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Aus: Ausgabe vom 09.10.2019, Seite 10 / Feuilleton

Dietzel, Wien, Scholz

Von Jegor Jublimov
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Verzaubert mit seiner Stimme: Dieter Wien (bei der Eröffnungsveranstaltung der »Woche des Buches« 1967 im Funkwerk Köpenick)

Mehr als bedauerlich ist es, dass die filmkünstlerischen Mitarbeiter hinter Regisseur und Autor von der Öffentlichkeit selten wahrgenommen werden, haben doch Szenen- und Maskenbildner, Komponisten und Kameraleute wesentlichen Anteil am Ergebnis. Wolfgang Dietzel, profilierter Kameramann des Defa-Dokumentarfilms, wird am Freitag 80. Nach einem Physikstudium in Dresden konnte er an der Babelsberger Filmhochschule Kamera studieren und wurde bald Partner einiger der besten Regisseure: im Studium schon von Winfried Junge, für den Dietzel 1993 die nach dem Zeitenwechsel entstandenen Folgen der »Golzow«-Reihe aufnahm, von Jürgen Böttcher, dessen Meisterwerk »Martha« (1979) über eine ehemalige Berliner Trümmerfrau ohne Dietzels ruhige Einstellungen nicht denkbar wäre, oder Eduard Schreiber, für den Dietzel beispielsweise Walli Nagel und Alexander Abusch porträtierte.

Mit seiner Stimme verzaubert Dieter Wien bis heute, wenn er etwa Aitmatows »Der weiße Dampfer« liest. Dabei hat sich der Schauspieler, der am Sonntag 85 wird, seit ein paar Jahren vom Beruf verabschiedet. Nachdem seine Frau Madeleine Lierck-Wien sich vor kurzem von den »Roten Rosen« zurückgezogen hat, braucht er ihr nicht mehr den Rücken freizuhalten, und sie können gemeinsam den Altersfreuden nachgehen. Wien kam bei Kriegsende von seiner Heimatstadt Danzig (heute: Gdansk) nach Halle, begann in der Kinderkomparserie des Theaters, und während der Buchdruckerlehre wirkte er in einer Betriebslaienspielgruppe mit, ehe er in Leipzig ein Schauspielstudium aufnahm. Nach Stationen an verschiedenen Theatern ging Wien 1964 ans Berliner Maxim-Gorki-Theater, dem er fast vier Jahrzehnte lang treu blieb. Weithin bekannt machten ihn Hauptrollen in den Defa-Filmen »Flucht ins Schweigen« (1966) und »Wir lassen uns scheiden« (1968), denen sich zahllose Haupt- und Nebenrollen vor der Kamera anschlossen.

So spielte Dieter Wien 1994 in dem TV-Mehrteiler »Imken, Anna und Maria«, den Regisseur Gunther Scholz inszenierte. Der war bis in jüngere Zeit ein Wanderer zwischen den Genres. Zwischen seinen Spielfilmen drehte er zahlreiche Dokumentarfilme und fand auf beiden Gebieten Anerkennung.

Scholz, heute vor 75 Jahren in Görlitz geboren, wurde Schriftsetzer, NVA-Soldat und studierte bis 1971 an der Filmhochschule Babelsberg. In seinem Debütfilm »Ein April hat 30 Tage« (1979) erzählte er von einer Liebe im Schatten der Parteiräson. Mit seinen sozial genauen Dokumentarfilmen, die oft einen Rückblick auf die DDR warfen, hat er augenöffnend gewirkt, aber sein größter Erfolg war wohl, dass die vier Filme, die er in den Jahren 2001 bis 2014 dem baden-württembergischen Justizopfer Harry Wörz widmete, zu dessen Rehabilitierung entscheidend beitrugen.

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