Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 11.10.2019, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Wo ist mein Pferd?

Wildwestromantik: Tom Sommerlattes Film »Bruder Schwester Herz«
Von Holger Römers
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Von der Wirklichkeit abgekapselt: Rudi (Karsten Jaskiewicz), Hannes (Benjamin Schroeder) und Franz (Sebastian Fräsdorf)

Rinderzüchter müsste man sein! Dann könnte man morgens ausschlafen, abends Whiskey trinken, und zwischendurch gäb›s nicht viel zu tun. So stellt sich der Alltag eines überschuldeten Kleinbauern zumindest in dem deutschen Nirgendwo dar, in dem »Bruder Schwester Herz« einen latent inzestuösen Geschwisterkonflikt ansiedelt.

Tom Sommerlatte wollte nach seinem Spielfilmdebüt »Im Sommer wohnt er unten« offenbar einen modernen Western drehen. Also lässt er seine beiden Hauptfiguren von einer »Ranch« sprechen, wenn sie den gemeinsam betriebenen väterlichen Bauernhof meinen, und als Fortbewegungsmittel, abgesehen von einem Pick-up-Truck, Pferde benutzen. Ihr Faible für alles Amerikanische haben Franz (Sebastian Fräsdorf) und Lilly (Karin Hanczewski) offenbar von Vater Heinz (Wolfgang Packhäuser) geerbt, der ständig einen Cowboyhut trägt und wie ein alt gewordener Westernheld gerne auf seiner Veranda sitzt und in die Ferne blickt.

Dabei gehört zu den nebensächlichen Schwächen dieses Films, dass Sommerlatte, der auch das Drehbuch verfasst hat, sich nicht entscheiden mag, wie gebrechlich Heinz seit einem Unfall eigentlich sein soll: Einmal erfahren wir, dass er wegen einer Nachlässigkeit des Sohnes eine ganze Nacht auf der Veranda verbracht habe, da er die wenigen Schritte ins Haus nicht ohne Hilfe bewältigen könne. Ein andermal schwingt er – mit einem Stock in der Hand – das Tanzbein.

Dem 34jährigen Filmemacher würde man auch nachsehen wollen, dass er der Aufmerksamkeit seines Publikums manchmal misstraut: Zwar ist offenkundig, dass Franz sich die Uniform jugendlicher Rebellen der Generation Marlon Brandos und James Deans angeeignet hat und zu Jeans und Motorradstiefeln stets ein weißes T-Shirt trägt. Doch zur Sicherheit stößt uns die Montage noch mit der Nase auf diesen Umstand, indem sie das Bild einer Wäscheleine einstreut, an der ein weißes T-Shirt sich ans andere reiht.

Problematischer ist freilich, dass Sommerlatte seinen Stoff von der gesellschaftlichen Wirklichkeit abkapselt, so dass gelegentliche Bilder einer an den Ländereien der Familie vorbeiführenden Autobahn der einzige konkrete Berührungspunkt zu unserer Gegenwart bleiben. Vor diesem weltfremden Hintergrund fällt dann erst recht auf, dass die eskapistischen Bezüge aufs Hollywoodkino und die US-Popkultur zugleich beliebig und widersprüchlich wirken.

Was Heinz betrifft, mag man die Wildwestromantik einfach als Schrulle eines alten Kauzes betrachten. Für Lilly, die den Familienbetrieb modernisieren will, scheinen die Amerikaklischees indes eine allgemeine Hoffnung auf einen Neuanfang zu symbolisieren. Durchaus folgerichtig nimmt sie, als ihre Pläne scheitern, mit einem Amateurmusiker Reißaus, der Country-Rock singt und sich mit indianischem Klimbim schmückt. Um so kurioser ist aber, dass Franz den herbeizitierten US-amerikanischen Freiheitsmythos offenbar mit dem Gegenteil assoziiert: nämlich mit trotzigem Festhalten an der eigenen Scholle sowie an Bewirtschaftungsmethoden, die vormodern scheinen – deren auffallend geringer Arbeitsaufwand angesichts eines defizitären Ertrages jedoch schlicht widersinnig ist.

»Bruder Schwester Herz«, Regie: Tom Sommerlatte, Deutschland 2019, 105 Min., gestern angelaufen

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