Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 16.10.2019, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Freiheit

Von Andreas Arndt
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Freiheit, die sie meinen. BRD-Symbole vor der Ständigen Vertretung der DDR in Bonn, August 1976

Es sei, so verkündete am 5. Oktober dieses Jahres ein Ökonom in der FAZ, »höchste Zeit, die Erzählung von der Freiheit offensiv zu verbreiten«. Die Feinde der Freiheit machte der Autor, Thomas Mayer, ehemaliger Chefvolkswirt der Deutschen Bank, jetzt Honorarprofessor an der Universität Witten-Herdecke, auch gleich aus: »Links-grüne Theoretiker und politische Aktivisten kämpfen gegen die liberale Erzählung, weil sie den Menschen ihre Lebensziele aufdrängen wollen, statt sie ihre eigenen Ziele verfolgen zu lassen.«

Freiheit wird hier mit »freie Marktwirtschaft« gleichgesetzt: Jeder handelt für seine eigenen Interessen, und alles wird gut. Das ist reflexhaft immer dann zu hören, wenn diese Freiheit – die des Marktes – kritisch hinterfragt wird. Redet die Kritik einer bestimmten Auffassung von Freiheit aber der Unfreiheit das Wort, wie uns hier eingeredet wird? Tatsächlich ist Freiheit immer historisch-konkret bestimmt. Zwar gibt es so etwas wie eine allgemeine negative Grundbestimmung – Freiheit meint immer Selbstbestimmung statt Fremdbestimmung, also: nicht der Willkür Anderer unterworfen zu sein –, das ist aber noch nicht einmal die halbe Wahrheit.

Zu fragen ist nämlich erstens, für wen diese Freiheit gilt. Historisch gesehen ist Freiheit zunächst ein Privileg: Wer frei ist, hebt sich aus der Masse der Unfreien heraus und gehört zur herrschenden Schicht. Erst in der Moderne setzt sich langsam die Auffassung durch, dass alle Menschen – ungeachtet ihrer Herkunft oder ihres Geschlechts – frei und gleich seien. Menschen sind nicht schon immer frei, sondern sie befreien sich zur Freiheit. Was Freiheit heißt, ist demnach geschichtlich bestimmt – und es gibt nicht die Erzählung von der Freiheit, sondern von der Geschichte der Freiheit.

Und zweitens gilt, dass nicht jede Abhängigkeit Unfreiheit bedeutet, sondern nur die Abhängigkeit von der Willkür anderer Menschen. Niemand wird ernsthaft behaupten wollen, dass wir unfrei sind, weil unser Sein durch Naturgesetze bestimmt wird. Das gilt freilich auch für das gesellschaftliche Sein. Die Menschen leben schon immer in gesellschaftlichen Beziehungen, die sie nicht ignorieren oder beliebig manipulieren können. Freiheit ist, wie Engels in Übereinstimmung mit Hegel sagt, Einsicht in die Notwendigkeit. Das heißt: Frei handeln können wir nur im Rahmen objektiver Möglichkeiten.

Daraus folgt drittens, dass Freiheit nicht abstrakt – bezogen nur auf das einzelne Individuum und seine subjektiven Interessen – bestimmt werden kann, sondern nur konkret, im Zusammenhang der Einzelnen mit Anderen und im Verhältnis zur Natur. Konkrete Freiheit hat daher immer auch Grenzen und bleibt insofern Stückwerk. Die romantische Sehnsucht nach der ganz großen Ungebundenheit vergisst, dass wir nur innerhalb der Bindungen des gesellschaftlichen Naturverhältnisses frei sein können.

Und schließlich gilt: Freiheit bemisst sich immer an den realen Möglichkeiten, gesellschaftliche und natürliche Abhängigkeiten aufzuheben. Da diese sich geschichtlich entwickeln, verlangt sie immer wieder die Anstrengung der Befreiung. Freiheit ist kein Zustand, sondern ein Prozess.

Thomas Mayers liberale Erzählung der Freiheit ist abstrakt. Sie fragt nicht, ob in unserer Gesellschaft überhaupt alle Menschen ihre eigenen Ziele verfolgen können. Und sie redet nicht davon, dass die Natur einem unendlichen Wachstum auf unserem endlichen Planeten Grenzen setzt. Statt dessen glaubt sie blind daran, dass der Markt alles richtet. Sie nimmt uns damit die Freiheit, im Rahmen des Möglichen unser Schicksal selbst zu bestimmen. Es ist höchste Zeit, eine andere Erzählung der Freiheit offensiv zu verbreiten.

Andreas Arndt: Freiheit. Basiswissen Politik, Geschichte, Ökonomie. Papyrossa-Verlag, Köln 2019, 127 Seiten, 9,90 Euro

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