und Fernmeldewesen sowie Verkehr, an deren Spitze deutsche »Direktoren« standen. Alle diese Einrichtungen unterstanden der Kontrolle westalliierter Instanzen und besaßen nicht die Kompetenzen von Behörden eines souveränen Staates. Vor allem die auswärtigen Beziehungen, einschließlich des Außenhandels, blieben vorerst alleinige Domäne der Westalliierten; das Auswärtige Amt entstand erst am 15. März 1951. Dennoch existierten jetzt administrative Strukturen, die der unmittelbaren Vorbereitung eines westdeutschen Separatstaates dienten.

Flankiert wurden diese Maßnahmen im Juni 1948 durch die Einführung einer neuen Währung in den Westzonen und in den westalliierten Sektoren in Berlin, der »D-Mark«. Auf diese Weise wurden in Deutschland zwei unterschiedliche Währungs- und Wirtschaftsgebiete geschaffen, die fast zwangsläufig eine politische Spaltung nach sich ziehen mussten. Der Tag dieser auf Weisung der US-amerikanischen Regierung seit dem Herbst 1947 vorbereiteten Währungsreform (Code-Name: »Operation Bird Dog«) stellte, wie es der Historiker Wolfgang Benz von der Technischen Universität Berlin zutreffend formuliert hat, »ein Gründungsdatum der Bundesrepublik und der DDR und deren Systemkonkurrenz« dar. »Die Spaltung Deutschlands ging vom Westen aus, sie blieb zentrales Thema des kalten Krieges.« (Der Tagesspiegel, 18.6.2019) Dem bleibt nichts hinzuzufügen.

Im Kalten Krieg

Die von den USA organisierte Spaltung Deutschlands diente gleichsam »höheren Zwecken«. Es ging perspektivisch darum, die Westzonen und den in naher Zukunft zu konstituierenden westdeutschen Separatstaat fest in ein antisowjetisches Bündnissystem einzubeziehen, zunächst in politischer und wirtschaftlicher, schließlich aber auch in militärischer Hinsicht.

Doch es bestand in diesem Zusammenhang ein wichtiges Problem, das aus verständlichen Gründen schwer zu lösen schien: Wie konnte der westdeutschen Bevölkerung glaubhaft vermittelt werden, dass so kurz nach dem vollständig gescheiterten Versuch des deutschen Faschismus, die Weltherrschaft zu erringen, eine neue Armee aufgestellt werden müsste? Schließlich traf das Wort eines jungen, als Landrat in Schongau amtierenden CSU-Politikers namens Franz Josef Strauß auf breite Zustimmung, dass »die Hand verdorren« solle, die in Zukunft noch einmal ein Gewehr anfassen würde.

Um allmählich eine Akzeptanz in der westdeutschen Bevölkerung für die Aufstellung einer neuen Armee zu wecken, wurde an vorhandene antisowjetische Ressentiments appelliert und eine unmittelbar drohende »Gefahr aus dem Osten« heraufbeschworen. Die UdSSR, so verbreiteten es seit 1947 die westdeutschen Zeitungen in immer neuen Meldungen und Kommentaren, plane eine militärische Aggression gegen das kapitalistische Europa, deren erstes Opfer die Westzonen bzw. die junge Bundesrepublik sein würden. Eine publizistische Großkampagne, an der sich im Grunde jede Zeitung beteiligte, die in ihrer jeweiligen »Argumentation« und Wortwahl mit Leichtigkeit und fast nahtlos an die noch wenige Jahre zuvor allgegenwärtige »antibolschewistische« Nazipropaganda anknüpfen konnte. Die Stichworte für die Remilitarisierung allerdings lieferten zunächst nicht deutsche Journalisten, Wissenschaftler und Politiker, sondern Militärs, Publizisten und Politiker der drei westlichen Alliierten, die scheinbar »rein sachlich« und basierend auf der Kenntnis der angeblichen »sowjetischen Bedrohung« die Frage nach einem westdeutschen Beitrag zur »Verteidigung« gegen die angeblich zur Aggression bereite Sowjetarmee stellten.

»Gefahr aus dem Osten«

Liest man die Jahrgänge 1947 bis 1949 meinungsbildender westdeutscher und Westberliner Zeitungen, so ergibt sich ein Bild, das die damalige Zeit als eine Vorkriegszeit charakterisiert. Beinahe täglich wird die angebliche Bedrohung durch die Sowjetunion in schwärzesten Farben gemalt, immer von neuem werden die Anstrengungen der USA hervorgehoben, ihre Verteidigung gegen die befürchtete Aggression von seiten der UdSSR zu intensivieren. Einige wenige Kostproben aus der von der britischen Besatzungsmacht lizenzierten, überregional erscheinenden Welt im ersten Quartal 1948: Am 22. Januar meldete die Zeitung, dass John Foster Dulles, der als außenpolitischer Experte das State Department beriet und von 1953 bis 1959 selbst als Außenminister amtierte, vor dem Auswärtigen Ausschuss des Senats folgende Aussage formuliert hatte: »Wenn der Kongress nicht mit den sowjetischen Bemühungen Schritt gehalten hätte, stünde die russische Diktatur am Atlantik. (…) Er schlug eine westeuropäische Zoll- und Währungsunion unter Einschluss Westdeutschlands vor und forderte die Schaffung eines westeuropäischen Verteidigungspaktes«. Am 5. Februar erfuhr die Leserschaft der Welt auf der Titelseite, dass »es das Ziel des Atomenergieausschusses der Vereinigten Staaten« sei, »Atombomben in Massenproduktion herzustellen«. Am 2. März zitierte das Blatt die vom Kongressausschuss für die US Air Force öffentlich geäußerte Ansicht, dass »die politische Lage in der Welt jederzeit zu einem Krieg führen kann«. Deshalb sei es nötig, dass die Luftstreitkräfte des Landes über 35.000 Flugzeuge verfügen müssten. Senator Owen Brewster – so hieß es weiter – habe im Ausschuss »scharfe Kritik an der militärischen Führung der USA geübt, weil sie bisher keinerlei Vorbereitungen für die Ausarbeitung einer Atomkriegsstrategie getroffen habe«. Am Rande bemerkt: Hier irrte der Senator. Die Stabschefs der Streitkräfte hatten bereits kurz nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs damit begonnen, streng geheime, detaillierte Atomkriegspläne gegen die Sowjetunion auszuarbeiten und ständig zu aktualisieren.

Zuletzt sei eine Meldung vom 27. März zitiert, derzufolge Luftwaffenminister Stuart Symington erklärt habe, »die neuesten Superbomber der USA seien zwar in der Lage, von Alaska und Labrador aus jeden Teil Russlands zu erreichen. Trotzdem würde dies nicht von entscheidender Bedeutung sein, und es ist daher notwendig, Stützpunkte zu besitzen, die dem gegnerischen Lande näher liegen. Diese Stützpunkte müssen von den USA erworben werden, um die Luftherrschaft über dem gegnerischen Gebiet zu gewinnen, was für dauernde und entscheidende Luftoperationen unentbehrlich ist.« Ergänzend wird in derselben Meldung eine Stellungnahme des Heeresministers Kenneth Royall referiert, der die Forderung aufgestellt hatte, dass »sich die Angriffsbasen – mit der Einwilligung der in Frage kommenden Nationen – auf dem Festland Eurasiens befinden und dort dem gegnerischen Lande sehr viel näher seien als unserem eigenen«. Die Liste der Beispiele für das publizistische Trommelfeuer einer gegen die UdSSR gerichteten Kriegspropaganda ließe sich für den gesamten Zeitraum von 1947 bis 1949 beliebig ergänzen. Bei der Lektüre dieser und anderer Meldungen aus der zeitgenössischen Presse sollte man sich stets vergegenwärtigen, dass in jener Zeit die USA noch über das Atomwaffenmonopol verfügten und die UdSSR erst im August 1949 ihre erste Kernwaffe in der Atmosphäre zündeten.

Bewaffnung Westdeutschlands?

Nicht nur in der westdeutschen Bevölkerung war der Gedanke, wieder eine Armee aufzustellen und vielleicht erneut in einen Krieg ziehen zu müssen, außerordentlich unpopulär. Auch die öffentliche Meinung bei den Opfern faschistischer Aggressionen in Westeuropa, nicht zuletzt in Frankreich und Großbritannien, war zu großen Teilen gegen derartige Gedankenspiele und Planungen. Aber das Trommelfeuer der antisowjetischen und antikommunistischen Propaganda der bürgerlichen Presse, das durch den Rundfunk und in einigen Staaten, besonders in Italien und Frankreich, durch den katholischen Klerus noch verstärkt wurde, blieb schließlich nicht ohne Wirkung.

Zusätzlich testeten Autoren und Politiker aus den westalliierten Staaten in Reden und Zeitungsbeiträgen, inwiefern die Öffentlichkeit in den Westzonen bereits geneigt war, dieses Thema überhaupt zu diskutieren oder ob es nach wie vor auf einhelligen Widerspruch stieß. Die Dramaturgie der Wortmeldungen zur Wiederbewaffnung der Westzonen und das offizielle Echo, das sie auslösten, folgten einem bestimmten Schema. Äußerten sich Politiker, Militärs oder Persönlichkeiten, die kein öffentliches Amt bekleideten, so bekundeten die Regierungen in Washington, London und Paris in der Regel, dass es sich hierbei um »Gedankenspiele« und Vorschläge handele, die mit der betreffenden Regierung nicht abgestimmt worden bzw. nicht von aktuellem Interesse seien. Gelegentlich folgten auch öffentliche Distanzierungen, falls die Wellen allzu hoch schlugen oder die unterbreiteten Vorschläge als zu weitgehend erschienen.

Im November 1948 veröffentlichte der renommierte französische Journalist Maurice Duverger – er wurde später einer der wichtigsten Politikwissenschaftler seines Landes – in der führenden Tageszeitung Le Monde einen Beitrag, der für große internationale Aufmerksamkeit sorgte und den die Hamburger Welt dann auch eilfertig nachdruckte. In diesem Artikel hieß es u. a.: »Wenn man davon spricht, dass Kontinentaleuropa gegen einen etwaigen Angriff von außen zur Verteidigung bereit sein muss, dann müsste man sich darüber im klaren sein, dass dies sowohl den Wiederaufbau der deutschen Armee als auch der französischen Armee erforderlich macht. Es gibt nur zwei militärische Völker auf dem Kontinent: Deutschland und Frankreich. Eine europäische Armee würde im wesentlichen eine französisch-deutsche Armee sein. Ich errate den Skandal, den diese gotteslästerlichen Ausführungen hervorrufen mögen, denn man nimmt gern den Mund voll mit dem Wort ›Europa‹, indem man zugleich die Augen vor seinen wirklichen Gegebenheiten verschließt. Es kann kein Europa ohne eine französisch-deutsche Allianz geben. Zu behaupten, diese Allianz sei unmöglich, hieße zu erklären, dass Europa eine Unmöglichkeit darstellt.«

Das Echo auf diesen Beitrag war unüberhörbar. Ihm war offenkundig die Aufgabe zugedacht worden, als »Testballon« zu ermitteln, ob die westeuropäische Öffentlichkeit eine Remilitarisierung Westdeutschlands zu tolerieren oder zumindest zu diskutieren bereit war. Angesichts der eskalierenden antisowjetischen Hetze und der systematisch geschürten Ängste vor einem Angriff der Sowjetarmee hoffte man in den Kanzleien der westlichen Regierungen, die (wenn auch widerwillige) Akzeptanz einer westdeutschen Armee sei stärker als die Furcht vor wieder entstehenden Großmachtgelüsten des deutschen Imperialismus. Doch die Zeit schien noch nicht reif. Heuchlerisch wurden Duvergers Vorschläge von den Regierungen in den westlichen Hauptstädten zurückgewiesen. Zum Beispiel wiesen in London nicht näher bezeichnete »zuständige Stellen« Spekulationen über den Aufbau einer deutschen Armee zurück; die Times stimmte Duvergers Überlegungen interessanterweise zwar grundsätzlich zu, sah die Realisierung seiner Vorstellungen allerdings noch »in weiter Ferne«.

Die wohl interessanteste Replik auf den Artikel stammte jedoch aus der Feder von Carlo Schmid, Mitglied des Parteivorstandes der SPD, Vorsitzender seiner Fraktion im Parlamentarischen Rat und von 1949 bis 1972 Vizepräsident des Bundestages. In der Welt vom 14. Dezember 1948 riet er zur Schaffung einer Armee, die jedoch als fester Bestandteil einer (west-)»europäischen« Streitmacht agieren solle: »Es gilt, eine echte, in sich selber internationale Wehrmacht zu schaffen und nicht ein Mosaik nationaler Truppenkontingente.« Hier könnte die Integration deutscher Verbände vollzogen werden, deren Stärke die drei Besatzungsmächte bestimmen müssten. Der Hinweis des Autors auf die Notwendigkeit, ein System kollektiver Sicherheit in Europa zu schaffen, galt offensichtlich nur für den Westen des Kontinents im Sinne eines »kollektiven Schutzes« vor der angeblich aggressiven UdSSR. Der Beitrag Schmids stellte eine kleine Sensation dar, denn die SPD, zu deren prominentesten Mitgliedern er zählte, hatte sich bislang in der Öffentlichkeit grundsätzlich und ohne irgendeinen innerparteilichen Widerspruch gegen jede Form der Remilitarisierung ausgesprochen. Dass jetzt kein Geringerer als Carlo Schmid vorpreschte, ließ für die künftige Politik der SPD-Führung eine Aufgabe ihrer bisher prinzipiellen Ablehnung erwarten. Die von Duverger und Schmid in eine breite internationale Öffentlichkeit getragene Debatte um die Remilitarisierung Westdeutschlands wurde jedenfalls mit immer stärkerer Intensität fortgesetzt.

Ein halbes Jahr später – das Grundgesetz der BRD war zehn Tage zuvor in der abschließenden Sitzung des Parlamentarischen Rates verabschiedet worden – legte Duverger wiederum in Le Monde und in der Welt nach. In einem am 2. Juni 1949 publizierten Artikel schlug er vor, dass die entstehende Bundesrepublik Deutschland Mitglied des am 4. April 1949 gegründeten Militärbündnisses »Atlantikpakt«, der NATO also, werden sollte. Und am 22. September 1949 las man wiederum in der Welt einen Beitrag Duvergers, in dem er schon in der Überschrift für die Gleichberechtigung Westdeutschlands mit Frankreich eintrat und ein weiteres Mal den Abschluss eines französisch-deutschen Bündnisses forderte.

Derartige Vorschläge beunruhigten die Öffentlichkeit, besonders in Frankreich und Großbritannien. Dies galt um so mehr, als offenbar auch die US-Regierung ähnliche Überlegungen anstellte. Schweizer Zeitungen, so berichtete die Welt am 4. August 1949, teilten mit, dass innerhalb der Truman-Administration und im Kongress die Bereitschaft vorhanden sei, eine »beschränkte deutsche Aufrüstung« anzustreben. Ganz in diesem Sinne meldeten Welt am Sonntag und Welt am 9. Oktober bzw. am 24. November 1949, dass die Senatoren Millard Tydings (Vorsitzender des Militärausschusses im Senat) und Elmer Thomas eine Mitgliedschaft der soeben gegründeten BRD in der NATO sowie die Aufstellung einer »gewissen Anzahl von Divisionen«, bestehend aus westdeutschen Soldaten, vorgeschlagen hätten. General Omar Bradley, Vorsitzender des Vereinigten Generalstabs der US-Streitkräfte, ließ zur gleichen Zeit verlauten, dass er zwar »zum gegenwärtigen Zeitpunkt« nicht für eine Wiederaufrüstung der BRD sei, diese Frage müsse aber abhängig »von den Umständen« entschieden werden.

Wie wurde die Debatte in London und Paris geführt? Hier war es nötig, die Öffentlichkeit zu beruhigen, indem derartige Diskussionen als rein theoretisch und von keinerlei aktueller Bedeutung abgetan wurden. In London fühlte sich die Regierung deshalb genötigt zu erklären, die Pläne des US-Präsidenten Harry S. ­Truman und seines Außenministers Dean Acheson zur Remilitarisierung der BRD seien inexistent. Aber allen Dementis zum Trotz wuchs am Ende des Jahres 1949 die Anzahl von Politikern, Publizisten und Militärs, die sich öffentlich für die Schaffung einer westdeutschen Armee aussprachen. Die führende englische Wirtschaftszeitschrift The Economist erklärte eine solche Armee für »unvermeidlich«, der bereits zitierte US-Senator Elmer Thomas verstieg sich bei einem Aufenthalt in London sogar zu der Formulierung, dass (West-)»Deutschland eine große Macht werden« müsse.

In Frankreich meldeten sich verschiedene Stimmen zu Wort. Während Informationsminister Pierre-Henri Teitgen und Außenminister Robert Schuman behaupteten, Frankreich werde der geforderten Wiederaufrüstung nicht zustimmen, solle aber mit einer Eingliederung der BRD in übernationale wirtschaftliche und politische Strukturen einverstanden sein, ließ General Charles de Gaulle angesichts der im August 1949 erfolgten Explosion der ersten sowjetischen Atombombe erahnen, dass er unter gewissen Bedingungen einer neu zu schaffenden westdeutschen Armee zustimmen könnte. US-Außenminister Dean Acheson stimmte in diesen Chor ein, ließ aber verlauten, dass erst eine starke französische Armee aufgebaut werden müsse, bevor an eine Remilitarisierung des westdeutschen Staates zu denken sei.

Atombewaffnung der Bundeswehr

Und was sagte Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler der BRD? Der Tagesspiegel meldete am 20. November 1949, der Regierungschef wünsche keine neue Armee, weil er dadurch eine Wiederbelebung »militaristischer Ideen« befürchte. Nur kurz darauf, am 6. Dezember, überschrieb dieselbe Zeitung einen Artikel »Adenauer grundsätzlich gegen Wiederaufrüstung«. Doch der Wahrheitsgehalt dieser Aussagen, das sollte die Entwicklung der kommenden Jahre beweisen, war nicht sehr hoch zu veranschlagen. Die in der Presse und von Regierungsvertretern sowie Publizisten in Washington, London und Paris geführte Wiederaufrüstungsdebatte der Jahre 1948/49, in die alsbald westdeutsche Prominenz mit einstimmte, wurde in den kommenden Jahren zum beherrschenden Thema bundesdeutscher Innenpolitik und der Beziehungen zwischen Ost und West.

Am Ende stellte die BRD das größte Truppenkontingent der NATO in Europa, und die Bundeswehr galt als eine sehr moderne und kampfkräftige Armee, die bald auch mit US-amerikanischen Atomwaffen und den dazugehörenden Trägersystemen ausgerüstet wurde. Diese nuklearen Waffensysteme blieben allerdings bis zum heutigen Tag in der Verfügungsgewalt der US-Streitkräfte. Dennoch: Die BRD hatte nun einen Finger am atomaren Abzug, konnte – wie es der Herausgeber des Spiegel, Rudolf Augstein, formulierte – »als Teilhaber eines atomaren (vielleicht gar präventiven) Schlages gleichberechtigt dazustehen«. Konrad Adenauer verharmloste im übrigen die Bedeutung der atomaren Bewaffnung während einer Pressekonferenz am 5. April 1957 in Bonn mit den oft zitierten Worten: »Unterscheiden Sie doch die taktischen und die großen atomaren Waffen. Die taktischen Waffen sind nichts weiter als die Weiterentwicklung der Artillerie.«

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Projekts »Die doppelte Staatsgründung 1949« des Zeitgeschichtlichen Archivs e. V. Die Ergebnisse dieses Projektes werden am 4. November im Kulturgut Alt-Marzahn im Rahmen einer ganztägigen Konferenz »2mal Deutschland« präsentiert. Nähere Informationen: https://www.deutschland1949.de

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