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Aus: Ausgabe vom 10.10.2019, Seite 4 / Inland
St.-Hedwigs-Kathedrale

Prozess gegen Erzbistum Berlin vertagt

Umbau von St.-Hedwigs-Kathedrale: Landgericht legt Verhandlungstermin auf März 2020
Von Horsta Krum
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Die Hedwigskathedrale in Berlin so, wie sie nach Auffassung der Kirchenleitung nicht mehr sein soll (1.11.2016)

Den 15. Oktober erwarteten nicht nur die unmittelbar Betroffenen mit Spannung; das sind zunächst die Erben der Künstler, die Anfang der sechziger Jahre den Innenraum der wieder aufgebauten Berliner St.-Hedwigs-Kathedrale gestalteten. Am kommenden Dienstag sollte vor dem Landgericht Berlin über die fragliche Rechtmäßigkeit des grundlegenden Umbaus des Gebäudes verhandelt werden. Doch nun hat das Gericht den Termin abgesagt und auf März nächsten Jahres verschoben. Als Begründung wurde fehlendes Personal genannt. Geklagt hatten die Rechtsnachfolger des Architekten Hans Schwippert und die an dessen Gestaltung der Kathedrale 1963 beteiligten Künstlern. Sie sehen ihrer Urheberrechte durch den vom Erzbistum Berlin vorangetriebenen Umbau des Innenraums verletzt.

Mit dem verschobenen Verhandlungstermin hat das Erzbistum Berlin viel Zeit gewonnen, um seine »bauvorbereitenden Maßnahmen« hinter verschlossenen Kirchentüren fortzusetzen. Denn seit mehr als einem Jahr ist die Kathedrale geschlossen. Gelegentliche Mitteilungen des Erzbistums informieren nur oberflächlich über den baulichen Zustand des Innenraumes. Allerdings waren hinter der Kathe­drale für kurze Zeit zwei Container mit Bruchstücken des Marmorfußbodens zu sehen, was auf Abrissarbeiten hinweist (siehe jW vom 20.9.). So verhängte die zuständige Behörde einen »Baustopp«, da das Erzbistum keinen Bauantrag gestellt, geschweige denn eine Baugenehmigung erhalten hatte.

Vertreter des Bistums erklärten ihr Befremden und Unverständnis, denn man habe nur »bauvorbereitende Maßnahmen« durchgeführt. Der Baustopp sei also nicht gerechtfertigt und müsse aufgehoben werden. Das geschah denn auch nach wenigen Tagen, und so war das Einvernehmen zwischen Kirche und Behörde wiederhergestellt. Bauvorbereitende Maßnahmen müssen aber, solange keine Baugenehmigung vorliegt, reversibel sein, was angesichts der zwei Baucontainer mit Marmorbruchstücken Zweifel aufkommen lässt. Die Versicherung, dass Behörde und Erzbistum eng zusammenarbeiten werden, überspielte die Erklärungsnot des Erzbistums.

Fünfzig Jahre lang hatten hohe kirchliche Würdenträger, unter ihnen zwei Päpste, die Kathedrale gern besucht und schätzten ihre aussagekräftige, denkmalgeschützte Architektur. Aber nach 2011 kamen hintereinander zwei Kölner als Erzbischöfe nach Berlin, Rainer Maria Woelki, bekannt für seine konservativ-klerikalen Positionen, und Heiner Koch, sein Nachfolger im Amt und jetziger Erzbischof. Diese schätzen den denkmalgeschützten Innenraum der Kathedrale offenbar überhaupt nicht und wollen ihn umbauen. Mehr als das: Sie wollen »die völlige Vernichtung« des Gesamtkunstwerkes, wie das Erzbistum im Sommer verlauten ließ. »Liturgische Gründe« gibt es an. Dieser Einwand sei haltlos, »wie ein Vergleich mit dem Römischen Messbuch zeigt«, schreibt der Vorsitzende des Vereins »Freunde der Hedwigskathedrale«, Hans Joachim Meyer, in einer Mitteilung vom Sonnabend.

Um seine Pläne zu verwirklichen, erreichte das Erzbistum die Aufhebung des Denkmalschutzes durch die zuständige Behörde, die im Senat für Kultur unter der Leitung von Klaus Lederer (Die Linke) angesiedelt ist. Seit Bekanntwerden der Umbaupläne werden Proteste laut, die nicht nur den Erhalt des denkmalgeschützten Innenraums zum Ziel haben, sondern sich auch gegen die veranschlagten Kosten in Höhe von bislang 60 Millionen Euro wenden – inklusive bereits zugesagter staatlicher Drittelfinanzierung. Seit längerem halten die »Freunde der Hedwigskathedrale« wöchentliche Mahnwachen auf den Stufen der Kirche ab und informieren über den Bauskandal sowie den anstehenden Prozess.

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