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Aus: Ausgabe vom 10.10.2019, Seite 1 / Titel
Faschistischer Terror

Anschlag an Jom Kippur

Halle: Zwei Menschen von vermutlich neonazistischen Tätern erschossen. Generalbundesanwalt zieht Ermittlungen an sich
Von Nico Popp
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Schüsse in Halle: Polizisten sichern am Mittwoch einen Tatort

Bei einem mutmaßlichen terroristischen Anschlag sind am Mittwoch im sachsen-anhaltinischen Halle zwei Menschen getötet worden. Mindestens ein Täter versuchte gegen Mittag, sich Zugang zu der Synagoge bzw. zu dem direkt benachbarten jüdischen Friedhof im Paulusviertel zu verschaffen. Die Synagoge war zum Zeitpunkt des Angriffs voll besetzt, aber nach verschiedenen Meldungen nicht polizeilich gesichert. Am Mittwoch feierten Juden weltweit den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur.

70 bis 80 Personen hielten sich nach Angaben des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Halle, Max Privorotzki, in dem Gotteshaus auf. Die Sicherungsvorkehrungen am Eingang hätten »dem Angriff standgehalten«, sagte er dem Spiegel.

Ein Augenzeuge berichtete, dass »jemand« versucht habe, auf den jüdischen Friedhof vorzudringen. Die Person habe mehrfach mit einer Schrotflinte durch die Tür geschossen und mehrere »Granaten« über die Friedhofsmauer geworfen. Ein »Mädchen«, das zufällig von einer Straßenbahnhaltestelle her die Straße entlang kam, sei von dem Täter mit einem »Maschinengewehr« erschossen worden. Der Schütze habe »wie ein Polizist« Helm und Schutzkleidung getragen. Er sei mit einem VW Golf in Richtung Ludwig-Wucherer-Straße, die das Paulusviertel von der nördlichen Innenstadt Halles trennt, davongefahren.

Im Internet kursierende Aufnahmen zeigen einen Täter, wie er hinter einem VW Golf mit Euskirchener Kennzeichen stehend mehrere Schüsse abgibt. Der Schütze trug einen Helm, eine schwere Schutzweste und einen Patronengurt um die Hüfte.

Wie mehrere Augenzeugen berichteten, sollen der oder die Täter auch in einen Döner-Imbiss hineingeschossen haben, der etwa 600 Meter von der Synagoge entfernt liegt. Dabei wurde nach Angaben eines Polizeisprechers ein Mensch getötet. Die Gegend um das Lokal wurde von der Polizei abgesperrt. Zwei Personen mit Schussverletzungen wurden in das Universitätsklinikum Halle gebracht.

Die Polizei ging am frühen Nachmittag von mehreren flüchtigen Tätern aus und gab wenig später bekannt, dass eine Person festgenommen worden sei. Weitere Details wurden zunächst nicht bekannt. Die Stadt Halle forderte alle Einwohner auf, in Gebäuden zu bleiben. Die Hallesche Verkehrs-AG stellte den Betrieb von Bussen und Straßenbahnen gegen 15 Uhr vollständig ein. Am Hauptbahnhof Halle hielten keine Züge mehr.

Gegen 13.30 Uhr gaben die Behörden auch eine Warnmeldung für das 15 Kilometer östlich von Halle an der Bundesstraße 100 gelegene Landsberg heraus. Die Einwohner sollten Gebäude und Wohnungen nicht verlassen. Eine Sprecherin der Polizei bestätigte, dass auch in Landsberg geschossen worden sei. Gegen 16 Uhr hieß es, dass der oder die Täter sich im Ortsteil Wiedersdorf verschanzt haben.

Die Polizeidirektion Magdeburg erklärte am Nachmittag, dass Polizeikräfte vor allen jüdischen Einrichtungen im Land Sachsen-Anhalt Position bezögen. Der Focus meldete unter Berufung auf »Kreise der Bundespolizei«, dass für Berlin eine »komplexe lebensbedrohliche Einsatzlage« (KLE) ausgerufen worden sei. In diesem Fall müssen sich alle verfügbaren Polizisten des Landes Berlin und alle Bundespolizisten in den Dienststellen und Kasernen aufhalten.

Am späten Nachmittag zog der Generalbundesanwalt die Ermittlungen an sich. Eine Sprecherin erklärte gegenüber dem Evangelischen Pressedienst, es gebe ausreichende Anhaltspunkte für einen möglichen »rechtsextremistischen« Hintergrund der Tat. Der Generalbundesanwalt verfolgt Taten terroristischer Vereinigungen. Ermittlungen gegen Einzeltäter kann er übernehmen, wenn dem Fall »besondere Bedeutung« zugemessen wird.

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