Gegründet 1947 Donnerstag, 21. November 2019, Nr. 271
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 10.10.2019, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Foto Leserbriefe.png

Klima und Rüstung

Zu jW vom 26.9.: »Alternativer Nobelpreis für Thunberg und Haidar«

Die Verleihung des alternativen Nobelpreises an die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg (…) würdigt den mutigen Einsatz der Schülerin, der letztlich nicht nur eine weltweite millionenfache Mobilisierung von jungen Menschen ausgelöst hat, sondern nunmehr auch die Erwachsenengenerationen für das Überleben des Planeten aktiv werden lässt. Selbst wenn dies zumeist noch unausgesprochen bleibt, ist die heute dominierende Wirtschaftsweise (…) eine Sackgasse und verhindert eine sozial gerechte Lösung der Probleme im Zusammenhang mit der Klimaveränderung. Das größte Hindernis (…) wird ebenfalls kaum erwähnt: die globale Militarisierung. Die im Namen einer vermeintlichen Abschreckung machtpolitischer Rivalen erfolgenden materiellen und geistigen Vorbereitungen für einen großen Krieg mit modernsten Massenvernichtungswaffen fressen immer größere Mengen gesellschaftlicher Ressourcen, die für den Kampf gegen den Klimakollaps nötig wären. Nur zum Vergleich: Die Tagesbilanz des weltweiten Verbrauchs der US-Streitkräfte an fossilen Energieträgern entspricht dem Jahresaufkommen eines Zehn-Millionen-Einwohnerlandes wie Schweden! Greta Thunbergs Klimaaktivitäten unterstützen heißt somit zugleich für Abrüstung und Entmilitarisierung eintreten!

Prof. Gregor Putensen, Greifswald

Warten auf Antwort

Zu jW vom 1.10.: »›Das ist eine Wortschöpfung des Repressionsapparats‹«

Ach ja, die passive Bewaffnung. Gibt es denn diese Fehlkonstruktion immer noch? Dazu meine Erfahrung damit. Als ich hörte, dass Helme juristisch als Waffen angesehen werden, wurde ich als gesetzestreuer Bürger aktiv. Beim damaligen für mich zuständigen Landratsamt beantragte ich für meinen Mofahelm, eine Waffe, einen Waffenschein. Gleichzeitig bat ich die Behörde um Aufklärung bei folgendem Problem: Was mache ich, wenn ich mit Mofa und Helm die Straße entlangfahre, und mir kommt eine Demo entgegen? Fahre ich einfach weiter und mache mich strafbar, weil ich ohne Waffenschein eine Waffe, also meinen Helm, trage, oder setze ich diesen ab und mache mich strafbar, weil ich ohne Helm Mofa fahre? Es dauerte viele Tage, bis ich angerufen und gefragt wurde, ob mein Schreiben ernst gemeint sei. Ich entgegnete empört, dass ich als gesetzestreuer Bürger mich an Gesetze halte und es mir darum fernliege, mich über Behörden lustig zu machen, und bat um Beantwortung meiner Frage. Seit über 40 Jahren warte ich jetzt darauf. (…)

Wolfgang Seibt, Wettenberg

Abwechslung vom Grau

Zu jW vom 7.10.: »Bewerber des Tages: Brieftaubenzüchter«

Ich persönlich züchte keine Brieftauben und habe eigentlich (…) keinen Bezug zu Tauben. Ich sehe aber, mit welcher Hingabe mein Schwiegervater seine Tauben hegt und pflegt, sie langsam auf die Flüge vorbereitet, mitleidet, wenn eine krank oder nicht heimgekommen ist, den Schlag täglich reinigt, als wäre er das eigene Wohnzimmer. Er ist so, wie verantwortungsvolle Taubenzüchter sind, und das sind eigentlich bis auf einige wenige alle. Ein Aufschrei nach Tierwohl ist hier fehl am Platz. Ich habe aber einen Bezug zu Arbeitervereinen und der Geschichte der Arbeiterbewegung, und da sind Brieftauben nicht wegzudenken. Die Rennpferde des kleinen Mannes lieferten nicht nur Abwechslung vom tristen Grau des Kapitalismus, sondern auch Möglichkeiten, getarnt in Vereinen verbotene politische Arbeit zu betreiben.

Joachim Brecht (über die Kommentarfunktion für Onlineabonnenten)

Hitze des Südens

Zu jW vom 7.10: »›Tolles Land für die Leichtathletik‹«

Warum wird vergessen, dass viele Sportler aus Ländern des Südens ansonsten überwiegend in der Kälte des Nordens internationale Meisterschaften bestreiten müssen? Bei der Leichtathletik-WM in Katar mussten die Athleten der »nördlichen Länder« einmal unter südlichen Bedingungen ihren Sport ausüben – und finden es unmenschlich. Welche Arroganz. (…)

Katja Hildebrandt, per E-Mail

Hut ab

Zu jW vom 7.10.: »40 Jahre Mietendeckel«

Je länger ich in diesem kapitalistischen System lebe, um so bewusster wird mir, welch großes Glück ich hatte, 40 Jahre in einer anderen, einer sozialistischen Gesellschaft gelebt zu haben, auch wenn diese erst im Aufbau war. Menschenwürde war hier kein leeres Wort. Alle Bemühungen der DDR waren auf den Erhalt des Friedens und auf eine soziale Sicherheit für alle Bürger gerichtet. Was will man eigentlich mehr? Anna Seghers bemerkte einmal: »Frieden ist nicht alles, aber alles ist nichts ohne Frieden.« Der Frieden war auch mir besonders wichtig, da ich noch als Kleinkind Flucht, Bombennächte und Granatenbeschuss erlebt hatte. Das Schlimmste war für mich der Verlust des Vaters. So erlebte ich, wie meine Mutter als Flüchtlingsfrau ihre drei kleinen Kinder allein versorgen musste. Heranwachsend, erlebte ich aber auch, dass der Staat, die DDR, trotz begrenzter Möglichkeiten große Anstrengungen unternahm, die Lebensverhältnisse stetig zu verbessern. Zu den größten Leistungen der DDR zähle ich die Entwicklung von Kultur und Bildung für alle Bevölkerungsschichten. (…) Gleichberechtigter Zugang für jeden in allen Bildungsbereichen ohne Abhängigkeit vom elterlichen Geldbeutel ist keine Selbstverständlichkeit und heute selten. Der hohe humanistische Gehalt einer sozialistischen Gesellschaftsordnung findet in guter Bildung einen besonders starken Ausdruck. Dieses hat auch mit dem Freiheitsbegriff zu tun. Frei urteilen und richtige Entscheidungen fällen kann nur, wer über ein vielseitiges und fundiertes Wissen verfügt. Hut ab vor denen, die vor 70 Jahren die DDR gegründet haben. Schade, dass sie nur 40 Jahre bestand. Sie war für mich nicht nur ein Zuhause, sondern Heimat im besten Sinne des Wortes. Auch wenn Politiker heute die DDR immer noch eifrig verteufeln, werden spätere Historiker einmal die großartigen humanistischen Leistungen der Bevölkerung dieses Staates würdigen.

Horst Neumann, per E-Mail

Auch wenn Politiker heute die DDR eifrig verteufeln, werden spätere Historiker einmal die großartigen humanistischen Leistungen der Bevölkerung dieses Staates würdigen.