Gegründet 1947 Dienstag, 15. Oktober 2019, Nr. 239
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 11.10.2019, Seite 10 / Feuilleton
Kunst

Der Spuk der Welt

Die große Schau zum 90. Geburtstag des österreichischen Künstlers Arik Brauer in der Kunsthalle Erfurt
Von Stefan Amzoll
13363061.jpg
»Das Böse zeigt sich oft prächtig, was es so gefährlich macht« – Arik Brauer bei seiner Arbeit in seinem Haus in Wien, 2008

Was ist das für einer, der in aller Farben und Schatten Pracht Menschen und Landschaften malt, der über alle bildnerischen Gestaltungsmittel souverän gebietet, der das Romantische nicht fürchtet, wohl aber als Ausdruck der Gegenwart zu mobilisieren weiß? Der Geist und Sensorium der Betrachter, statt zu befestigen, umgestalten will, dem Rückbezüge zur griechisch-römischen Antike und alttestamentarischen Tradition heilig sind, der musizierende Menschen und Tiere mindestens so gern malt wie ländliche Tänze und Feiern? Und dessen Kunst erzählt, erklärt, verklärt und abermals erzählt und der existentiellen gesellschaftlichen Problemen hohen künstlerischen Rang einräumt? Was ist das für einer?

Arik Brauer, in Wien geboren, ist im Januar 2019 neunzig Jahre alt geworden. Anlass genug für die Erfurter Stadtväter und Kunstverfechter, ihm zu Ehren eine große Werkschau unter dem Motto »Phantastisch-realistisch. Ein Lebenswerk« auszurichten. Dass Arik Brauer auch Gedichte, Libretti, Prosa schrieb, sich in den Nachkriegsjahren Jahren als Karikaturist, Kabarettist und Klavierbegleiter verdingte, darüber erfahren die Besucher auf Tafeln und aus dem reich bebilderten Katalog, in dem profunde Abhandlungen zu Arik Brauers Leben und Werk nachzulesen sind. Ein Film aus jüngster Zeit zeigt ihn beim Malen ohne Pinsel, die Fingerspitzen setzen hier die Töne.

Grandios ist die Schau in Erfurt, eine epochale Größe zeigen Hände und Gesicht. Nicht selten lugt schwarzer Humor hervor. Ein alter Bauer hält auf »Der Mime am Heimweg« (2018) einen vom Rumpf getrennten Menschenkopf in der Hand, der wirkt wie ein seltsam geschminkter Harlekin, die schwarzen Augen rot umrandet, die Haare grün, das Maul so breit aufgerissen, als entfahre ihm ein lauter Kassandraschrei. Das Bös-Theatralische zeigt sich hier in den Konturen und Farben alter Milieus, umrankt von Naturschönheiten, von Blumen des Guten. Für Arik Brauer ist diese Konstellation oder Symbiose entscheidendes Gestaltungsprinzip. In seinem Buch »Die Farben meines Lebens« (2014) hält er fest: »Seit ich mich erinnern kann, war stets irgendein Krieg in meiner Nähe. Malerei war schon immer ein Mittel, Ängste zu überwinden, und in meinen zahlreichen Kriegsbildern ist das Grauen stets so in Farben und Strukturen verpackt, dass es von weitem betrachtet wie ein Blumenstrauß aussieht. Ich will damit auch ausdrücken, dass sich das Böse oft prächtig zeigt, was es so besonders gefährlich macht.«

Arik Brauer hat Kriege selbst nicht erlebt. Als Sohn eines jüdischen Vaters und Exilant – gegen Ende des Krieges wird Simche Mosche Segal von Nazischergen ermordet – kann er sich den Schrecknissen des Krieges entziehen. Schlachtenlärm und Kriegselend zu malen, wie es Grosz, Dix und andere Betroffene taten, konnte seine Sache nicht sein. Er machte es auf andere Art nach dem Widerspruchsprinzip: die Idealität der Romantik wider die »Stahlgewitter« eines Ernst Jünger, die Kraft der Aufklärung versus »Triumph des Willens« einer Leni Riefenstahl.

Die virtuellen Ablenkungstechniken der Gegenwart sind Brauer sehr bewusst. Dass heute ganze Medienkomplexe und staatlich wie geheimdienstlich gestützte PR-Fabriken noch die grausamsten Auswüchse des Kapitalismus in edles Licht setzen, dorthin fällt der Blick des Österreichers, und man ist erstaunt, welche Themenbreite Arik Brauer hier entfaltet. Historie und Gegenwart kreuzen und durchdringen einander, sein Bildwerk verknüpft sehr augenfällig eine geschichtliche Vertikale und eine gesellschaftliche Horizontale, vornehmlich in Arbeiten der jüngeren und jüngsten Periode. Dämonen geistern darin herum. In »Flucht im Nebel« (2014) schleppen sich bunte, abgerissene Verzweifelte durch Eis und Wind. »Der Mars auf Besuch« (2002) enthüllt eine Landschaft des Schreckens. Übergroße Augäpfel ziehen ihre Bahnen, so scheint es, geführt von unsichtbarer Hand. Statt einer Landschaft nur noch Wüste, zerschossen die Erde, kahlgefressen die Vegetation, umherirrend Kreaturen ohne Fleisch und Blut. Alles farblich fein abgestuft. Eine Mars-Sonne in Schwarz und das universale Feuerrot komplettieren die Charaktere des Schreckens.

Eigentümlich: Auf den ersten Blick öffnen sich dem Betrachter scheinbar intakte, vormoderne Welten. Doch schaut er genauer hin, erkennt er rasch den unseligen »Spuk der Welt« darin. Immer wohnt bei Brauer neben jähen Kontrasten auch das Schöne, das Einfache, ja Erhabene. Eine Art künstlerisches Denken, das selten ist und viele Menschen anspricht. Der große Erfolg in Erfurt ist Beleg hierfür. Über hundert Brauer-Arbeiten hängen dort noch bis zum 27. Oktober.

»Arik Brauer. Phantastisch-realistisch. Ein Lebenswerk«. Bis zum 27. Oktober, Kunsthalle Erfurt

Ähnliche:

Mehr aus: Feuilleton