Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 11.10.2019, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Aufpoliert

Zu den Literaturnobelpreisen für Peter Handke und Olga Tokarczuk
Von Peter Merg
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Die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk, die nachträglich für 2018 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde (Foto von 2018)

Man reibt sich die Augen: Die runderneuerte Schwedische Akademie scheint ernst zu machen mit ihrem Bestreben, den doch etwas matt gewordenen Glanz des Literaturnobelpreises wieder aufzupolieren. Denn die doppelte Vergabe für die Jahre 2018 und 2019 ist ein Paukenschlag, gerade politisch.

Vor allem mit dem diesjährigen Preisträger, Peter Handke, hätte kaum jemand ernsthaft gerechnet. Der Österreicher gehört zwar schon seit den 60er Jahren zu den Größen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, doch mit dem hiesigen Betrieb hat er es sich seit den 90er Jahren verscherzt. Damals verweigerte sich der spröde Solitär der massenmedialen Hetze, die den NATO-Krieg gegen Jugoslawien begleitete, und geißelte die Aggression des westlichen Bündnisses in Essays und Appellen. Sein konsequenter Einsatz für das angegriffene Land und seine Repräsentanten hatte seine Wurzel in Handkes großer, gelegentlich gar schwärmerischen Liebe zur südslawischen Kultur, besonders der serbischen. Das nahm ihm das deutschsprachige Feuilleton natürlich krumm, weshalb fürderhin kaum ein Lob auf Handkes literarische Kraft mehr erscheinen konnte, ohne dessen politische Dissidenz nicht mindestens mit einer romantischen Verstandestrübung zu erklären.

Der künstlerische Rang seines mittlerweile recht unübersichtlichen Werks ist dagegen weitgehend unbestritten. Gerade seinen frühen Erzählungen »Die Angst des Tormanns beim Elfmeter« (1970), »Der kurze Brief zum langen Abschied« (1972) und »Wunschloses Unglück« (1972) sind von bisweilen verstörend-schöner Größe.

Der Literaturnobelpreis 2018 für Olga Tokarczuk dagegen kam weniger überraschend, zumindest, wenn man Buchmachern vertraut. Die Polin gehört zu den wichtigsten Schriftstellerinnen ihres Landes und hat sich vor allem mit phantasiereichen Romanen einen Namen gemacht. Der allgemein als ihr Opus magnum betrachtete, 1.100seitige Ziegelstein »Die Jakobsbücher« über den jüdischen Mystiker Jakob Frank ist dieses Jahr auf Deutsch erschienen. Auch Tokarczuks Auszeichnung hat eine politische Dimension, wenn auch eine weniger überraschende. Zuvörderst ist sie sicherlich eine feministische Geste – ist es doch einem gewaltigen Skandal um sexualisierte Gewalt geschuldet, dass die Preisverleihung im Jahr der »MeToo«-Bewegung um zwölf Monate verschoben wurde. Zudem hatte die Autorin den Hass polnischer Nationalisten auf sich gezogen, weil sie den Opfermythos des Landes in Frage stellte. Auch Polen hätten »als Kolonisatoren, als nationale Mehrheit, als Sklavenhalter oder Mörder von Juden schreckliche Dinge verübt«, wie sie 2015 in einem Fernsehinterview sagte. Mit ihrer Entscheidung für Tokarczuk setzt die Akademie also auch ein Zeichen gegen die anhaltende europäische Rechtsentwicklung.

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