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Aus: Ausgabe vom 11.10.2019, Seite 16 / Sport
Handball

Wer hätte das gedacht?

TSV Hannover-Burgdorf ist Spitzenreiter in der Handballbundesliga
Von Oliver Rast
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»Und wir sind immer noch Tabellenführer!« – TSV-Kapitän Fabian Böhm (hier beim Spiel gegen SG Flensburg-Handewitt, 26.9.2019)

»Das ist kein Beinbruch«, sagt Sven-Sören »Smöre« Chris­tophersen im jW-Gespräch. Er ist sportlicher Leiter der TSV Hannover-Burgdorf, auch »Die Recken« genannt. In sieben Ligapartien war sein Team ohne Punktverlust, den Double-Sieger SG Flensburg-Handewitt hatten die Großraumhannoveraner in Meisterschaft und Pokal binnen einer Woche gleich zweimal geschlagen.

Nun, am achten Spieltag, ist die Serie gerissen. Bei der MT Melsungen in Nordhessen unterlagen die Recken am vergangenen Sonntag mit 25:31. »Wir sind an diesem Tag nicht an unsere volle Leistungsfähigkeit herangekommen«, so Christophersen, häufig seien seine Spieler einen halben Schritt zu spät gewesen. Gleichwohl darf sich die TSV das Etikett »saisonales Überraschungsteam« der Handballbundesliga (HBL) ans Revers heften.

Einige Kommentatoren übten sich nach dem Ausrutscher der TSV vorschnell in Unkenrufen: »Wohin geht der Blick der Recken?« (Hannoversche Allgemeine Zeitung). TSV-Kapitän Fabian Böhm schätzte für die Handballexperten von der Pressetribüne die Lage ein: »Wir haben 14 Punkte nach acht Bundesligapartien und sind immer noch Tabellenführer.« Und ergänzte: »Wer hätte das vor Saisonbeginn gedacht?«

Überhaupt sollte vielleicht weniger die Spitzenposition der Recken überraschen als vielmehr die relative spielerische Unbeständigkeit der Daueraspiranten auf den Titel, namentlich Flensburg, THW Kiel, Rhein-Neckar Löwen. Und möglicherweise täuscht die Tabellenführung noch aus einem anderen Grund: Bis auf Flensburg und die finanziell potenten und sportlich ambitionierten Melsunger hatte die TSV im ersten Saisonviertel keine hochkarätigen Kontrahenten auf der Platte.

TSV Hannover-Burgdorf ist eine Formation aus dem Mittelfeld der HBL, seit ihrer Erstligazugehörigkeit 2009 rangierten die Recken zwischen dem 6. und 14. Platz, in der vorherigen Spielzeit wurden sie Dreizehnte. Nach einem Spitzensextett komme eine Gruppe von weiteren sieben, acht Mannschaften, »mit denen wir den Kampf aufnehmen wollen«, erklärte der spanische TSV-Coach Carlos Ortega vor Saisonbeginn. Sein Ziel: »Wir wollen wieder unter die zehn besten Teams kommen.« Eine realistische Vorgabe, aber darf es nach dem Aufwärtstrend nicht auch ein bisschen mehr sein? »Ich halte nichts davon«, betont Christophersen, »Ziele ständig zu korrigieren.« Die Tabellensituation sei eine Momentaufnahme, mehr nicht.

Stark war der personelle Umbruch im Sommer: sechs Abgänge, drei Zugänge sowie einige Aufrücker aus der vereinseigenen Krabbelgruppe. Apropos Nachwuchs: Die TSV ist ein Ausbildungsbetrieb für talentierte Jungspunde – auch für die Konkurrenz. Ab kommender Saison greift Rechtsaußen Timo Kastening, wie sein Exteamkollege Kai Häfner, für Melsungen an. »Wenn du die Möglichkeit hast, Geld zu verdienen, dann tust du das, alles andere wäre gelogen«, so Kastening pointiert nach dem Match gegen seinen zukünftigen Klub. Ein schmerzhafter Verlust: In der vergangenen Spielzeit gehörte Kastening mit 190 Treffern zu den Top-Five-Schützen der HBL. Christophersen wirkt gelassen: »Dass qualitativ hochwertige Spieler bei besser situierten Vereinen auf dem Zettel stehen, ist im Leistungssport gängige Praxis und nichts, was uns exklusiv betrifft.« Trotzdem sei eine gewisse Kontinuität in der Personalpolitik ein wichtiger Erfolgsfaktor.

Die TSV-Chefetage wusste von den hartnäckigen Abwerbeversuchen der Melsunger und verpflichtete den 25jährigen dänischen Handballweltmeister Jóhan Hansen vom Spitzenklub Bjerringbro-Silkeborg zur nächsten Saison. »Johan verfügt über enorme Sprungkraft und hat ohne Frage das Potential, zukünftig verstärkt in der dänischen Nationalmannschaft eine Rolle zu spielen«, zeigte sich Ortega von den Qualitäten des Linkshänders gegenüber dem NDR überzeugt.

Jedes Team hat ein, zwei Schlüsselspieler, die nicht mal eben so ersetzt werden können. Bei der TSV ist es der Däne Morten Olsen. Mit einer aktuellen Trefferquote von 5,5 Toren pro Spiel (38 Feldtore, sechs Siebenmeter) ist er Topscorer in Ortegas Team, Spielmacher und Ideengeber sowieso. Gegen Melsungen musste er schon beim Aufwärmen passen, die Wade zwackte. Die Zerrung sei aber »nicht strukturell«, teilt Christophersen beruhigt mit.

Weitere Härtetests stehen den Recken bevor: Am Sonntag geht›s gegen den SC Magdeburg, die Bördestädter sind eine Zugnummer, die Arena dürfte proppenvoll werden. Christophersen erwartet »reichlich Emotionen«. Mit Olsen? »Das werden wir erst nach dem Abschlusstraining entscheiden.« Und am kommenden Donnerstag stellen sich die Rhein-Neckar Löwen mit Paris-Rückkehrer Uwe Gensheimer in Hannover vor. Hat das »Überraschungsteam« die erste Saisonniederlage gut verkraftet? »Das werden wir nach den Spielen sehen«, sagt »Smöre« Christophersen um die Plattitüde wissend – und lacht.

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