Gegründet 1947 Dienstag, 22. Oktober 2019, Nr. 245
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 05.10.2019, Seite 2 / Inland
Postdemokratische Einstellungen

»Die Ergebnisse sollten ein Weckruf sein«

Befragung bei »Fridays for Future« dokumentiert Entfremdung von politischen Institutionen. Ein Gespräch mit Maurice Laßhof und Joshua Seger
Interview: Daniel Behruzi
Globaler_Klimastreik_62727727.jpg
Die Fragen und Forderungen von »Fridays for Future«-Anhängern richten sich an politische Institutionen, denen offenbar kaum mehr vertraut wird (Berlin, 20.9.2019)

Sie haben am 20. September, dem Tag des »Klimastreiks«, Teilnehmer der Demonstration in Darmstadt befragt. Zu welchen Themen?

Joshua Seger: Es ging unserem sechsköpfigen Team darum, die politischen Einstellungen derjenigen aufzudecken, die an den »Fridays for Future«-Protesten teilnehmen. Darüber wird momentan viel geredet, empirisches Material gibt es kaum.

Maurice Laßhof: Die Empirie haben wir jetzt aber. Insgesamt haben wir etwa 450 vollständig verwertbare Fragebögen zurückbekommen. Das ist recht viel, gemessen an den Teilnehmerzahlen der bisher einzig anderen Befragung bei »Fridays for Future« in Deutschland, die bei Protesten in Berlin und Bremen stattgefunden hat. Dennoch sind wir vorsichtig damit, unsere Ergebnisse sofort zu generalisieren. Die Befragung ist nicht repräsentativ, und unsere Untersuchung beschränkt sich auf Darmstadt. Zudem ist unser Projekt noch nicht abgeschlossen. Dennoch haben wir bereits einige spannende Dinge herausgefunden.

Was denn zum Beispiel?

M. L.: Eindeutig ist: Die jungen Menschen sind sehr unzufrieden mit der Arbeits- und Funktionsfähigkeit der Politik und stehen den großen Unternehmen kritisch gegenüber. 89 Prozent der Befragten sehen eine Schuld für die Klimakrise bei den Großkonzernen. Die Politik kommt mit einem Ergebnis von 85 Prozent kaum besser weg.

Sie bezeichnen diese Einstellungen als Teil einer »postdemokratischen Entwicklung«. Was ist darunter zu verstehen?

J. S.: Postdemokratie beschreibt einen Zustand, in dem die Institutionen der Demokratie zwar nach wie vor existent sind, zum Beispiel das Procedere von freien Wahlen, Parlamente und Parteien. Allerdings geht das innere Leben der Demokratie zugrunde. Politische Entscheidungen sind für die Menschen nicht mehr nachvollziehbar und werden zudem als »alternativlos« deklariert. Wahlen verkommen unter diesen Bedingungen mehr und mehr zu einer PR-Inszenierung, bei der sich Parteien lediglich auf ausgewählte Probleme beschränken.

Wie spiegelt sich das in Ihren Ergebnissen wider?

M. L.: Wir haben verschiedene Fragen und Aussagen im Zusammenhang mit der Postdemokratie-These zur Bewertung vorgelegt. Die Ergebnisse hätten wir in dieser Stärke nicht erwartet, sie sollten ein Weckruf für die etablierte Politik sein. So bringen zum Beispiel 40 Prozent der Befragten dem Handeln von Politikern »wenig« und weitere 32 Prozent »sehr wenig« Vertrauen entgegen.

J. S.: Oder schauen wir uns die Aussage »Die demokratischen Parteien zerreden immer alles und lösen die Probleme nicht« an. Der stimmen 58 Prozent der jungen Menschen zu. Gleichzeitig betrachten sich die meisten Teilnehmer an unserer Erhebung als nicht an politischen Entscheidungsprozessen beteiligt.

Warum ist das so problematisch? Die Jugendlichen bringen sich doch gerade intensiv in die öffentlichen Debatten ein.

M. L.: Dennoch fühlen sie sich ohnmächtig. Eine deutliche Mehrheit der Befragten attestiert Großkonzernen viel oder sehr viel Macht. Den Parteien – die in der parlamentarischen Demokratie ja die institutionellen Vertreter der Bevölkerung sein sollen – wird deutlich weniger Macht zugeschrieben. Der Bevölkerung selbst, dem eigentlichen Souverän, spricht hingegen nur eine Minderheit viel oder sehr viel Macht zu.

Wie drückt sich diese Entfremdung noch aus?

J. S.: Nehmen wir die sogenannte Sonntagsfrage. Auch die haben wir in unserem Projekt gestellt. Das Ergebnis: SPD und Union kämen zusammen nicht einmal über die Fünfprozenthürde. Ein Großteil der »Generation Groko« hat offenbar genug von dieser Regierungskonstellation und will ernsthafte politische Alternativen. Ob die Grünen, die bei unserer Befragung auf über 62 Prozent kamen, eine solche Alternative darstellen, kann man bezweifeln. Die Linke landet mit gut zwölf Prozent und »Die PARTEI« mit etwa zehn Prozent auf den Plätzen zwei und drei. Die Zukunft der Volksparteien wird angesichts solcher Werte in Frage gestellt.

All das bestätigt aus unserer Sicht, dass wir uns in einer postdemokratischen Phase befinden. Die politischen Institutionen insgesamt haben in der Jugend nur noch wenig Glaubwürdigkeit. Das sollte den Verantwortlichen zu denken geben.

Maurice Laßhof und Joshua Seger studieren Soziologie an der TU Darmstadt und befragten im Rahmen eines Forschungsprojekts Teilnehmer der Klimaschutzdemonstrationen

Debatte

  • Beitrag von Matthias M. aus H. ( 6. Oktober 2019 um 14:03 Uhr)
    »Postdemokratie« soll zwar wohl neutral klingen, hört sich aber immer an nach dem Ruf nach dem starken Mann. Ich würde eher ein Unbehagen, einen Verdruß mit der repräsentativen, aka Parteiendemokratie sehen. Die Zukunft kann nicht darin liegen, die Demokratie hinter sich zu lassen (im Sinne von »Post...« – was kommt danach), sondern neue Formen zu denken und auszuprobieren. Durchaus die Ideen von Rätesystemen aufgreifen oder Anarchie i. S. v. Herrschaftsfreiheit.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

Mehr aus: Inland