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Aus: Ausgabe vom 09.10.2019, Seite 12 / Thema
Landwirtschaft 4.0

Vernetzter Acker

Mit der Übernahme von Monsanto avanciert der Bayer-Konzern zum Marktführer im Segment der Digitalisierung in der Landwirtschaft
Von Jan Pehrke
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Wieviel Nitrat befindet sich im Boden? Wo befinden sich Schädlinge? Die »digitale Landwirtschaft« soll Aufschluss geben – und zwar exakt abgestimmt auf einzelne Pflanzen, behauptet der Bayer-Konzern. Wissenschaftler bleiben indes skeptisch, Bauern haben Angst vor umfassender Kontrolle (im Bild ein tschechischer Farmer mit einem sogenannten Agrarroboter, 3.5.2019)

»Wir sind heute in der Lage, den Landwirten Daten und Wissen über jede Pflanze und jeden Quadratzentimeter Boden zur Verfügung zu stellen.« Mit diesen Worten pries Bayers Vorstandsvorsitzender Werner Baumann auf der Hauptversammlung des Konzerns im April 2019 die Digitalisierung der Landwirtschaft. Die Übernahme von Monsanto hat den Leverkusener Multi zum Marktführer in diesem Bereich gemacht. Und dass der US-Konzern mit seiner »Climate Corporation« hier nach Baumanns Worten »ganz vorne« war, spielte eine nicht unwesentliche Rolle für die Kaufentscheidung. Aber bereits vorher hatte der Global Player dem Thema viel Gewicht zugemessen. »Wir sind absolut davon überzeugt, dass die digitale Landwirtschaft den Ackerbau revolutionieren wird«, hatte Spartenleiter Tobias Menne schon im Jahr 2017 erklärt.

Das Unternehmen meint, mit seinem Ackerbau 4.0 eine neue Zukunftstechnologie im Portfolio zu haben, mit der die (Kurs-)Phantasien der Investoren beflügelt werden sollen, und legt sich entsprechend ins Zeug. Unter Titeln wie »Der vernetzte Acker« oder »Das intelligente Feld« produziert er Science-Fiction. »Neben Satelliten und Drohnen sammeln auch Sensoren auf den hochmodernen Traktoren und Erntemaschinen wichtige Erkenntnisse über die Bodenbeschaffenheit und die Pflanzengesundheit. Sie fließen in digitale Programme ein, mit denen Bayer weltweit Landwirte bei einer effizienteren und nachhaltigen Landwirtschaft unterstützen will«, fabuliert das Unternehmen. Auch Informationen über das Wetter finden dem Konzern zufolge in entsprechende Algorithmen Eingang.

Konkret erhebt der »ackerbauliche Erkennungsdienst« (Die Zeit) etwa Daten über die Menge an Biomasse und Nitrat, die im Boden steckt, das Aufkommen von Schadinsekten sowie über den Chlorophyllgehalt der Pflanzen, der ein Indikator für deren Gesundheit ist. Dies ermöglicht Bayer zufolge passgenaue Lösungen. So stellt der Konzern beispielsweise ökologische »See and spray«-Pestizide, die bei einzelnen Gewächsen zum Einsatz kommen und nicht mehr großflächig ausgebracht werden müssen, in Aussicht.

Ungenaue Anwendungen

In der Praxis stellt sich dies alles jedoch als nicht so einfach dar. Schon die Erhebung korrekter Daten erweist sich oftmals als Problem. Das geht aus der Studie »Vom Mythos der klima-smarten Landwirtschaft« hervor, welche die Agrarwissenschaftlerin Andrea Beste und die Tierärztin Anita Idel im Auftrag des Grünen-Europaparlamentariers Martin Häusling erstellt haben. So kommen beispielsweise allein in Europa 16 verschiedene Methoden zur Bestimmung des Phosphorgehalts im Boden zur Anwendung – einen genauen Aufschluss über die vorhandene Gesamtmenge gibt keine davon. Noch größere Schwierigkeiten bereitet der Humus. Wieviel der Acker davon birgt, vermögen die bisherigen Verfahren nicht zu ermitteln – »von der Qualität der Humus-Substanzen ganz zu schweigen«, schreiben die Autorinnen. Auch die Chlorophyllmessung sagt ihrer Ansicht nach nur wenig darüber aus, ob eine Ackerfrucht wirklich genug Nährstoffe bekommt. Sie bezieht sich nämlich – und auch das nur indirekt – auf den Stickstoff. Um Robustheit oder Gesundheit der Pflanze zu messen, wären nach Ansicht der beiden weitaus kompliziertere Messungen nötig. »Wenn aber die Daten unzulänglich sind, dann kann sich die Software der Präzisionstechnik gar nicht genau auf die Bodenverhältnisse einstellen«, resümiert Beste in einem Zeit-Interview (18.10.2018).

Zudem steht dem Fluss dieser unzulänglichen Daten noch so einiges entgegen, denn die Analyseinstrumente in den Laboren sind oftmals nicht mit den Bodenuntersuchungsgeräten kompatibel. Auch sonst erweisen sich fehlende Schnittstellen und andere Verbindungsprobleme als große Hindernisse bei der Datenverarbeitung. Cornelia Weltzien, die Leiterin der Abteilung »Technik im Pflanzenbau« am Potsdamer Leibniz-Institut, führt das als einen der Gründe für die Schwierigkeiten an, welche die »Zukunftstechnologie« dabei hat, in der Gegenwart anzukommen.

Ein Feldversuch der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein, die von 2008 bis 2017 verschiedene Anwendungen des »Precision Farmings« auf einem Gut nahe der Ostseeküste testete, zeigte weitere auf. »Am Ende stand eine gewisse Ernüchterung«, so der Agraringenieur Christoph Lubkowitz. Gut geklappt hatten nach seiner Einschätzung eigentlich nur die digital gesteuerte Ausbringung von Saatgut und Kalk sowie der Einsatz von automatischen Lenksystemen. Aber im Bereich der Sensor- und Scantechnik haperte es ebenso wie bei der Auswertung der Ernteergebnisse. Auch die Erstellung von Ertragskarten zum Aufspüren ergiebiger und weniger ergiebiger Ackerflächenabschnitte funktionierte nicht so recht.

Dieser Befund entspricht den Erfahrungen, die Thomas Kiesel mit der »digitalen Landwirtschaft« gemacht hat. Der Bauer hadert etwa mit der Sensortechnik und nannte in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung (12.11.2017) als Beispiel die Anwendung von Fungiziden bei Getreiderost. »Der hat eine sehr kurze Inkubationszeit. Man muss also reagieren, wenn die allerersten Pusteln auf den Blättern auftauchen. Ein Sensor, der der Spritze sagt, wo sie wieviel spritzen soll, würde den Befall zu spät erkennen. Als Landwirt erkenne ich die kritischen Stellen sofort – nämlich da, wo morgens der Tau länger liegen bleibt«, erläuterte Kiesel. Und an Ertragssteigerungen durch Bits und Bytes glaubt er ebensowenig wie an ein ökologischeres Wirtschaften qua »Precision Farming«. Positiv bewertet der Bauer hingegen die GPS-gesteuerten Lenksysteme für Mähdrescher und Schlepper, weil diese die Maschinen in der Spur halten und so helfen, Benzin und Zeit zu sparen. Insgesamt fällt sein Fazit allerdings mehr als durchwachsen aus: »Digitale Technik kann uns an vielen Stellen die Arbeit erleichtern. Aber unser Wissen und unsere Erfahrung kann sie nicht ansatzweise ersetzen.«

Auch Bruno Melcher, der in Brasilien eine 15.000-Hektar-Farm betreibt und großflächige Betriebe in Russland mitverwaltet, mag nicht an das ertragssteigernde Potential der sogenannten Landwirtschaft 4.0 glauben: »Wir haben jetzt zwar viele datengestützte und technische Produkte, aber 90 Prozent aller Ernteverluste sind dem Wetter geschuldet.« Sogar aus der Industrie erhält er Zustimmung, beispielsweise vom Vorstandsvorsitzenden des Saatgutunternehmens KWS Saat, Hagen Duenbostel. »Es könne schon sein, dass eines Tages infolge der Digitalisierung einmal mehr Maiskörner am Kolben hingen als in unseren Tagen«, gab die FAZ (5.11.2018) Duenbostel wieder: »Aber derzeit, so seine ernüchternde Zwischenbilanz, werde noch kein Gramm mehr durch die Digitaltechnik geerntet.« Überdies schrecken die Landwirte Duenbostel zufolge vor der Bildschirmarbeit zurück: »Die Farmer wollen nicht mit der Kaffeetasse im Büro sitzen und mit dem Smartphone den Traktor steuern.« Und sie trauen den Ratschlägen von Bayer und Co. nicht, wie die KWS-Finanzchefin Eva Kienle meint: »Die Landwirte wollen Unabhängigkeit. Sie möchten nicht den Eindruck haben, ihnen wird ein Produkt empfohlen, nur weil der Anbieter etwas daran verdient.« (Handelszeitung, 5.5.2016)

In der Tat handelt es sich bei den Datenautobahnen zumeist um Einbahnstraßen. Vor zwei Jahren brachte dies der damalige Monsanto-Forschungschef Robert Fraley deutlich zum Ausdruck, als er im Zuge des »Baysanto«-Deals von den digitalen Synergieeffekten schwärmte, die nach der Zusammenführung der beiden unterschiedlichen Produktportfolios entstünden. »In ein paar Jahren wollen wir den Farmern ein- oder zweimal am Tag ein Satellitenbild von ihrem Feld schicken, um das Wachstum der Pflanzen zu verfolgen, und eine frühe Warnung aussprechen, wenn es irgendwo ein Problem mit Dünger, Wasser, Krankheiten oder Insekten gibt. Und dann können sie mit Bayer-Produkten eine Lösung finden«, verkündete er. Mit Bayer-Produkten. Ausschließlich um die geht es auch beim »Seed Advisor«: Das »Optimierungstool« soll für jeden Standort immer den geeignetsten Hybridmais des Konzerns auswählen.

Plattformkapitalismus

Bayers IT-Spezialisten haben den »Seed Advisor« so programmiert, dass die ganze Masse von Daten, die er ermittelt, genau auf ein Nadelöhr zuläuft: die Maissorten des Agroriesen. Marita Wiggerthale von der NGO Oxfam sieht dadurch die Landwirte in eine Abhängigkeit gedrängt. »Sie erhalten damit nicht die Auswahl der besten Saatgutsorten allgemein, sondern nur eine Auswahl von Bayers Saatgut«, konstatiert sie und gibt zu bedenken: »Je größer die Datenmenge, über die ein Agrarchemiekonzern verfügt, desto zielgerichteter die Lockangebote und Schein­informationen auf den Bildschirmen der Bauern.« Nach Angaben des Unternehmenssprechers Utz Klages plant die Aktiengesellschaft hier Abhilfe zu schaffen und das »Angebot auf Saatgutsorten anderer Anbieter auszuweiten«. Das aber erscheint wenig glaubhaft. »Seit Jahren versprechen Konzerne der Netzwerkökonomie, Produkte anderer Anbieter kompatibel zu machen, ohne dieses Versprechen zu erfüllen«, hält Reinhild Benning von der Entwicklungs- und Umweltorganisation German Watch fest.

Der Leverkusener Multi hat sich in dieser Netzwerkökonomie durch Monsantos »Climate Corporation« bestens positioniert und nach eigenem Bekunden die »Führerschaft in digitalen Tools« für die Landwirtschaft übernommen. Ein rasanter Aufstieg, denn die »Climate Corporation« begann im Jahr 2006 als kleines Startup von zwei ehemaligen Google-Beschäftigten, die Fahrradverleihen und anderen wetterabhängigen Betrieben Wettervorhersagen anbieten wollten.

Mittlerweile kommen Anwendungen wie »Field View« bereits auf einer Ackerfläche von 24 Millionen Hektar zum Einsatz; für das Jahr 2019 erwartet der Global Player eine Steigerung auf 36,4 Millionen Hektar. Das »Apple der Landwirtschaft« wollte Monsanto mit diesem Produkt schaffen, und nach Meinung einiger Beobachter gelang dem Unternehmen dies – zu Bayers Freude – auch. So beschreibt die US-amerikanische Journalistin Angela Huffman die Plattform als eine Kombination von Windows und »App Store«. Und wie Apples digitaler Shop zeigt sich »Field View« offen für zahlende Gäste; nur die direkte Konkurrenz muss draußen bleiben. Fast 80 Partner hat Bayer schon gewonnen. Dazu zählen unter anderem der Landmaschinenhersteller Agco, der Bodenkartenanbieter Veris, der digitale Getreidemarktplatz Farmlead und Harvest Profit Inc., das »Field-by-field Profitability Analysis« anbietet. Sie alle zahlen für den Zugang und führen einen Teil ihrer Umsätze an Bayer ab. Zudem kann der Konzern ihre Daten abgreifen.

Damit nicht genug, bietet sich ihm durch dieses Instrument die Möglichkeit, die Rolle eines Türwächters einzunehmen und so darüber zu bestimmen, wer rein darf in die Welt der »digitalen Landwirtschaft« und wer nicht. Ganz offen spricht die Aktiengesellschaft davon, eine solche Filterfunktion ausüben zu wollen. Einige befürchten überdies, Bayer trage sich mit der Absicht, über die Plattform die traditionellen Vertriebswege für Pestizide und andere Betriebsmittel zu umgehen und selbst als Anbieter aufzutreten, um sich einen größeren Anteil an der Wertschöpfungskette zu sichern.

Die Basis der Plattformökonomie bilden die Daten. Sie sind das eigentliche Kapital. Der Leverkusener Multi besitzt nach der Integration der »Climate Corporation« jede Menge davon und zeigt sich weiter unersättlich. »Wie bei jedem digitalisierten Geschäftsmodell braucht man eine bestimmte Menge an Daten, um die Algorithmen treffsicherer zu machen. Wir sind deswegen gerade dabei, unsere Produkte zu verbessern und noch mehr Daten zu sammeln, damit wir den Landwirten gute Handlungsempfehlungen geben können«, erklärt Bayers Agrochef Liam Condon. Dabei war der Datenbestand schon in der Monsanto-Ära so groß, dass das Unternehmen in der Amazon-Cloud so viel Speicherplatz in Beschlag nahm wie kein anderes.

Gläserne Landwirte

Dementsprechend fürchten sich viele Bäuerinnen und Bauern davor, ihre Höfe von der Industrie bis zur letzten Ackerkrume nach dem durchleuchten zu lassen, was der Leiter der »Climate Cooperation« Michael Stern »die neue Währung in der Landwirtschaft« nennt. Thomas Kiesel sieht vor allem in der Vernetzung aller im Betrieb eingesetzten Systeme eine Gefahr: »Dann hätten nämlich die Hersteller von Landtechnik und anderen Betriebsmitteln direkten Zugriff auf unsere Produktionsdaten – und wir wären gläserne Landwirte.« Bei einer Umfrage, initiiert von verschiedenen Landwirtschaftsorganisationen kurz vor dem Mansonto-Deal, äußerten 91,7 Prozent der befragten Landwirte, Angst vor einem Big Brother Bayer zu haben, der die Kontrolle über die Daten ihrer Farmen besitze. Deshalb versucht der Global Player nach Kräften, die Gemüter zu beruhigen. »Wir wollen kein Datenkrake der Landwirtschaft werden«, beteuert etwa Tobias Menne von Bayer (Wirtschafts-Woche, 22.8.2018). Aber überzeugend klingt das nicht.

Der Politik ist die Sammelwut auch nicht entgangen. Die russische Kartellbehörde FAS hatte nicht zuletzt aus diesem Grund ernstliche Bedenken gegen Bayers Monsanto-Übernahme. »Sie haben so große Datenmengen, dass von unserem landwirtschaftlichen Sektor nach einem Zusammenschluss nicht mehr viel übrig sein wird«, fürchtete FAS-Chef Igor Artemjew. Deshalb musste der Leverkusener Multi garantieren, den Zugang zu dieser Technologie nicht zu reglementieren und auch russische Betriebe daran teilhaben zu lassen. Die Bundesregierung hat ebenfalls Handlungsbedarf erkannt – jedenfalls theoretisch. »Klare Leitplanken und Regulierung« brauche es in diesem Bereich, verkündete Bundeskanzlerin Angela Merkel Anfang des Jahres auf der »Grünen Woche« in Berlin, ohne dem allerdings Taten folgen zu lassen.

Mit dem Einstieg in die Plattformökonomie will der Konzern sein ganzes Geschäftsmodell verändern. »Durch die Digitalisierung werden wir künftig das Gesamtprodukt ›das saubere Feld‹ anstelle einzelner Artikel anbieten können«, sagt Cropscience-Chef Condon. Wobei »sauber« für Bayer ein relativer Begriff ist. Eine »ertragsrelevante Ausdehnung – nicht das Vorhandensein – von Pflanzenkrankheiten durch unsere Technologien« plant der Konzern künftig auszuschließen, schränkt das »Digital Farming Team« ein.

Condon zufolge geht es jetzt nicht mehr darum, »so viel Liter Chemie zu verkaufen wie möglich«. Wenn nur die Hälfte des Feldes gespritzt werde, werde man zwar nur halb soviel Absatz machen, gab die Nachrichtenagentur Reuters am 4. Mai 2016 seine Worte wieder: »Aber das Wissen, dass man nur diesen Teil des Feldes spritzen muss – das können Sie verkaufen.« Weniger kann also mehr sein.

Einen Namen hat das Kind bei Bayer auch schon: »Outcome-based pricing«. Dabei gibt der Algorithmus, in den Zahlen zum Pestizideinsatz und andere Parameter einfließen, einen bestimmten Ernteertrag vor. Wird der unterschritten, muss Bayer zahlen; bei Überschreiten erhält der Konzern Geld von den Landwirten. Für Fungizide erprobt der Leverkusener Multi ein solches Modell gerade. Ein konkretes Datum zur Einführung nennt er aber wohlweislich nicht. Bei einigen komplexen Variablen hake es noch, bekundet der Global Player.

An Baustellen mangelt es auch sonst nicht bei der »digitalen Landwirtschaft«. Vieles in dem Bereich ist noch Zukunftsmusik, und nicht weniges davon wird es für immer bleiben. Das Versprechen, den Kartoffelkäfer und seine Kolleginnen schon im Anmarsch per Drohne aufzuspüren und dann mittels eines gezielten Pestizideinsatzes zu stellen, dürfte etwa darunterfallen. Besser sieht es für die automatisierten Landmaschinen aus. Diese nutzen die Landwirte jetzt schon relativ häufig. Zu einer entsprechend harten Konkurrenz für Bayer und Co. wachsen deshalb die großen Anbieter wie John Deere und Claas heran, denn auch diese haben sehr viel Agrarwissen in Nullen und Einsen parat. John Deere versuchte in der Vergangenheit sogar schon einmal, Monsantos Digitalsparte zu kaufen, was nur die Intervention der US-amerikanischen Wettbewerbsbehörde verhinderte. Und dann ist das alles nicht zuletzt eine Preisfrage. Die »Landwirtschaft 4.0« kostet nämlich so einiges, und Kleinbauern und -bäuerinnen können die erforderlichen Summen in den meisten Fällen gar nicht aufbringen.

Problem Klimawandel

Aber die digitale Landwirtschaft steht auch vor einer grundsätzlichen Herausforderung: Was nützt ein Algorithmus, der immer die besten Bedingungen ausspuckt, was das Wetter, die Bodenbeschaffenheit und das Schadinsektenaufkommen angeht, wenn diese Bedingungen in Zeiten des Klimawandels immer schlechter werden? Was dadurch an zusätzlichem Pestizid- und Düngemittelbedarf entsteht, kann das »Precision Farming« nie und nimmer wettmachen. Noch dazu ist die »Zukunftstechnologie« eher Teil des Problems als der Lösung, stellt sie doch die vorerst letzte »Errungenschaft« der agro-industriellen Landwirtschaft dar, die nicht eben wenig zur Erderwärmung beiträgt. Die gesamte Entwicklung wirft also viele Fragen auf, und momentan hapert es noch am einfachsten. So gibt es auf dem vielgepriesenen »intelligenten Feld« vielerorts in Deutschland gar kein Netz, weil der Kabelausbau in den ländlichen Regionen stockt.

Jan Pehrke ist Mitglied im Vorstand der ­»Coordination gegen Bayer-Gefahren«. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 22./23. Juni 2019 über die geheimdienstlichen Methoden, mit denen Monsanto Politik und Öffentlichkeit beobachten ließ (»Operation Glyphosat«).

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