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Aus: Ausgabe vom 05.10.2019, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Dicke Lügen

Zu jW vom 25.9.: »Trumps Spießgesellen«

Nach den Angriffen auf die saudiarabischen Ölanlagen Mitte September war für die USA, die Schutzmacht der Saudis, trotz des Bekenntnisses der jemenitischen »Huthis« zu der Tat sofort klar: Das waren die Iraner. (…) Der Appell des Außenministers Michael Pompeo blieb nicht aus: »Wir fordern jedes Land dazu auf, sich dieser Verurteilung der Handlungen Irans anzuschließen.« Worauf die Politikchefs aus Deutschland, Großbritannien und Frankreich prompt und wunschgemäß reagierten: »Für uns ist deutlich, dass der Iran Verantwortung für diesen Angriff trägt … Es gibt keine andere plausible Erklärung.« Beweise gibt es nicht, aber eine »plausible Erklärung«? Wo Beweise fehlen, müssen »plausible Erklärungen« und, wenn die nicht zu haben sind, dicke Lügen her, wie im Fall (…) des Doppelagenten Sergej Skripal, der angeblich mit seiner Tochter auf Befehl aus Moskau vergiftet wurde, oder der Kriege gegen den Irak 1990 und 2003 (mordlustige irakische Soldateska in der vielzitierten Brutkastenaffäre und angeblich die Welt bedrohende Massenvernichtungswaffen der Iraker). (…) Entwicklungen, die tatsächlich jeder beunruhigen sollten, werden demgegenüber geleugnet, entstellt, verfälscht: Eine weltweite Klimakatastrophe gibt es nicht, das Flüchtlingsdrama ist dem unkontrollierten Bevölkerungszuwachs in Afrika geschuldet, der Syrien-Krieg ist eine Machenschaft von Präsident Baschar Al-Assad mit den Russen im Hintergrund, die Wirtschaftskrise in den USA verschulden die Chinesen und die übereifrigen Exporteure Westeuropas, die Ukraine-Krise verursachten die Russen usw. Wie lange werden die US-Amerikaner und die Europäer dies noch weiter hinnehmen? (…)

Norbert Staffa, Großolbersdorf

Böswillige Verdrehung

Zu jW vom 26.9.: »Vereint gegen links«

Die UdSSR hat den Zweiten Weltkrieg nicht verursacht. Die Ächtung kommunistischer Symbole, die das EU-Parlament mit SPD- und Grünen-Stimmen beschlossen hat, zeugt entweder von Unkenntnis der Geschichte oder ist böswillig und belegt, dass die EU eine neoliberale, militaristische und weithin undemokratische Macht, ein Instrument der NATO ist. Der britische Historiker Geoffrey Roberts (…) schrieb am 23. August in seinem Artikel »Atempause« in jW, dass die sowjetische Seite sechs Monate lang mit den Briten und Franzosen über ein Dreifachbündnis verhandelt habe, um Polen vor deutschen Angriffen zu schützen, und dass dies in Diskussionen über die Führung eines gemeinsamen Krieges gegen Deutschland mündete. Leider kam man zu keinem Vertragsschluss. Er sagt, dass es Beweise aus russischen Archiven gebe, die belegten, dass die sowjetische Seite ernsthaft ein Dreifachbündnis mit Großbritannien und Frankreich angestrebt habe. (…) Zuvor hatte die UdSSR erfolglos versucht, mit Polen ein Abkommen zu erzielen, das ihr den kampflosen Durchmarsch bis zur deutschen Grenze erlauben sollte, um dort die Deutschen aufzuhalten. Schließlich blieb ihr nichts anderes übrig, als den Pakt mit Deutschland zu schließen, um Zeit für die Verlagerung von Rüstungsbetrieben zum Ural zu gewinnen. Die EU-Parlamentarier wollen auch nicht sehen, dass Großbritannien und Frankreich mit den Münchner Verträgen den Vormarsch Deutschlands nach Österreich und Tschechien gestatteten und damit die Ausdehnung seiner Grenzen nach Osten.

Wolfgang Reinhardt, Nordhausen

Unkritisches Denken

Zu jW vom 26.9.: »Synonym des Tages für Effizienz: Sozialismus«

Für die Ideologen des kapitalistischen Systems ist die Zukunft nur in zwei Versionen denkbar: entweder als Fortsetzung des alten Systems und der gnadenlosen Ausbeutung von Natur und Mensch, in dem es sich als Mitglied der Eliten allerdings recht gemütlich leben lässt, oder als finstere Dystopie eines alle gleichmachenden diktatorischen Systems, das sie als »Sozialismus« oder ähnlich diskreditieren. Vor allem der sogenannte Qualitätsjournalismus übernimmt die Rolle, dieses Weltbild in den Köpfen der Menschen zu formen, zu festigen. Er spielt eine ähnliche Rolle wie die Vertreter des Ersten Standes (der Kirche) vor der bürgerlichen Revolution in Frankreich: Predigen des Weltuntergangs und eines ewigen Höllenfeuers für die armen Seelen, sollten sie es wagen, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und das Ancien Régime zu stürzen. Was liegt da näher, als den realen Sozialismus, wie er in der VR China heranwächst, als Höllengeburt zu verunglimpfen? Leider haben auch einige Linke nicht begriffen, dass Fortschritt und Entwicklung der Menschheit nur unter der Herrschaft der Arbeiterklasse möglich sind. Sie messen die VR China nicht am realen gesellschaftlichen Fortschritt, sondern an angeblichen Widersprüchen zu ihren Idealen. In der Folge schlagen sie sich dann auf die Seite der reaktionären Kräfte, vor allem wenn es von dort Zuspruch und Beifall für »kritisches Denken« gibt.

Josef Witte, Hefei/China (über die Kommentarfunktion für Onlineabonnenten)

Augenwischerei

Zu jW vom 26.9.: »Das große Schmelzen«

Schon seit Jahrzehnten machen Umweltschützer auf Klimaveränderungen aufmerksam, ohne dass es zu irgendwelchen ernsthaften Maßnahmen geführt hätte. Der Wachstumswahn einer auf Höchstprofite ausgerichteten Gesellschafts(un)ordnung ließ das nicht zu. Auch das, was bis heute in Richtung Klimaschutz angedacht ist, ist einzig Augenwischerei. Die jetzt international überwiegend von jungen Menschen gebildete Umweltbewegung hat einiges in Bewegung gesetzt. Es wird noch großer Anstrengungen bedürfen, den Protest zum zivilen Ungehorsam zu treiben. Dazu gehört, dass die »heilige Kuh« Militär an den Pranger gestellt wird. Rüstung und Krieg sind die größten Klimakiller. Nicht nur, dass für die menschliche Zukunft wichtige endliche Ressourcen unserer Erde mit der Rüstungsproduktion für Tod und Vernichtung vergeudet werden – die Folgen des Einsatzes radioaktiver und chemischer Waffen, die Zerstörungen ganzer Länder (…) müssen endlich zum Thema gemacht werden. Von den täglich vom Militär produzierten Abgasen gar nicht erst zu reden.

Willi Hoffmeister, Dortmund

Die ›heilige Kuh‹ Militär muss an den Pranger gestellt werden. Rüstung und Krieg sind die größten Klimakiller, wichtige endliche Ressourcen werden für Tod und Vernichtung vergeudet.