Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 23.10.2019, Seite 10 / Feuilleton
Pop

»Du, John, ich kenne die!«

David Julian Kirchner entdeckt die Freuden von Pop als Konzeptkunst zwischen Affirmation und Subversion neu
Von Ulrich Kriest
Sandwich Business
»Hier könnte etwas von Bedeutung stehen«

Mit Ruhm bekleckert hat sich in den ersten 16 Jahren seit der Gründung 2003 die in Mannheim beheimatete Popakademie Baden-Württemberg nicht gerade. Von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, die man einmal differenziert unter die Lupe nehmen müsste (Konstantin Gropper!), führt ein Studium in der Hafenstraße künstlerisch direkt in die Tourbands von Max Giesinger, Philipp Poisel oder Tim Bendzko oder aber geschäftlich in die Führungsetagen von Universal Music, Four Music und Chimperator. Da ist man dann doch überrascht, wenn David Julian Kirchner als Absolvent der Popakademie nicht nur beide Zweige der einschlägigen Ausbildung, also hier Handwerk, da Business, in einem Projekt zu vereinen versucht, sondern dieses kühne Unterfangen auch noch poptheoretisch reflektiert derart aufbläht, dass Überaffirmation und Subversion in eins fallen und zu einem Gesamtkunstwerk namens Kirchner Hochtief verschmelzen.

Zumindest in der Theorie. Zumindest als Welteroberungsplan. Ein bisschen wirkt das Projekt Kirchner Hochtief so, als habe sich jemand an die British Electric Foundation (B. E. F.) Anfang der 80er Jahre erinnert und die Idee sozusagen auf den aktuellen Stand der Kulturindustrie gebracht. Seinerzeit trennten sich Ian Craig Marsh und Martyn Ware von The Human League und gründeten die Produktionsfirma B. E. F., deren subversiver Spross das kurzfristig kommerziell erfolgreiche Projekt Heaven 17 (»We Don’t Need That Fascist Groove Thang!«) war, während die Produktionsfirma sich um Musikerinnen und Musiker wie Gary Glitter, Tina Turner, Paula Yates, Paul Jones, Sandie Shaw oder Billy MacKenzie bemühte, um »Music of Quality and Distinction« zu produzieren.

Man schaue sich nur das »Penthouse and Pavement«-Cover von Heaven 17 an: Linker Synthiepop, dargeboten von einem Anzüge tragenden Trio, das sich als internationale Player (Sheffield – Edinburgh – London) inszeniert. Hier setzt, wenn man so will, David Julian Kirchner, übrigens Jahrgang 1982, erneut an. Heutzutage ist es ja durchaus nicht unüblich, dass ein erfolgreicher Popstar nebenher noch eine Modelinie laufen hat, ein Parfüm unter dem eigenen Label vertreibt oder überhaupt crossmedial aktiv ist. Weil das neueste Smartphone mehr Distinktionsgewinn verspricht als das Wissen um den perfekten Popsong.

Kirchner, den es einst aus Mainz nach Mannheim verschlug, stellt dieses konventionelle Karriere­design nachgerade lausbübisch von den Füßen auf den Kopf. Er inszeniert sich als CEO eines weltweit operierenden Imperiums namens Kirchner Hochtief, das nicht nur über eine Modelinie, Parfüm und Markenlogo verfügt, sondern auch über einen eigenen Streamingdienst (»Hochtiefy«) und einen eigenen Youtube-Kanal.

Und dann, fast vergessen, ist da ja auch noch die Musik von Kirchner Hochtief. In seinen hochinteressanten Videoclips »Arebours« (Stichwort: Joris-Karl Huysmans) und »John F.« entwirft sich Kirchner als von Klaus Kinski inspirierter Staatsgründer in einer Schrebergartensiedlung oder aber, mit Diedrich Diederichsens Theoriewerk »Über Popmusik« unterm Arm, als mit allen Wassern gewaschener Pop-Philosoph, der »Pop an sich als transformatorisches Prinzip« erklärt und dann das »superschöne Germany« zum wilden Ritt durch die Kunstgeschichte (Warhol, Duchamp, Polke) einlädt, um schließlich mit der Pointe »Hier könnte etwas von Bedeutung stehen!« den Kopfstand zu wagen. Oder wagen zu lassen. Kirchner liebt das Vexierbild, das Assoziierende: »Keiner fasst mich an. Ich habe nämlich keine guten Räder. Ich habe nicht mal guten Rat. Rate mal, warum! Weil ich nicht gern gehe. Aber auch nicht in der Lage bin. Weil ich nicht mehr liege. Sondern aufstehen will. Aber wofür? Wogegen?«

Man kann sagen, dass Kirchner Hochtief ziemlich viel Überbau braucht, um sein Debütalbum »Evakuiert das Ich-Gebäude« clever zu lancieren. Präsentiert wurde es übrigens als begehbares Objekt im Mannheimer »Port 25 – Raum für Gegenwartskunst«. Anders als etwa noch Heaven 17, The Style Council oder Scritti Politti geht es Kirchner Hochtief nicht mehr darum, subversive Inhalte in die Mainstreamkanäle zu schmuggeln, sondern er will autonome Strukturen schaffen, die es ihm ermöglichen, seinen nichtformatierten Zehnminütern eine Öffentlichkeit zu verschaffen, die auf SWR 3, Eins live oder via Universal unmöglich sind. Auf »Evakuiert das Ich-Gebäude« ist übrigens (noch) keiner der zwischen Noise-Rock und Hamburger Schule changierenden Songs länger als fünf Minuten. Aber man kann schließlich nicht alles haben, oder?

Kirchner Hochtief: »Evakuiert das Ich-Gebäude« (Staatsakt)

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