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Aus: Ausgabe vom 28.10.2019, Seite 1 / Titel
Syrien

Kalif von Ankaras Gnaden

Trump: IS-Führer Baghdadi in syrischer Provinz Idlib getötet. SDK lieferten Informationen über Aufenthaltsort
Von Nick Brauns
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Russland zweifelt an der US-Operation gegen IS-Anführer Abu Bakr Al-Baghdadi (29.4.2019)

Der selbsterklärte Kalif der dschihadistischen Terrororganisation »Islamischer Staat« (IS), Abu Bakr Al-Baghdadi, soll bei einer Operation des US-Militärs in der Provinz Idlib im Nordwesten Syriens getötet worden sein. Baghdadi habe sich und drei seiner Kinder nach dem Angriff der US-Spezialeinheiten mit einem Sprengstoffgürtel in einem Tunnel unter seinem Haus selbst in die Luft gesprengt, erklärte US-Präsident Donald Trump am Sonntag. Der Zugriff erfolgte demnach im Dorf Barischa rund fünf Kilometer von der Grenze zur Türkei entfernt. Der syrische Al-Qaida-Ableger »Haiat Tahrir Al-Sham« (HTS) und die türkische Armee, die in ­Idlib ein Dutzend Beobachtungsposten unterhält, kontrollieren gemeinsam diese Provinz.

Trump bedankte sich bei Russland, Syrien, dem Irak, der Türkei und den syrischen Kurden für ihre Kooperation bei der Operation gegen Baghdadi. Die Rolle der Türkei beschränkte sich dabei darauf, den Überflug der acht Kampfhubschrauber, die 700 Kilometer von Idlib entfernt im nordirakischen Erbil gestartet waren, über türkisches Territorium zu gestatten. Eine Schlüsselrolle bei der Aufklärung von Baghdadis Aufenthaltsort sollen dagegen die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDK) gespielt haben, die bereits Ende März gegenüber dem Nachrichtenportal Kurdistan 24 gewarnt hatten, dass der selbsterklärte Kalif mit weiteren IS-Führern nach Idlib unter türkischen Schutz geflohen sei. »Baghdadi wurde in einer gemeinsamen Operation getötet, die eigentlich schon vor einem Monat stattfinden sollte, aber aufgrund der türkischen Angriffe verschoben wurde«, bestätigte SDK-Sprecher Redur Khelil am Sonntag auf einer Pressekonferenz im syrischen Hasaka eine direkte Beteiligung seiner Leute an dem Kommandounternehmen.

Das russische Verteidigungsministerium hat am Sonntag nach Trumps Mitteilung Beweise für die Operation gefordert. Die widersprüchlichen Angaben der mutmaßlich Beteiligten ließen Zweifel aufkommen, so Generalmajor Igor Konaschenkow.

Unterdessen begannen die SDK am selben Tag, ihre Einheiten aus der syrisch-türkischen Grenzregion abzuziehen. In einer Erklärung hieß es, der Rückzug erfolge nach intensiven Diskussionen mit der russischen Führung im Einklang mit dem in der vergangenen Woche in Sotschi vereinbarten russisch-türkischen Memorandum, »um die türkische Aggression gegen Nordsyrien zu stoppen«.

Die syrische Regierung, deren Truppen nun den Grenzschutz übernahmen, begrüßte den Rückzug der SDK und erklärte, Ankara habe keine Legitimation mehr für weitere Angriffe auf Nordsyrien. Trotz der mit Moskau vereinbarten Waffenruhe hatten die türkische Armee und ihre dschihadistischen Söldner am Wochenende ihre Angriffe auf syrische Dörfer bei der besetzten Grenzstadt Ras Al-Ain fortgesetzt. Dabei kam es am Sonntag nach Angaben der staatlichen syrischen Nachrichtenagentur SANA zu einem Gefecht zwischen der Syrisch-Arabischen Armee und türkischen Besatzungstruppen.

Während Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) es versäumte, am Sonnabend auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit seinem türkischen Amtskollegen Mevlüt Cavusoglu in Ankara den türkischen Einmarsch in Nordsyrien klar zu verurteilen, wies er den Vorschlag der deutschen Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) zu einer »internationalen Schutzzone« als unrealistisch zurück. Priorität habe der Kampf gegen den IS, erklärte Maas in völliger Ignoranz der dokumentierten langjährigen Kooperation zwischen Ankara und der dschihadistischen Terrororganisation.

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