Gegründet 1947 Donnerstag, 14. November 2019, Nr. 265
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 08.10.2019, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Verschuldung im globalen Süden

»Am Ende verlieren die Betroffenen häufig ihr Land«

Folgen der Mikrokredite: In Kambodscha verschulden sich immer mehr Menschen, darunter viele Bauern. Ein Gespräch mit Naly Pilorge
Interview: Thomas Berger
S 08.jpg
Folgen des Baubooms in Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh: Immer mehr von Landraub Betroffene leben in Slums (September 2019)

Ihre Organisation hat vor kurzem eine Untersuchung zum Mikrokrediteboom in Kambodscha mit dem Titel »Collateral damage« vorgelegt (siehe jW vom Montag). Welche neuen Erkenntnisse haben Sie darin gewonnen?

Neu ist das Problem nicht. Bankenvertreter, mit denen wir im Rahmen der Untersuchung gesprochen haben, bestätigten uns, dass es diese Trends schon länger gibt. Neu ist allerdings, dass das in dieser Form nun erstmals so deutlich öffentlich gemacht wird. Bisher wurde das Thema eher unter der Decke gehalten, indem etwa vorhandene Studien – beispielsweise auch 2017 durch die deutschen Geldgeber BMZ und KfW (Entwicklungsministerium und Kreditanstalt für Wiederaufbau, jW) – nicht publiziert wurden. Wir haben jetzt 28 beispielhafte Fälle von Extremverschuldung durch solche Kredite möglichst tiefgreifend untersucht, um daraus Schlussfolgerungen zu ziehen.

Seit wann wirkt sich das Mikrokreditsystems im Land negativ aus?

Das lässt sich schwer sagen. Es handelt sich um eine sehr gefährliche Entwicklung, wenn vor allem Landtitel als Sicherheit bei Kreditnahmen angegeben werden. Wir von der Organisation LICADHO beschäftigen uns schon lange in besonderer Weise mit Fällen von Landraub und Vertreibungen. Doch erst in jüngster Zeit ist auch uns klar geworden, wie oft solche mit Mikrokrediten und Überschuldung verbunden sind. Kambodscha steht da nicht allein, das Problem gibt es generell in vielen Ländern. Bedenklich ist, dass Strukturen beteiligt sind, die von westlichen Staaten, auch der Bundesrepublik, finanziell unterstützt werden.

Welche Schlüsse ziehen Sie aus Ihrer Untersuchung?

Zum einen, dass immer mehr zusätzliche Kredite aufgenommen werden, um die ursprünglichen abbezahlen zu können – und dass am Ende die Betroffenen häufig ihr Land verlieren. Zum anderen, dass die Mitarbeiter der Mikrofinanzorganisationen ein Interesse daran haben, Kredite zu maximieren, und sie oft selbst diejenigen sind, die in der zweiten Instanz an private Kredithaie mit hohen Zinssätzen weitervermitteln. In manchen Fällen schwatzten sie ihrerseits gleich eine größere Kreditsumme auf – im Wissen, dass die Kreditnehmer die kaum werden zurückzahlen können.

Kambodscha, gerade die Hauptstadt Phnom Penh, erlebt seit Jahren einen Bauboom, viel Geld ist im Umlauf und fließt auch von außen ins Land. Haben solche Entwicklungen generell die Dimensionen dessen verschoben, welche Gegenwerte und Risiken es gibt?

Zweifellos. Hinzu kommt: Schon die Kreditanträge sind hochkompliziert. Unter anderem Menschen, die nur über rudimentäre Bildung verfügen, oder Indigene, die erstmals in ihrem Leben mit Bargeldsummen in diesem Umfang umgehen, haben damit große Probleme. Ein weiterer Punkt ist, dass die Ernten, die Landwirten als Sicherheit für das fristgerechte Abzahlen ihrer Kredite dienen, infolge des fortschreitenden Klimawandels immer weiter wegbrechen.

Gibt es Reaktionen der Regierung auf die Studie?

Wir wurden am 4. September von einem Vertreter des Ministerrats zu einem Gespräch hinter verschlossenen Türen geladen, zusammen mit Abgesandten der Kreditinstitute. Zweieinhalb Stunden lang wurden wir unter Druck gesetzt, eine vorgefertigte Erklärung zu unterzeichnen, die besagt, wir hätten uns geirrt. Eine Woche später gab es eine gleichlautende Gesprächseinladung, der wir nicht gefolgt sind, und mehrere Tage lang täglich Nachrichten des Regierungsvertreters, der uns bedrängte. Da wurden wir mal als oppositionsnah, mal als »sozialistisch« kritisiert. Das war ein bisher völlig unbekannter Zungenschlag. Inzwischen hat dieser unmittelbare Druck aufgehört.

Wie geht es für Sie jetzt weiter?

Mitte Oktober bin ich mit einem Mitstreiter in Brüssel, Bonn und Berlin. Wir wollen dort mit Regierungsvertretern, Abgeordneten und Aktiven in NGOs ins Gespräch kommen und sie über die Probleme in Kambodscha informieren.

Naly Pilorge ist Direktorin der ­kambodschanischen Menschenrechtsorganisation LICADHO

Ähnliche:

  • Im April 1975 zogen etwa 20.000 Kämpfer der Roten Khmer in Phnom...
    17.04.2015

    Verquere Fronten

    Vor 40 Jahren eroberten die Roten Khmer die Macht in Kambodscha. Die brutale Pol-Pot-Despotie (1975-79) verdankte sich nicht zuletzt der Politik der USA und wurde von verschiedenen Seiten protegiert
  • Ein Reislager nahe der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh
    12.12.2013

    Bedrängte Platzhirsche

    Auf dem globalen Reis-Exportmarkt tut sich einiges: Myanmar und Kambodscha kurbeln Ausfuhren an und verschaffen dem Spitzentrio mehr Konkurrenz

Regio:

Mehr aus: Kapital & Arbeit