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Aus: Ausgabe vom 08.10.2019, Seite 8 / Ansichten

Umstrittene Ungleichheit

Einkommen driften stärker auseinander
Von Christoph Butterwegge
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Die sozioökonomische Ungleichheit machte sich gegen Ende des vergangenen, Anfang des jetzigen Jahrhunderts auch in der Bundesrepublik stärker bemerkbar, als es das harmonische Selbstbild der »sozialen Marktwirtschaft« erlaubte. Seither wird über das Ausmaß, die weitere Entwicklung und die Entstehungsursachen hierzulande heftig gestritten.

Gestützt auf das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW), behaupten viele Politiker und Publizisten, dass die Einkommensungleichheit nur bis 2005 gestiegen sei, während seither alle Bevölkerungsschichten in etwa gleichem Maße von der guten wirtschaftlichen Entwicklung profitiert hätten. Am 1. Januar des besagten Jahres ist das im Volksmund »Hartz IV« genannte Gesetzespaket der »rot-grünen« Bundesregierung in Kraft getreten. Am 22. November 2005 übernahmen CDU und CSU in der ersten großen Koalition unter Angela Merkel wieder die Regierungsführung – ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass sich die Kluft zwischen Arm und Reich ausgerechnet von nun an nicht mehr vertieft haben soll!

Zu ganz anderen Resultaten ist das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) gelangt, das zwischen 2005 und 2009 aufgrund seiner Daten sogar einen leichten Rückgang der Einkommensungleichheit festgestellt hatte. Nach dem Ende der Finanzkrise habe sich das Blatt aber wieder gewendet, stellten die Berliner Verteilungsforscher fest. Sie wiesen für den Zeitraum seit 2010 mit Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) einen deutlichen Anstieg der Einkommensungleichheit in Deutschland nach.

Nun hat das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung in seinem »Verteilungsbericht 2019« dieses Resultat eindrucksvoll bestätigt. Demnach fanden vor allem an den Rändern der Verteilung größere Veränderungen statt, weshalb es wieder zu einer stärkeren Polarisierung der Einkommen gekommen sei. Die politischen Schlussfolgerungen daraus: eine stärkere Besteuerung von hohen und höchsten Einkommen sowie eine deutliche Anhebung des Mindestlohns und der Hartz-IV-­Regelbedarfe.

Entscheidender als die Einkommensverteilung ist jedoch die Vermögensverteilung, wenn es um die sozioökonomische Ungleichheit geht, denn selbst hohe Einkommen können etwa aufgrund einer Insolvenz wegfallen, große Vermögen aber nicht. Weder das DIW noch das WSI berücksichtigen bei ihren Angaben zudem die unterschiedlichen Quellen (Kapital, Lohnarbeit und Grundeigentum) und die unterschiedliche Qualität der von ihnen erfassten Einkommen (Profit, Lohn bzw. Gehalt, Miet- und Pachteinnahmen). Das aber wäre nötig, um die gesellschaftlichen Verteilungsverhältnisse noch fundierter einschätzen zu können.

Professor Christoph Butterwegge lehrte bis 2016 Politikwissenschaft an der Universität zu Köln. Demnächst erscheint sein Buch »Die zerrissene Republik. Wirtschaftliche, soziale und politische Ungleichheit in Deutschland«.

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