Schwarzer Kanal
Gegründet 1947 Sa. / So., 7. / 8. Dezember 2019, Nr. 285
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 07.10.2019, Seite 8 / Ansichten

Freiheit der Heuchler

Die Rolle des Westens im Irak
Von Jörg Kronauer
Annegret_Kramp_Karre_62393227.jpg
Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) beim Truppenbesuch im Nordirak (21.8.2019)

Die »Freiheit«, die der Westen dem Irak gebracht hat, hat ihre nächste Stufe erreicht. Am 20. März 2003 tönte US-Präsident George W. Bush, US-Truppen hätten begonnen, »Iraks Bevölkerung zu befreien und die Welt vor einer ernsten Gefahr zu schützen«. »Operation Iraqi Freedom« wurde das Gemetzel im Westen genannt. Dem schlossen sich ein massenmörderischer Invasionskrieg, die Installation eines Besatzungsregimes und brutalste Aufstandsbekämpfung an. Was hat all dies im Irak bewirkt? Zahllosen Todesopfern und furchtbaren materiellen Zerstörungen folgten das Erstarken von Dschihadisten, dann sogar die Eroberung eines Teils des Landes durch den »Islamischen Staat«, der mit seinem Terrorexport tatsächlich darstellte, was Bush angeblich unterbinden wollte – eine »Gefahr für die Welt«. Das Resultat? Die neuen Massenproteste im Irak zeigen es: Staat und Regierung sind korrupt, die soziale Lage ist katastrophal, Repressionskräfte schießen Demonstranten nieder – und Besserung ist nicht in Sicht.

Nichts Neues im Mittleren Osten also, würden Zyniker sagen: Der Westen hat erhebliche Teile der Region unter dem Banner der »Freiheit« zerstört, und er schickt sich an, unter demselben Banner noch weitere Länder und Gebiete zu ruinieren – Venezuela, Kuba, Russland etwa und, wenn’s nach ihm ginge, mindestens auch Hongkong. Nur: In den Ruinen des Mittleren Ostens verschieben sich mittlerweile die Kräfteverhältnisse. Ging man in Washington im Jahr 2003 davon aus, der Irak würde sich künftig vielleicht nicht gerade unter der Fahne der »Freiheit«, dafür aber gewiss unter dem Sternenbanner oder doch wenigstens unter der NATO-Flagge positionieren, so ist in dem Land seitdem vor allem Irans Einfluss deutlich erstarkt; in der Region hat Russland an Einfluss gewonnen; China fasst ökonomisch Fuß. In einer Zeit, in der Washington seine Kräfte eigentlich gegen Beijing sammeln und daher aus dem Mittleren Osten abziehen will, wackelt der Einfluss des Westens – nicht nur, aber auch im Irak.

Das ist die Lage, in der die herrschenden Kreise in der Bundesrepublik ihre Stunde gekommen sehen. Stolz wird seit geraumer Zeit darauf verwiesen, dass Berlin in den Konflikten in Nah- und Mittelost immer häufiger Einfluss zu nehmen sucht: mit Verhandlungsbemühungen im Jemen, im Sudan, in Libyen und in gewissem Maß auch in Syrien. Zudem operieren deutsche Soldaten am Horn von Afrika und vor der Küste des Libanon, fliegen Aufklärungseinsätze an Syriens Himmel, sind im Irak präsent, das Ziel fest im Blick, die führende Einflussposition zu übernehmen, sobald Washington sich endgültig auf den Machtkampf gegen China fokussiert. Im Irak beteiligt sich Deutschland am Aufbau der Armee – zu einer Zeit, in der Protest ohne Rücksicht auf Leib und Leben niedergeschlagen wird. Weil’s um Einfluss geht und Berlin diesen Einfluss zur Zeit über die aktuelle Regierung zu sichern sucht, spielen die zahllosen Todesopfer keine Rolle: Auch das gehört zur westlichen »Freiheit« dazu.

Ähnliche:

  • Einladung zur Teilnahme am Wiederaufbau: Internationale Handelsm...
    02.05.2019

    Russland im Mittleren Osten

    Wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Syrien, Libanon, Irak, Jordanien und Golfstaaten ausgebaut
  • Partnerschaft auf Augenhöhe? Die Kämpfer der kurdischen YPG erfr...
    13.11.2017

    Great Game

    In Syrien wie im ­gesamten Nahen Osten ringen Regional- und Großmächte um Einfluss. Die Position der USA ist dabei ­schwächer geworden
  • US-Strategie seit 2003: Durch militärische Dauerman&amp...
    12.04.2013

    Fatale Fehleinschätzung

    Hintergrund. 60 Jahre nach Kriegsende: US-Exbotschafter Donald P. Gregg bezeichnet die Nordkoreapolitik seines Landes als »am längsten währende Aufklärungspanne in der Geschichte der US-Spionage« – Pjöngjang fordert Gespräche auf Augenhöhe

Regio:

Mehr aus: Ansichten