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Aus: Ausgabe vom 09.10.2019, Seite 8 / Inland
Von Agrarwende keine Spur

»Bei Lippenbekenntnissen darf es nicht bleiben«

Viele Baustellen, kaum Handlungswille: Umweltschützer kritisieren Agrarpolitik der Bundesregierung. Gespräch mit Christian Rehmer
Interview: Kristian Stemmler
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Zwischen Buhmann und Hoffnungsträger: Die Arbeit von Landwirten hat große Auswirkungen auf die Entwicklung des Klimas

Bei der Agrarministerkonferenz, kurz AMK, ging es Ende September unter anderem um den Klimawandel. Inwiefern ist der für die Landwirtschaft relevant?

Die Landwirtschaft ist in der Frage Opfer und Täter zugleich. Sie leidet unter Wetterextremen wie Dürre oder Starkregen, könnte aber auch das Klima stärker schützen. Dafür braucht es die richtigen politischen Entscheidungen. Allerdings umgeht die Bundesregierung mit ihrem »Klimapaket« die großen Agrarbaustellen: die Reduzierung der Nutztierbestände und die Wiedervernässung von Moorstandorten. Man muss wissen: Die Landwirtschaft ist für elf Prozent der deutschen Treibhausgase verantwortlich.

Gesprochen wurde bei der AMK auch über den Wald, der in Zeiten des Klimawandels mit Trockenheit und Borkenkäfern zu kämpfen hat. 800 Millionen Euro sollen in den kommenden vier Jahren ausgegeben werden. Reicht das?

Entscheidend ist, wofür das Geld ausgegeben wird. Ein wichtiges Ziel ist der Waldumbau, weg von Fichten- und Kiefermonokulturen und hin zu naturnahen Laubmischwäldern. Das ist sowohl besser für die Artenvielfalt als auch für die Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Klimawandel. Bei der Wiederaufforstung darf Geld nur fließen, wenn es für eine ökologische Wiederbewaldung mit heimischen Laubbäumen genutzt wird.

Welche Erwartungen haben Sie an die Gemeinsame Agrarpolitik der EU, kurz GAP?

Diskutiert wird aktuell, wie die GAP zukünftig aussehen soll. Wir müssen weg von der Förderung mit der Gießkanne und das Geld dafür benutzen, besondere Leistungen der Agrarbetriebe zu honorieren: Wer mehr für das Klima, die Natur oder das Tierwohl macht, der soll dafür auch Steuergelder erhalten. Die derzeitige pauschale Flächenprämie von 286 Euro pro Hektar und Jahr ist unökologisch, unökonomisch und gehört schrittweise abgeschafft. Die Vorschläge aus Brüssel bieten die Möglichkeit, eine GAP-Reform in diesem Sinne zu gestalten. Doch die Agrarlobby und reformunwillige Mitgliedsstaaten sind bereits dabei, die Vorschläge zu verwässern.

Ein weiteres Thema der AMK war der Insektenschutz. Welche Maßnahmen gegen das Insektensterben wurden beschlossen?

Eine Trendwende wird das Aktionsprogramm der Bundesregierung leider wohl nicht einleiten. Es sind bisher keine nennenswerten Gesetzesänderungen geplant. Sinnvoll ist die Ankündigung, Herbizide und die Biodiversität schädigende Insektizide in bestimmten Schutzgebieten sowie am Rande von Gewässern zu verbieten. Doch bei Lippenbekenntnissen darf es nicht bleiben, die Gesetzesänderungen sind schnellstens auf den Weg zu bringen. Zudem muss das angekündigte Ende der Glyphosatnutzung endlich umgesetzt werden.

Vielen Wirtschaftsverbänden geht der Insektenschutz schon jetzt zu weit. Der reduzierte Einsatz von Pflanzenschutzmitteln mache den Bauern ihre Arbeit fast unmöglich, wird argumentiert. Was sagen Sie dazu?

Ein anderes Wirtschaften ist möglich. Biobetriebe, die keine chemisch-synthetischen Pestizide einsetzen, machen es vor. Natürlich belastet eine Einschränkung beim chemischen Pflanzenschutz zunächst. Bauern müssen sich dafür umstellen: auf biologischen Pflanzenschutz, das Fördern von Nützlingen, andere Fruchtfolgen, Anbaumethoden oder Sortenwahl.

Vielerorts protestieren Bauern regelmäßig mit grünen Kreuzen gegen die Verschärfung des Insektenschutzes. Ist das nicht unangemessen, wenn man daran denkt, dass es um die Rettung der Natur geht?

Grundsätzlich ist ein Protest legitim, auch wenn ich den Opfermythos schwierig finde. Problematisch ist, wenn das zu einer Verweigerungshaltung führt. Es gibt genug Belege, dass die gängige Landwirtschaft in hohem Maße zum Artensterben beiträgt. Daher sollten die Kreuzaufsteller nicht ablehnend auf Insektenschutz reagieren, sondern aufzeigen, wie sie mehr dazu beitragen können und welche Unterstützung und Beratung sie dazu brauchen.

Christian Rehmer ist Leiter der ­Abteilung Agrarpolitik beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V. (BUND)

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