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Aus: Ausgabe vom 28.10.2019, Seite 7 / Ausland
Israel/Iran

Nicht mehr unverletzlich

Israel: Sondersitzung des Sicherheitskabinetts zu »iranischer Bedrohung«
Von Knut Mellenthin
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Die beschädigten Ölproduktionsanlagen in Saudi-Arabien (20.9.2019)

Israel bereitet sich demonstrativ auf einen Krieg gegen den Iran »und seine Hilfskräfte« vor. Am morgigen Dienstag soll das Sicherheitskabinett zum zweiten Mal in diesem Monat zu einer Sondersitzung zusammenkommen. Dem Gremium gehören der Premier, die Minister für Verteidigung, Außenpolitik, Innere Sicherheit, Justiz und Finanzwesen, die Chefs weiterer Ministerien nach Bedarf sowie als ständige geladene Teilnehmer der Generalstaatsanwalt und der Nationale Sicherheitsberater an.

Die erste Sondersitzung dieses Monats zur »iranischen Bedrohung« hatte am 6. Oktober stattgefunden. Das Datum, der Jahrestag des Beginns des Oktoberkriegs von 1973, war vermutlich nicht zufällig gewählt worden. Ägypten und Syrien unternahmen damals eine gemeinsame Angriffsoperation, um ihre im Junikrieg 1967 verlorenen Gebiete zurückzugewinnen. Die Regierung des zionistischen Staates sah sich 1973 in der Anfangsphase der arabischen Offensive in höchster Gefahr. Ob die Bedrohung tatsächlich bestand, darf zumindest bezweifelt werden. Kein einziger gegnerischer Soldat überschritt während des Oktoberkriegs die israelische Grenze. Der ägyptische Vorstoß auf der seit 1967 besetzten Sinaihalbinsel kam nur wenige Kilometer voran, bevor die Truppen durch eine israelische Gegenoffensive weit zurückgeworfen wurde.

Während der Sitzung des Sicherheitskabinetts am 6. Oktober wurde israelischen Pressemeldungen zufolge beschlossen, umgerechnet 290 Millionen US-Dollar zusätzlich auszugeben, um die Luftabwehr vor allem gegen iranische Cruise Missiles und Drohnen zu verstärken. Gegen solche in geringen Höhen operierenden Fluggeräte sei Israel gegenwärtig nur unzureichend geschützt, heißt es zur Begründung, als sei mit dem Einsatz dieser Waffen bisher noch gar nicht zu rechnen gewesen.

In Wirklichkeit war die technische Entwicklung im Iran den westlichen Militäraufklärern selbstverständlich bekannt. Deren Effektivität, besonders im kombinierten Einsatz einer größeren Zahl dieser Flugkörper, war aber anscheinend bis zu dem erfolgreichen Angriff vom 14. September gegen Saudi-Arabien, an dem angeblich 18 Drohnen und sieben Cruise Missiles beteiligt waren, unterschätzt worden.

Seit dem Libanon-Krieg von 2006 hat Israel seine Luftabwehr mit finanzieller und technischer Unterstützung durch die USA stark ausgebaut. Die unpräzisen, mit vergleichsweise geringen Mengen Sprengstoff beladenen Raketen aus dem Gazastreifen stellten aber bisher keine ernsthafte Herausforderung dar, an der sich die wirkliche Leistungsfähigkeit der israelischen Defensivsysteme messen ließe. Die Operation vom 14. September, die zeitweise fast die Hälfte der saudischen Erdölproduktion unterbrach, hat die politische und militärische Führung des zionistischen Staates zur Überprüfung ihrer Einschätzung der Lage und ihrer Vorgehensweise gegen den Iran gezwungen.

In den letzten Jahren, sprunghaft zunehmend seit Anfang 2018, hat Israel »Hunderte« von Zielen in Syrien unter Bruch internationalen Rechts angriffen und sich im Gegensatz zur üblichen Praxis auch offen und herausfordernd dazu bekannt. Bis jetzt kam es zu keinem Gegenschlag Irans oder anderer Verbündeter. In diesen Tagen berichten israelische Medien jedoch, wobei die Quellen der angeblichen Erkenntnisse unklar bleiben, dass in Teheran die Entscheidung gefallen sei, derartige Angriffe künftig nicht mehr passiv hinzunehmen.

Vor diesem Hintergrund wird in Israel von der »Unvermeidlichkeit« eines Krieges gegen den Iran gesprochen, ohne dass anscheinend schon klare Vorstellungen über dessen Formen und Ausmaß bestehen. Ein politisches Beiprodukt ist, dass nach zwei entscheidungslosen Parlamentswahlen in diesem Jahr, am 9. April und am 17. September, die Chancen für die Bildung einer »breiten Einheitsregierung« wachsen.

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