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Aus: Ausgabe vom 23.10.2019, Seite 16 / Sport

Schampusglanzparaden

Von André Dahlmeyer
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Klassischer »Fla-Flu«: Flamengos Bruno Henrique (l.) feiert das 1:0 gegen Fluminense (Rio de Janeiro, 20.10.2019)

Einen wunderschönen guten Morgen! Der Clube de Regatas do Flamengo aus Rio de Janeiro ist derzeit das Maß aller Dinge in Lateinamerika. Heute nacht (Ortszeit) kickt der brasilianische Vizemeister der vorigen Saison gegen Grêmio Foot-Ball Porto Alegrense im Estádio Jornalista Mário Filho, besser bekannt als Maracanã (oder auch Maraca) um ein Ticket für das Endspiel der Copa Libertadores. Der Hinkampf in der Arena do Grêmio fand vor drei Wochen statt und ging 1:1 aus. Bruno Henrique hatte die Gäste zwanzig Minuten vor Schluss in Führung gebracht, Pepê kurz vor dem Abpfiff noch ausgeglichen. Unwahrscheinlich, dass das Team aus dem Bundesstaat Rio Grande do Sul am Zuckerhut noch eine Chance hat.

Der Gegner von – wahrscheinlich – Flamengo wurde bereits gestern abend in Buenos Aires zwischen den Boca Juniors und Titelverteidiger River Plate (Hinkampf 0:2) ermittelt. Ob das Finale der Libertadores (erstmals ohne Rückspiel und an neutralem Ort) am 23. November wie geplant im Nationalstadion des Talkessels von Santiago de Chile ausgetragen wird, ist nach dem staatsterroristischen Massaker (bisher 13 Tote, über 2.000 Verhaftungen) völlig unklar. Auf Anfrage von Nomadensportstudio teilte der südamerikanische Fußballverband Conmebol mit, er prüfe »den Sachverhalt« derzeit.

Während River Plate (3:3 bei Arsenal de Sarandí) und Boca Juniors (0:1 gegen Meister Racing Club) in der argentinischen Superliga bereits am Freitag spielten (normalerweise kicken sie am Sonntag, dem Fußball- und Grilltag der Silberländer) und nicht gerade ihre Startelfen aufs Feld schickten, war Flamengo erst am Sonntag dran und konnte nicht so, wie es wollte, denn der Gegner im Maracanã hieß ausgerechnet Fluminense Football Club aus dem Süden von Rio. Ein klassischer »Fla-Flu«, und das ausgerechnet drei Tage vor dem wichtigsten Spiel des Vereins seit Dekaden.

Zugute kam den Rot-Schwarzen, dass der Exwolfsburger und Real-Madrid-Bezwinger Bruno Henrique bereits nach vier Minuten auf dem Weg zum fünften Liga-Sieg hintereinander per Dez vom Fünfmeterraum seinen 13. Ligatreffer zur Führung einnetzte. (Hier kurz durchatmen.) Kurz zuvor war Gabigol noch mit einem Flachschuss an Gästetormann Muriel gescheitert. In der Folge konnten sich beide Torrumsteher nicht über Arbeit beklagen. In Minute zehn wurde Gabigol im Sanktionsraum umgesemmelt, was aber folgenlos blieb. Es ging hin und her. Torraumszenen zuhauf, aber kein Ball weit und breit, der die Fischreusen eines abgewrackten Aluminiumgestänges penetriert hätte. Dafür Schampusglanzparaden für die Vitrine.

Mitte der zweiten Halbzeit machte Gerson mit einem Linksschuss aus dem Sechzehner den Sack zu. Die Pille wurde von einem herumstreunenden Fastverteidiger in bester Mittelstürmermanier und also mit Köpfchen unhaltbar verwandelt – aber eben Gerson zugeschrieben. Sakkra! Endstand: Cariocas 2 Cariocas 0. Flafliflaflu! Die große Flatter!

Mit dem Sieg baute Flamengo seinen Vorsprung vor dem Erzrivalen auf 35 (!) Punkte aus. Der »Flu« ist drei Punkte von den Abstiegsrängen entfernt. Flamengo ist mit zehn Punkten Vorsprung auf Palmeiras Tabellenanführer des Brasileirão. Alle Verfolger, außer dem FC São Paulo (1:0 gegen den Letzten Avai), patzten. Palmeiras spielte auswärts Remis. Corinthians, Internacional und Sampaoli-Klub FC Santos konnten gar nicht punkten. Grêmio verlor die Generalprobe für heute abend bei Fortaleza mit 1:2 und ist nur auf einem Platz, der für die Copa Sud­americana 2020 qualifiziert. Glück auf!

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