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Aus: Ausgabe vom 11.10.2019, Seite 15 / Feminismus
»PorYes«-Award

Nichts ohne Konsens

Erlaubt ist, was alle Beteiligten wollen – dann aber auch BDSM: Feministischer Pornofilmpreis wird in Berlin verliehen
Von Claudia Wangerin
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Lorree Erickson ist für den Film »Want« nominiert

Seit zehn Jahren versuchen »sexpositive« Feministinnen, mit dem »PorYes«-Award »den Erotikfilmmarkt zu revolutionieren«, wie die Kommunikationswissenschaftlerin Dr. Laura Méritt als eine der Initiatorinnen der Preisverleihung, die seit 2009 alle zwei Jahre stattfindet, sagt. Der Name der Auszeichnung ist ein Kontrapunkt zur »PorNO«-Kampagne, die Alice Schwarzer 1987 gestartet hatte. Statt Pornographie pauschal zu verdammen, will »PorYes« Alternativen zur Mainstreampornographie aufzeigen beziehungsweise bekannter machen.

Ausgezeichnet werden »hochwertige Erotikfilme, die vielfältige sexuelle Ausdrucksweisen weiblicher Lust zeigen und in denen Frauen bei der Filmproduktion maßgeblich beteiligt sind«, heißt es in der Selbstdarstellung des diesjährigen »PorYes«-Festivals vom 17. bis zum 21. Oktober in Berlin. Veranstalter sind der frauenorientierte Sexshop »Sexclusivitäten« und das Netzwerk »Freudenfluss«, das nach eigenen Angaben »lustvolle Bildungsarbeit« praktiziert.

»Die Pornoindustrie ist stark von sexistischen Darstellungen geprägt. Frauen werden häufig als passive Objekte gezeigt, die wie selbstverständlich die Wünsche des Mannes bedienen«, heißt es auf der Internetseite von »PorYes«. »Männer werden zu unsensiblen, irrealen Dauerständern reduziert. Damit bleibt wenig Raum für einen positiven, mutigen und bewussten Zugang zur eigenen Lust und einen wertschätzenden Umgang mit dem eigenen und anderen Körpern.« Mit der Preisverleihung solle gefeiert werden, »dass es neben diesen herkömmlichen Produktionen auch frauen-, männer-, genderfreundliche Darstellungen gibt«.

Auf der Unterstützerliste des Festivals steht allerdings auch »McHurt« – ein preiswertes Fachgeschäft für BDSM-Artikel, das im Stil der Warnhinweise auf Zigarettenpackungen mit dem Spruch »McHurt kann zu Hautrötungen und Bewegungslosigkeit beitragen« für Peitschen, Gerten und Bondageseile wirbt. Für einige Feministinnen wäre das sicher ein Widerspruch – für die »PorYes«-Veranstalterinnen ist es keiner.

»Sexpositiver Feminismus bezieht alle möglichen Praktiken ein, entscheidend ist dabei Konsens«, sagt »PorYes«-Pressesprecherin Ulla Heinrich. Die BDSM-Szene sei deshalb sogar wichtig für den sexpositiven Feminismus, weil in diesem Bereich noch am ehesten frühzeitig über Konsens und Grenzen gesprochen werde – »wie es eigentlich überall sein sollte«, so Heinrich. Es sei eine Frage der künstlerischen Freiheit, wie deutlich Konsens in feministischen Pornos sichtbar gemacht werden könne: »Zum Beispiel durch ein Nicken.«

Seit dem 20. September findet im Berliner »Sexclusivitäten«-Shop ein regelmäßiges »Feminist Porn Watching« zur Abstimmung über den Publikumspreis statt, der am 19. Oktober im Berliner Theater Hebbel am Ufer verliehen wird – nach dem Feminist Porn Award in Form der »Gläsernen Auster«, die dort um 20 Uhr eine Fachjury vergibt. Diesem Gremium gehört auch Bundesfilmpreisträgerin Ula Stöckl an. Es folgen allerdings noch zwei Tage mit Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen mit Filmemacherinnen und Produzenten – zum Beispiel über »Stereotype in der Pornographie und feministische Alternativen« sowie »selbstbestimmte sexuelle Entwürfe von asiatischen Personen, Lesben oder Menschen, die behindert werden« – die für den Film »Want« nominierte Loree Erickson sitzt selbst im Rollstuhl, der Autor und Videokünstler Wayne Yung befasst sich mit Identität aus einer queeren und chinesisch-kanadischen Perspektive; die Produzentin und Regisseurin Nan Kinney, die erste Pornofilme von und für Frauen in den späten 1980er Jahren realisierte, ist Mitgründerin des ersten lesbischen Sexmagazins On our Backs.

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