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Aus: Ausgabe vom 19.10.2019, Seite 8 / Ansichten

Es passt immer alles

Geheimdienstler und der Lübcke-Mord
Von Sebastian Carlens
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Tatort Wolfhagen-Istha bei Kassel: Das Haus Walter Lübckes, der auf der Terrasse erschossen wurde

Andreas Temme ist mit Sicherheit nicht der einzige Mitarbeiter eines deutschen Inlandsgeheimdienstes, der einen Mord des »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU) live miterlebt hat – aber der einzige, der uns namentlich bekannt ist. Temme, zu dieser Zeit beim hessischen Landesamt für Verfassungsschutz, hielt sich am 6. April 2006 in einem Kasseler Internetcafé auf, während dort der Betreiber Halit Yozgat niedergeschossen wurde und verblutete. Der Geheimdienstler galt zunächst als Haupttatverdächtiger, kam in Untersuchungshaft, später verstrickte er sich immer weiter in Widersprüche: Er muss vorab dienstlich über die geplante Tat informiert gewesen sein. Doch er hatte Glück, der Mord an Yozgat wurde dem NSU zugerechnet – eine Anwesenheit der Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt konnte für Tatort und -zeit jedoch nie nachgewiesen werden. Doch Tote können nicht mehr aussagen. Der Verfassungsschützer, ein geübter Sportschütze, will weder die Schüsse wenige Meter neben seinem Computer noch den sterbenden Yozgat hinter dem Ladentresen bemerkt haben. Die Serie rassistischer Morde brach danach übrigens ab, bis zum Ende des NSU über vier Jahre später wurden dem Trio keine weiteren Morde an Migranten zugeordnet.

Außer einer Versetzung passierte Temme (Spitzname »Klein Adolf«), der eine Reihe von Auftritten in Untersuchungsausschüssen und vor Gericht zu absolvieren hatte, nichts. Seine neue Arbeitsstelle liegt ebenfalls in Kassel: im Regierungspräsidium. Oberster Vorgesetzter: Walter Lübcke. Lübcke wurde am 2. Juni 2019 erschossen, der Neonazi Stephan Ernst gestand die Tat zunächst, widerrief das Geständnis jedoch später.

Temme, ein unscheinbarer, optisch konturloser Typ, beklagte sich vor den Ausschüssen: Er sei in eine Sache hineingeraten, von einer Unglückssträhne verfolgt. Aus einem Chat (Nickname: »wildman70«) mit einer Geliebten im Internetcafé sei ein Mordverdacht gegen ihn entstanden. Wenn er die Wahrheit sagt, dann ist es noch viel schlimmer: Er wäre der größte Pechvogel aller Zeiten. Denn die unglaubwürdige Geschichte nimmt noch eine weitere Wendung. Es war Geheimdienstler Temme, der – angeblich bis 2006 – dienstlich mit dem Fall Ernst betraut war. Dieser war als vorbestrafter Gewalttäter und aktenkundiger Neonazi ein Zielobjekt des Verfassungsschutzes; 2009 soll er allerdings »vom Radar der Behörden verschwunden« sein. Nur um zehn Jahre später wieder aufzutauchen und mutmaßlich Walter Lübcke zu ermorden.

Hinter Temme und der Operation Internetcafé ist so gründlich aufgeräumt worden, dass ihm auch diesmal kaum etwas nachzuweisen sein wird. Und doch: Legt man Ockhams Rasiermesser an, ist es der Zufall, der hier weggeschnitten werden muss, denn er erfordert die meisten und kompliziertesten Zusatzannahmen, ist damit also unwahrscheinlichste Erklärung für all diese Geschehnisse.

Debatte

  • Beitrag von Jens S. aus B. (19. Oktober 2019 um 15:58 Uhr)
    Es ist keine Sophisterei, drauf zu bestehen, den Kasten mit den positivistischen Werkzeugen, wie Ockhams Rasiermesser, denen zu überlassen, die an Erkenntnis nur beschränktes Interesse haben und sich selbst lieber der Dialektik zu bedienen, in diesem Fall unter anderem der von Zufall und Notwendigkeit.

    So wird man vor dem Schluss bewahrt, man müsse ne bestimmte Verschwörung aufdecken, beweisen und juristisch aburteilen, um die Gesellschaft etwas humanistischer zu gestalten - und sich in der Beweissuche zu verbeißen, wenn man doch nur auf Zufälle statt auf handfeste Absprachen stößt.

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