Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 16.10.2019, Seite 15 / Antifa
Antifaschistisches Infoblatt

Digital vernetzte Rechtsterroristen

Antifaschistisches Infoblatt mit Schwerpunkt zu neuem Tätertyp
Von Felix Clay
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Der Attentäter von Halle wird von Polizisten zur Haftprüfung vor den Bundesgerichtshof gebracht (Karlsruhe, 10.10.2019)

Titel und Covermotiv wirken angesichts des antisemitischen und rassistischen Anschlags von Stephan Balliet vom 9. Oktober schon fast prophetisch. Das Schwerpunktthema des aktuellen Antifaschistischen Infoblatts (AIB) lautet »White Power Terrorists – rassistisch motiviert und digital vernetzt«. Als Redaktionsschluss wird der 22. September angegeben. Trotzdem bieten die Beiträge bereits Teile der Analyse des Angriffs auf die Synagoge und der Morde von Halle an der Saale.

So erfährt der Leser aus dem Text von Roland Sieber »Virtuell vernetzter Rechtsterrorismus« etwas zu den mutmaßlichen Vorbildern des Schützen von Halle: Anders Breivik und den Attentätern von München, Christchurch und El Paso. Sieber sieht starke Anleihen an Genres der Videospielszene, da sich die Täter als »Ego-Shooter« inszenierten, »wobei der Terrorist zum Single-Player wird« und von seinem Publikum mit »Highscores« belohnt werde. Dies habe mit dem norwegischen Rechtsterroristen Breivik begonnen. Dieser zündete am 22. Juli 2011 eine Autobombe vor einem Regierungsgebäude in Oslo und erschoss auf einer Ferieninsel der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF 67 überwiegend jugendliche Teilnehmer eines Feriencamps. Das Neue an diesem »einsamen Wolf«, dem »Lone-wolf«- Rechtsterroristen sei, dass er seine Tat im Vorfeld im Internet vorbereite und dabei seine politische Rechtfertigung aus Blogs und Foren der extremen Rechten zusammenschreibe. Seine Anstiftung zur Nachahmung verbreite er ebenfalls auf öffentlich zugänglichen Plattformen wie Youtube.

Die rechtsterroristischen Attentäter inszenieren sich seither vermehrt als kompromisslose Schützen, wie in einem Videospiel oder Action-Film, und addressieren so primär die eigene »Community«. Es sind stets dieselben »neurechten« Schlagwörter faschistischer Propaganda vom »großen Austausch« oder von der »Umvolkung«, die sie in ihren populär verpackten, internettauglichen Botschaften von sich geben. Oft sind es aber auch nur die alten rassistischen, antisemitischen und homophoben Ansichten, die rechte Gewalttäter schon vor 100 Jahren in der Weimarer Republik motivierten. Gepaart werden diese mit »Apokalypse und Endzeitvorstellungen als Tradition in extrem rechter Agitation«, auf die Marc Dietz in seinem Beitrag zu Vorbereitungen auf einen imaginären »Tag X« eingeht. Highlight der vorliegenden Ausgabe ist der Beitrag der Journalistin Veronika Kracher. Darin klärt sie über die antifeministische »Incel«-Szene »unfreiwillig« im »Zöllibat« lebender Männer auf, welche mit Stephan Balliet nun auch einen Mörder in Deutschland als Repräsentanten hat und starke Verbindungen zu der extrem Rechten aufweist.

Das AIB-Kollektiv kann im Vorwort mitteilen, dass »angesichts der zuletzt stets hohen Nachfrage nun auch die Auflage erhöht« wird. Für das aktuelle Heft gilt: Es ist Pflichtlektüre für Antifaschistinnen und Antifaschisten, um gut informiert aktiv zu sein.

Antifaschistisches Infoblatt, Nr. 124: White Power Terrorists – rassistisch motiviert und digital vernetzt. 68 Seiten, 3,50 Euro, Bezug: antifainfoblatt.de. Das Heft ist auch über den jW-Shop erhältlich, Telefon: 030/53 63 55 37

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