Gegründet 1947 Dienstag, 15. Oktober 2019, Nr. 239
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 11.10.2019, Seite 8 / Ansichten

Gekippt

Reaktionen auf Attentat in Halle
Von Arnold Schölzel
Nach_Angriff_in_Hall_62957637.jpg
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (M.), seine Frau Elke Büdenbender und der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (CDU, r.), am Donnerstag an der Synagoge in Halle an der Saale

Das ZDF-»Heute-Journal« eröffnete seine Sendung am Tag des faschistischen Attentats von Halle und des Beginns eines Angriffskrieges gegen Syrien, den der NATO-Mitgliedsstaat Türkei mit Flächenbombardements der Zivilbevölkerung begann, mit Bildern aus »Leipzig heute abend«. Moderator Claus Kleber erläuterte: »30 Jahre nach dem Tag, an dem alles auf der Kippe stand.« Ein Tag der »Scham und Schande«, wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Donnerstag vor der Synagoge in Halle erklärte, war das in Mainz beim ZDF offenkundig nicht, sondern ein Tag des Sieges über einen untoten Erzfeind. Die Feiermaschinerie darf nicht gestoppt werden, wenn staatlicher und individueller Terror toben. Da ist bei Kleber allerhand gekippt und nicht nur bei ihm.

Es gibt keine lineare Kausalkette vom 9. Oktober 1989 in Leipzig zum 9. Oktober 2019 in Halle und in Nordsyrien. Aber ohne jenes Datum ist der gestrige Tag schwer vorstellbar. Wer damals angeblich eine bessere DDR wollte, aber heute noch stolz erzählt, wie er Filmaufnahmen der Demonstration von etwa 70.000 Menschen sofort den ARD-»Tagesthemen« zukommen ließ, der lud die BRD nicht nur zum Mitmachen ein. Die gab es ganz oder gar nicht, und das war vermutlich den meisten der Demonstranten bewusst. Was sie nicht ahnten: Der fanatische Hass auf die DDR, das geistige Fundament der BRD, wurde auch auf sie übertragen, sobald der ostdeutsche Staat erledigt schien. An diesem Hass, der Ausgrenzung und Demütigung bis heute nach sich zieht, hat sich wenig geändert. Vor zehn Jahren log der damalige Bundespräsident Horst Köhler bei den Feierlichkeiten zum 9. Oktober in Leipzig noch: »Vor der Stadt standen Panzer, die Bezirkspolizei hatte Anweisung, auf Befehl ohne Rücksicht zu schießen.« Köhler, Mitverantwortlicher für die Währungsunion und die ihr folgende wirtschaftliche und soziale Katastrophe in Ostdeutschland, phantasierte von Vorräten an Blutplasma und Leichensäcken, die 1989 gehortet worden seien. Und der Veranstalter von Friedensgebeten in Leipzig, Pfarrer Christian Führer, wurde zitiert mit: »Die Lage war ja so, dass geschossen werden sollte.« Das war so dreist, dass selbst die Unisonopresse nicht mehr mitmachte. Ähnliches war 2019 offiziell nicht zu hören, aber Steinmeier entblödete sich nicht zu behaupten, Michail Gorba­tschow habe die SED-Führung »zur Zurückhaltung gemahnt«. Diese habe »eine Diktatur errichtet, die fortgesetzt Angst und Gewalt in die Gesellschaft trug«.

Im Steinmeier- und Kleber-Land gelten an die 200 von Neonazis Ermordete seit 1990, die westdeutsche Clankriminalität unter dem Etikett AfD oder ein Krieg nach dem anderen offenbar nicht als fortgesetzte Angst und Gewalt. Die gab’s allein in der DDR. So liefert der 9. Oktober 1989 hierzulande Stoff für einen Tag der Heuchelei und Lüge, der Verachtung und des Hasses, also Ermutigung für Faschisten.

Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (11. Oktober 2019 um 15:20 Uhr)
    Guten Tag, Herr Schölzel,

    den 9. Oktober für einen Gedenktag zu halten, ist unangemessen. In einer Nachrichtensendung (EURONEWS?) wurde sogar erklärt, dass die Demonstrierenden sich vor der Leipziger Nikolajkirche getroffen hätten. Werch in Illtum, denn dazu wären in dieser Fußgängerpassage vorher umfangreiche Sprengarbeiten vonnöten gewesen. Sie trafen sich auf dem Platz vor der Oper, im Vorhof der Karl-Marx-Universität. Übrigens marschierten an diesem Abend auch zwei oder drei Hundertschaften von Nazi-Skins auf: in Reih und Glied. Diese Bilder gingen nicht um die Welt, denn sie würden das vermeintliche Gedächtnisideal stören, aber sie werden vielen Teilnehmenden unvergessen bleiben. Übrigens näherte ich mich dem Kommandanten der Truppe. Seiner Sprache nach stammte er wohl kaum aus dem sächsischen Raum. Einige seiner Gefolgschaft wohl auch nicht.

    Ihre Formulierung, "der fanatische Hass auf die DDR, das geistige Fundament der BRD", ist m.E. nicht zutreffend, sondern beschreibt die Haltung vieler Regierender und der überwiegenden Zahl der Herrschenden in der BRD. Ihnen ist klar, dass Sie sich im Ton vergriffen haben. Staaten kommen nicht zu geistigen Fundamenten, sondern diejenigen, die sich dazu ermächtigt und berechtigt fühlen, werden benannt. - Jetzt stellen Sie sich vor, dass ich Ihnen schreibe, was Sie besser vertreten als mir in den vergangenen Jahren zu Ohren kam! SORRY, aber Ihr Ausrutscher...

    Was mir seit Jahrzehnten fehlt: Wie war es möglich, dass in einer Gewaltdiktatur dieser gewaltfreie Sturz der Macht ohne Schüsse, Panzer, Gefangenenlager etc. stattfinden konnte? Zuerst denke ich daran, dass vielen DDR-lern sehr wohl klar war: Sie haben nichts zu befürchten. Sie wurden zur Demokratie erzogen. Daran haben sie grundsätzlich wohl niemals gezweifelt. Weil sie eine Gewaltherrschaft nicht kannten, sondern tagtäglich erlebten, wie sicher und sortiert ihre Alltagswelt gestaltet war.

    Vor ein paar Monaten habe ich der jungen Welt angeboten, einen Artikel zur Entstehung des ersten unabhängigen Studentenrates im Jahre 1989 (an der KMU Leipzig) zu schreiben. Leider wurde dieser Vorschlag abgelehnt. Mir ging es darum darzustellen, dass bereits im März 1989 - also lange vor den Wortmeldungen des "Neuen Forum" - zur demokratischen Erneuerung in der DDR neue Partner gesucht und gefunden wurden. Zwei Wochen vor dem Mauerfall fand die konstituierende Sitzung des Leipziger Studentenrates statt. Schade, dass Sie diese Tatsache nichts angeht.

    Mit Gruß!

    Ihr scharmann

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Renato Lorenz: Schweigen und Heuchelei Der Bundespräsident hat das Wort »Nie wieder« in den Mund genommen, als er sich zu dem Massakerversuch vom 9. Oktober in Halle gegen die jüdische Gemeinde äußerte. Sein Bezug war der faschistische Völ...

Ähnliche:

  • Werner Tübke: »Requiem« (1965), Tempera auf Leinwand auf Sperrho...
    06.09.2018

    Wege und Irrwege

    Nach der »Wende« verschwand die DDR-Kunst in den Depots. Nun verändert sich langsam der Umgang mit dem künstlerischen Erbe des sozialistischen Staates – wie aktuelle Ausstellungen in Halle, Dresden und Schwerin zeigen
  • Aus der Fassung gebracht von den bohrenden Fragen des Hauptkommi...
    12.11.2016

    Vorschlag

    Damit Ihnen das Hören und Sehen nicht vergeht: Die jW-Programmtips
  • In dem Maße, wie die Sowjetunion die Zusammenarbeit mi...
    15.08.2014

    Warten auf Honecker

    DDR 1989. Kopflos trotz Stellvertreter: Die Unbeweglichkeit der SED-Führung im Sommer 1989

Mehr aus: Ansichten