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Aus: Ausgabe vom 11.10.2019, Seite 8 / Abgeschrieben

Brief von Egon Krenz und Fritz Streletz an Frank-Walter Steinmeier

Außerdem: Aus einem Hintergrund der NZZ zu den Protesten in Hongkong

Egon Krenz, am 9. Oktober 1989 Stellvertreter des Vorsitzenden des Staatsrates der DDR, und Fritz Streletz, Sekretär des Nationalen Verteidigungsrates der DDR, haben am 28. September einen offenen Brief an Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier verfasst:

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,

in wenigen Tagen jähren sich zum 30. Mal die Ereignisse vom 9. Oktober 1989 in Leipzig.

Vor zehn Jahren hielt Bundespräsident Horst Köhler auf einer Veranstaltung in Leipzig die Festrede, in der er unter anderem ausführte: »… Vor der Stadt standen Panzer, die Bezirkspolizei hatte Anweisung, auf Befehl ohne Rücksicht zu schießen. Die Herzchirurgen der Karl-Marx-Universität wurden in der Behandlung von Schusswunden unterwiesen, und in der Leipziger Stadthalle wurden Blutplasma und Leichensäcke bereitgelegt.«

Ganz offensichtlich wurde der Herr Bundespräsident falsch informiert.

Als damals Verantwortliche können wir aus eigenem Wissen und auf der Grundlage von geltenden Beschlüssen und Befehlen feststellen: In oder vor der Stadt gab es keine Panzer, auch existierte zu keiner Zeit ein Befehl zum Schießen. Weder wurden Herzchirurgen zur Behandlung von Schusswunden eingewiesen noch Leichensäcke bereitgelegt.

Die DDR–Führung hatte im Herbst 1989 von Anfang an darauf gesetzt, dass politisch entstandene Probleme auch nur politisch und ohne Gewalt gelöst werden dürfen.

Im Interesse der historischen Wahrheit bitten wir Sie, Herr Bundespräsident, den friedlichen Verlauf der Herbstereignisse 1989 in der DDR zum Anlass zu nehmen, um die falschen Aussagen von 2009 richtigzustellen.

Mit freundlichen Grüßen, Egon Krenz und Fritz Streletz

Die Neue Zürcher Zeitung veröffentlichte am Donnerstag eine kritische Betrachtung zu den Hintergründen der gewalttätigen Proteste in Hongkong:

Die großen Demonstrationen in Hongkong sind auffallend gut organisiert. An der Spitze der kilometerlangen Züge kämpfen gewaltbereite Aktivisten mit der Polizei. In den hinteren Reihen geht es gesitteter zu, auch wenn es (...) vorkommt, dass Geldautomaten von festlandchinesischen Banken, Metrostationen und Geschäfte durch Vandalenakte zerstört werden. Bei solchen Protestmärschen gibt es zudem Versorgungsposten, an denen die Teilnehmer trinken und essen können. Sobald in der Ferne Schwaden von Tränengas aufziehen, werden Masken verteilt. Die meist noch jungen Demonstranten sind finanziell nicht auf Rosen gebettet. Viele Hongkonger stellen sich deshalb die Frage, wer die Aktionen unterstützt.

Manche Teilnehmer scheinen mit Geld geködert zu werden, damit sie gegen die Hongkonger Regierung von Carrie Lam protestieren. So suchte jüngst eine Umzugsfirma ihr Personal für einen diffizilen Transport. Den kräftigen Arbeitern wurden wie in der Vergangenheit an einem Samstag 1.000 Hongkong-Dollar geboten, was rund 130 Franken entspricht. An dem besagten Termin standen sie jedoch im Gegensatz zur Vergangenheit nicht zur Verfügung. Ihnen war das Doppelte für die Teilnahme an einer Demonstration geboten worden. Die Umzugsfirma zog denn auch den kürzeren, weil sie sich eine Verdoppelung der Saläre nicht leisten konnte. (...)

In Hongkong gibt es derzeit viele unbeantwortete Fragen. Jene nach der Finanzierung der Demonstrationen ist besonders mysteriös.

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