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Aus: Ausgabe vom 09.10.2019, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Rotlicht

Von Jens Walter
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Mit rotem Licht, aber kein Bordell: Das Moulin Rouge in Paris

Die rote Laterne über der Pforte soll das Erkennungszeichen gewesen sein. Wo außen das warme Gaslicht in roten Glaskugeln brannte, verhieß das Innere dem Bedürftigen die Befriedigung sexueller Begierden – gegen Entgelt. Das Bordell hatte eine Farbe, das dazugehörige Milieu einen Namen. Die Komposita Rotlichtviertel und Rotlichtmilieu, Bezeichnungen erst des 20. Jahrhunderts, erinnern daran, dass diese sehr alte Form gewerblichen Sexualverkehrs in gewisser Weise ghettoisiert ist und immer auch irgendwie im Ruch der kriminellen Handlung steht. Während dem in aller Regel männlichen Kunden der Erwerb der sexuellen Leistung in der Öffentlichkeit als lässliche Sünde und »Ventilsitte« ausgelegt wird, verfällt die Prostituierte der gesellschaftlichen Ächtung. Unter dem Schleier des gleichen Tausches offenbart sich ein Verhältnis von Herrschaft und Unterwerfung.

Mit der Rede vom »ältesten Gewerbe der Welt« hält sich weiterhin hartnäckig die Vorstellung, das für die Anbietende oft genug demütigende und erzwungene Geschäft sei eine überzeitliche, schon immer existente und immer existierende Angelegenheit, die inzwischen, so viel Zivilisation darf schon sein, vom Staat unter geduldete Aufsicht gestellt wird. Das allerdings bedeutet auch nur, dass Polizei, Bordellwirte und Zuhälter die Prostitution in enger Kooperation kontrollieren. Überzeitlich ist daran jedenfalls nichts, es sei denn der eigene Horizont erweist sich als so beschränkt, dass einzig die bürgerliche Gesellschaft als vorstellbar erscheint. Die Verwandlung aller gesellschaftlichen Beziehungen, auch der zwischenmenschlichen, in Ware-Geld-Beziehungen ist ein anhaltender historischer Vorgang, und das bedeutet zugleich, er hat Anfang und Ende. Im bürgerlichen Lexikon heißt es zum entsprechenden Lemma lapidar: »In geldlosen und genossenschaftlich organisierten Stammesgesellschaften ist Prostitution unbekannt.« Um den »Stamm« bereinigt, darf der Satz Zukunft beanspruchen.

Die unmittelbaren – nicht die großen, menschheitsgeschichtlichen – Leiden zu heilen, verspricht ein anderes Rotlicht. Die Infrarotbehandlung ist eine therapeutische, äußere Anwendung von wärmender Infrarotstrahlung mit Hilfe sogenannter Rotlichtlampen. Die Strahlung des Infrarotlichts wird vom Körper absorbiert. Der setzt sie in Wärmeenergie um – und zwar nicht direkt auf der Hautoberfläche, sondern knapp darunter. Rotlicht erweitert nicht nur die Gefäße und fördert die Durchblutung, er erreicht auch die Gelenke. Wer unter Muskelverspannungen, Hexenschuss, oder rheumatischen Erkrankungen leidet, lässt die schmerzenden Körperstellen punktgenau bestrahlen. Auch bei Erkältungen soll die rote Lampe helfen und die Nase vom Schleim befreien. Bewiesen ist das alles nicht, weshalb heute kaum noch ein Arzt die früher weit verbreitete Rotlichttherapie anordnet. Das heißt nicht, dass Rotlicht nicht helfen würde. Es kommt nur auf die individuelle Aufnahme an. Viele Menschen empfinden die Wärme als wohltuend.

Mit den Informationen, die die jW-Rubrik »Rotlicht« seit nunmehr genau fünf Jahren vermittelt, ist es ganz ähnlich. Wer wissen will, was es mit der Postdemokratie auf sich hat oder mit der Gülen-Bewegung, der Stiftung Wissenschaft und Politik oder der Niedrigzinspolitik (um nur vier Stichworte der vergangenen Jahre herauszugreifen), wird immer mittwochs in junge Welt fündig. Ob die Informationen wirken, ob sie als angenehm oder unangenehm wahrgenommen werden, liegt ganz bei der Leserin und beim Leser. Denn natürlich fehlt auch hier nicht der rote Filter. Das »Rotlicht« wurde seinerzeit mit dem Anspruch eingeführt, in knapper Form wichtige politische und philosophische Begriffe zu erklären, die für linke Politik und die Kritik der bürgerlichen Ideologie unverzichtbar sind – »mit heiterer Strenge, dogmatisch, aber mit leichter Hand«, wie es damals hieß. Das wollen wir auch in Zukunft tun.

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