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Aus: Ausgabe vom 05.10.2019, Seite 1 / Titel
Aufrüstung

Atombomben an Bord

USA nötigen Berlin mit »nuklearer Teilhabe«: Bundeswehr will »F-18«-Kampfjets als Nachfolger für »Tornado« beschaffen
Von Jörg Kronauer
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Bombenstimmung: Um weiter US-Atomwaffen teilzuhaben, sollen F-18-Kampfjets die alten »Tornados« der Bundeswehr ersetzen

Die Bundeswehr wird für die Nachfolge ihrer alternden »Tornado«-Kampfjets voraussichtlich US-Flugzeuge vom Typ »F-18« beschaffen. Eine entsprechende Entscheidung zeichnet sich in Berlin laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung ab. Demnach nutzt Washington die sogenannte nukleare Teilhabe, um Druck auf die Bundesregierung auszuüben und dem US-Hersteller Boeing, der die »F-18« produziert, einen womöglich milliardenschweren Auftrag zu verschaffen – zum Nachteil des »Eurofighter«-Konsortiums.

Die Frage, welcher Kampfjet die rund 85 »Tornados« ersetzen soll, die die Luftwaffe noch in Betrieb hat, aber ab 2025 ersetzen will – über 50 Jahre nach dem Erstflug des Modells –, dauert seit Jahren an. Die Luftwaffe hatte ursprünglich die »F-35« von Lockheed Martin favorisiert; der Tarnkappenjet, den diverse NATO-Verbündete beschaffen, gilt als zur Zeit avanciertester Flieger der westlichen Rüstungsindustrie. Die Bundesregierung hat ihn jedoch Anfang des Jahres von der »Tornado«-Nachfolge ausgeschlossen. Der Grund: Deutschland und Frankreich entwickeln gemeinsam einen »europäischen« Kampfjet der nächsten Generation und wollen es deshalb vermeiden, die US-Konkurrenz zu stärken. Seitdem steht fest, dass die Entscheidung zwischen dem »Eurofighter« und der »F-18« fallen wird – und zwar zumindest als Übergangslösung, bis der neue deutsch-französische Kampfjet, so der Plan, in 15 bis 20 Jahren einsatzfähig ist.

Dabei steht einer Entscheidung für den »Eurofighter«, die vor allem von der deutschen und der französischen Rüstungsindustrie befürwortet wird, die »nukleare Teilhabe« im Weg. Zur Zeit sind »Tornado«-Jets auf dem Fliegerhorst Büchel in der Eifel stationiert, um die dort gelagerten US-Atombomben bei Bedarf zu ihrem Einsatzziel zu transportieren. Das Nachfolgemodell muss dafür eigens zertifiziert werden. Washington behauptet nun, dies dauere mindestens drei bis fünf Jahre. Da der »Eurofighter« für den Atombombenabwurf auch noch zeitraubend umgebaut werden müsse, sei mit ihm die »nukleare Teilhabe« nach der Ausmusterung der »Tornados« nicht nahtlos zu sichern. Die »F-18« hingegen lasse sich für Nuklearwaffeneinsätze schnell zertifizieren.

In Berlin zeichnet sich nun offenbar eine Entscheidung für die »F-18« ab. Hintergrund ist nicht zuletzt, dass ihr Kauf als Möglichkeit gilt, den Unmut der US-Amerikaner über die zunehmende militärische und rüstungsindustrielle Abkopplung der EU ein wenig zu dämpfen. Die US-Administration beobachtet nicht nur die Bemühungen um den Aufbau einer »Armee der Europäer« mit wachsendem Argwohn; sie hat sich im Frühjahr auch explizit beschwert, US-Konzerne kämen bei der Mittelvergabe aus dem EU-Rüstungsfonds kaum zum Zug. Allerdings müssen nicht alle rund 85 »Tornados« durch »F-18« ersetzt werden; schon seit geraumer Zeit heißt es, man könne die Nachfolge des Fliegers auch zwischen der »F-18« und dem »Eurofighter« aufteilen. Die Entscheidung wird Anfang 2020 erwartet.

Unterdessen hat die Bundesregierung erneut Rüstungsexporte an die Vereinigten Arabischen Emirate genehmigt, obwohl das Land nach wie vor in den Krieg im Jemen involviert ist. Zwar zieht Abu Dhabi seine eigenen Truppen inzwischen zurück, weil militärische Erfolge weithin ausbleiben. Allerdings unterstützen die Emirate nach wie vor Konfliktparteien vor allem im Süden des Jemen. Dessenungeachtet erhalten sie nun deutsche Stromaggregate für ein Luftabwehrsystem. Darüber hinaus hat der Bundessicherheitsrat den Export von Bauteilen für Transportfahrzeuge an Algerien genehmigt.

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