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Aus: Ausgabe vom 08.10.2019, Seite 4 / Inland
70 Jahre DDR

Ein Friedensstaat

Unterschiede nicht »übermalen«: OKV erinnert an 70. Jahrestag der DDR-Gründung
Von Nico Popp
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Aufmerksame Zuhörer: Hans Modrow bei seiner Rede am Montag im Bürgerhaus Neuenhagen bei Berlin

Die Wahl des Termins war etwas unglücklich, der Veranstaltungsort lag nicht eben zentral, am Ende waren aber dennoch rund 500 Menschen da: Das Ostdeutsche Kuratorium von Verbänden (OKV) hatte am Montag für 10 Uhr zur nun schon traditionellen »alternativen Einheitsfeier« in das Bürgerhaus Neuenhagen geladen. Im OKV haben sich Vereine, Freundeskreise und soziale Bündnisse zusammengeschlossen, die sich der »Überwindung von Diskriminierungen, Defiziten und Benachteiligungen im Prozess der Vereinigung Deutschlands verschrieben haben«.

Ein Zweck des Zusammenschlusses war und ist der Kampf »gegen jede Art von Geschichtsfälschung«. Bei der Veranstaltung in Neuenhagen ging es allerdings nicht in erster Linie um eine Gegenerzählung zu den offiziellen »Einheitsfeiern« am und um den 3. Oktober. Im Mittelpunkt stand der 70. Jahrestag der Gründung der DDR, des »ersten deutschen Friedensstaates«.

Hans Modrow, 1989/90 Vorsitzender des Ministerrates der DDR und heute Vorsitzender des Ältestenrates der Partei Die Linke, erinnerte in seiner Rede an die Anfänge der DDR. Man müsse sich aber auch der Zukunft zuwenden. Eine »gute Zukunft« sei indes »ohne Nachdenken über den Sozialismus im 21. Jahrhundert« nicht möglich. Unter großem Beifall rief Modrow aus: »Wir brauchen Antifaschismus, eine demokratische Ordnung und den Kampf für Frieden!«

Der DKP-Vorsitzende Patrik Köbele sagte, die DDR sei auch heute noch mehr als nur ein »Stachel im Fleisch der herrschenden Klasse«. Das zeige der weiterhin »hysterische Umgang« mit ihr. Der konsequente »Friedenskampf«, so Köbele, dränge dazu, »Stellung im Klassenkampf« zu beziehen. Das habe er in seiner Jugend in der alten BRD gelernt, wo es zum guten Ton gehört habe, »irgendwie links« zu sein – »aber natürlich nicht so wie in der DDR oder der Sowjetunion«. Der Pazifismus vieler Jugendlicher, eigentlich eine Reaktion auf die Aufrüstung in der BRD, sei so »für den Antikommunismus« ausgenutzt, die grundsätzlichen Unterschiede zwischen Imperialismus und Sozialismus, zwischen Bundeswehr und NVA seien »übermalt« worden.

Per Akklamation wurde am Ende der Veranstaltung eine Erklärung verabschiedet, mit der sich die Anwesenden gegen die »gegenwärtige Innen- und Außenpolitik der Bundesrepublik« aussprachen. Die Erhaltung und Festigung des Friedens sei in der DDR Staatsdoktrin gewesen. Die größte Gefahr für den Frieden in Europa sei vor 30 Jahren durch die »Zerschlagung dieses ersten deutschen Friedensstaates« entstanden; die Maxime der DDR, dass von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgehen dürfe, müsse zur Maxime für ganz Deutschland werden. Dazu müssten alle Kriegseinsätze der Bundeswehr beendet und alle Waffenexporte gestoppt werden.

Mehrfach war am Montag davon die Rede, dass »vor allem« auch »die jungen Menschen« erreicht werden müssten. Es wäre unter diesem Gesichtspunkt sicher zu begrüßen, wenn die nächste »alternative Einheitsfeier« im kommenden Jahr so geplant werden würde, dass auch Schüler, Auszubildende und junge Berufstätige zumindest die Chance haben, daran teilzunehmen.

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