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Aus: Ausgabe vom 08.10.2019, Seite 11 / Feuilleton
Lyrik

Anatom der Stadt

Zum Tod des nordirischen Dichters Ciaran Carson (1948–2019)
Von Jürgen Schneider

In der Nacht zum Sonntag starb in Belfast der Dichter und Schriftsteller Ciaran Carson. In den anlässlich seines sechzigsten Geburtstags 2008 erschienen »Collected Poems« ließ sich die Entwicklung seiner komplexen wie stilistisch eleganten Dichtung über eine Zeit von mehr als dreißig Jahren nachvollziehen. Der am 9. Oktober 1948 in Belfast geborene Carson war ein brillanter Anatom der Stadt und urbaner Erfahrung – Aspekte, die eine zentrale Rolle in seiner Ästhetik einnahmen. Übersetzungen spielten für sein Werk stets eine wichtige Rolle, und so integrierte er etwa in seinen Gedichtband »Belfast Confetti« (1989) Versionen japanischer Haiku.

Neben 16 Lyrikbänden veröffentlichte Carson auch Prosawerke, wie etwa »The Star Factory« (1997), das eines der besten Bücher über Belfast ist. Er hat mehrfach in Berlin gelesen, erstmals 1991 in der Literaturwerkstatt. Die dort von ihm vorgetragenen Gedichte finden sich in der von mir 1993 herausgegebenen und im Galrev-Verlag erschienenen Anthologie »Irrlandt Ireland Irland«. Es war eine der wenigen Veröffentlichungen Carsons in deutscher Sprache, deutsche Verlage lehnten es ab, Gedichte oder Prosawerke von Ciaran Carson zu veröffentlichen, der neben Seamus Heaney, John Montague und Michael Longley als einer der bedeutendsten Lyriker Nordirlands angesehen wird.

Ciaran Carson

Als das Überfallkommando einschritt, regnete es plötzlich Ausrufezeichen,

Muttern, Bolzen, Nägel, Autoschlüssel. Eine Fontäne kaputter Typen.

Und die Explosion selbst – ein Sternchen aus dem Stadtplan. Diese Linie aus Bindestrichen,

eine Salve aus dem Schnellfeuergewehr.

Ich versuchte, einen Satz in meinem Kopf zu vollenden, aber das Knattern ging weiter,

all die Gassen und Seitenstraßen blockiert von Punkten und Kolons.

*

Ich kenne dieses Labyrinth sehr gut – Balaclava, Raglan, Inkerman, Odessa Street –

Warum kann ich nicht entfliehen? Jede Bewegung ist mit Satzzeichen versehen.

Crimea Street. Wieder eine Sackgasse.

Ein Saracen, Kreml-2-Gitter. Visiere aus Makrolon. Walkie-talkies.

Wie lautet mein Name? Woher komme ich? Wohin gehe ich?

Ein Hagel von Fragezeichen.

Aus: »Belfast Confetti«, 1989; ins Deutsche übertragen von Jürgen Schneider

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