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Aus: Ausgabe vom 04.10.2019, Seite 12 / Thema
Literaturgeschichte

Den Stock verschluckt

Heinrich Heines »Deutschland. Ein Wintermärchen« spielt den erstarrten Verhältnissen ihre Melodie vor. Vor 175 Jahren schritten die preußischen Zensurbehörden gegen das Versepos ein
Von Jürgen Pelzer
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Bis heute populär: Heinrich Heines »Wintermärchen« (Titelholzstich in der von Heinrich Laube besorgten Heine-Werkausgabe von 1884)

Vortrefflich, ganz vortrefflich! Muss man sofort verbieten.«(angebliche Äußerung des Fürsten Metternich zu Heines Schriften)

Heinrich Heines 1844 verfasstes Versepos »Deutschland. Ein Wintermärchen« verarbeitet Eindrücke einer Reise, die der seit 1831 im Pariser Exil lebende Autor unternahm, um seine Familie in Hamburg wiederzusehen und mit seinem ebenfalls dort ansässigen Verleger Julius Campe einen neuen Vertrag auszuhandeln. Für Heine war es der erste Besuch in seiner alten Heimat. Er hatte sich in Frankreich zu einem Schriftsteller internationalen Ranges entwickelt. Als wacher Beobachter der politischen und ökonomischen Entwicklungen in seiner neuen Heimat schrieb er freilich weiter auf deutsch und nahm eine doppelte Funktion wahr: Mit seiner literarischen und journalistischen Arbeit war er auf beiden Seiten des Rheins präsent. In Werken wie der »Geschichte der Religion und Philosophie« suchte er den Franzosen zu vermitteln, welche revolutionären Impulse in der deutschen Geistesgeschichte verborgen sind, und hatte dabei auch das deutsche Publikum im Auge, das unter der Knute der Heiligen Allianz schmachtete und zur Passivität verurteilt war. Gleichzeitig informierte er die Deutschen in Artikeln vor allem für die weitverbreitete Augsburger Allgemeine Zeitung über die liberalen »französischen Zustände«, nicht ohne auch diverse Missstände im Deutschen Bund zu kommentieren.

»Die ganze Gärung der Gegenwart«

Die Reise nach Deutschland – sie dauerte vom 21. Oktober 1843 bis zum 16. Dezember 1843 und führte über Aachen, Köln, Münster und Bremen nach Hamburg, zurück dann über Celle, Hannover, Minden, Münster und Köln – war für Heine schockierend. Denn er stellte sehr schnell fest, dass sich seit 1831 nicht viel geändert hatte, ja dass das Land trotz oberflächlicher Änderungen stagnierte. Als er wieder in Paris war, lernte er dort Karl Marx kennen, mit dem sogleich eine enge Freundschaft und Zusammenarbeit begann.

Heine machte sich unmittelbar nach der Rückkehr an die Ausarbeitung des Textes. In einem Brief an Campe sprach er von einem Zyklus von zwanzig Gedichten, der schon fertig sei. Das Ganze sei ein »höchst humoristisches Reiseepos«, in dem er seine Fahrt nach Deutschland verarbeitet habe. Seine Gedichte seien »ein ganz neues Genre, versifizierte Reisebilder«, die eine »höhere Politik atmen als die bekannten politischen Stänkerreime«.¹

Heine erinnerte damit an das Genre, mit dem er berühmt wurde, die »Harzreise« von 1826 oder andere Reisebilder über Polen, England und weitere Länder. Campe allerdings zeigte sich skeptisch, da er Probleme mit der Zensur erwartete. Knapp zwei Monate später kündigte Heine das fertige Manuskript an: Es handle sich um ein »gereimtes Gedicht«, das »die ganze Gärung unserer deutschen Gegenwart in der kecksten, persönlichsten Weise ausspricht«. »Es ist politisch-romantisch«, ein Gegenstück zur »prosaisch-bombastischen Tendenzpoesie«. Sein »Werkchen« werde »mehr Furore machen« als »die populärste Broschüre« und dennoch den »bleibenden Wert einer klassischen Dichtung« haben.²

Campe blieb weiterhin skeptisch. Er kannte zwar den milden Hamburger Zensor Friedrich Lorenz Hoffmann, dachte aber gleichzeitig, auf einen gesamtdeutschen Markt abzielend, auch an die preußische Zensur. Da dickere Bücher ohne eine Vorabkontrolle passieren konnten, beschlossen Autor und Verleger, das »Wintermärchen« – den Titel ersann Heine im April – einfach als Anhang seiner »Neuen Gedichte« zu publizieren. Und diese Rechnung ging zunächst einmal auf, so dass der Text, bereinigt um eine Anzahl allzu scharfer sowie einiger erotischer Stellen, Ende September 1844 erscheinen konnte. Heine war im Juni ein zweites Mal nach Hamburg gereist, um letzte Probleme auszuräumen und den Druck zu überwachen. Doch als man eine separate Ausgabe veranstalten wollte, ergaben sich die erwarteten Probleme mit dem preußischen Zensor Ernst Carl Christian John, der seinen Hamburger Kollegen der politischen Ignoranz gegenüber der durchgehend antipreußischen Haltung des »Wintermärchens« beschuldigte. Dem Hamburger Zensor wurde sogar eine empfindliche Geldstrafe angedroht. Wie man sieht, funktionierten die Karlsbader Beschlüsse (1819) immer noch, ja sie wurden je nach Lage verschärft, und gleichzeitig machte sich die preußische Hegemonie bemerkbar.

Erschrecken lehren

Der Text des »Wintermärchens« ist selbst heute noch so brisant, dass man ihm die verschiedenen Stadien der Zensur nicht unbedingt ansieht. Bereits der Titel verweist auf ein winterlich erstarrtes Land, in dem es keinerlei Hoffnung zu geben scheint. Gleichzeitig erinnert er in Anlehnung an William Shakespeares bekanntes Stück »The Winters Tale« an die Zeit der langen Winterabende, in denen man sich Geschichten, Märchen und Mythologien widmen, also die erstarrte Außenwelt wenigstens in Gedanken, Gefühlen oder Träumen überwinden kann.

Caput I schildert den Schock des elegisch gestimmten Erzählers, dessen »patriotische Anwandlungen« – er ist freilich nicht unbedingt mit Heine identisch – an der Aachener Grenze mit der Wirklichkeit konfrontiert werden. Denn das Lied, das dort ein kleines Harfenmädchen »mit wahrem Gefühle / Und falscher Stimme« singt,³ ist das romantische Entsagungslied, das die Menschen in altbekannter Weise auf ein Jenseits vertröstet und so »das Volk, den großen Lümmel«, einlullt. Heine setzt ihm unmittelbar ein »neues Lied« entgegen, und zwar ein mitreißendes, machtvolles poetisches Manifest: Das Himmelreich, welches das alte und neue Mittelalter für das Jenseits vorsieht, solle »auf Erden schon« errichtet werden. Heine ist mit dem Denken der frühsozialistischen Theoretiker vertraut und beschreibt eine Welt ohne Ausbeutung, eine auf Gleichheit und gemeinsam produziertem Reichtum beruhende Gesellschaft. Gleichzeitig betont Heine eine transnationale Perspektive, denn die »Jungfer Europa ist verlobt / Mit dem schönen Geniusse / Der Freiheit«. Ein »Pfaffensegen« ist dazu nicht nötig, denn zur allgemeinen Befreiung gehört auch eine freie Erotik. Heines Manifest ist eine Art »Hochzeitskarmen«, das auch die zukünftigen Kinder miteinbezieht. Dem Dichter gelingen höchst ermutigende Verse: Für den russischen Revolutionär Georgi W. Plechanow waren hier noch vier Jahrzehnte später die »Leitgedanken der modernen Arbeiterbewegung in allen zivilisierten Ländern« ausgesprochen, und August Bebel sollte später Verse aus Caput I von der Tribüne des Deutschen Reichstags aus zitieren. Deutlich sind auch die Parallelen zu Marx’ Einleitung zur »Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie«, einer programmatischen Schrift aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern, die im Januar 1844 entstand. Marx war sich mit Heine nicht nur in der Einschätzung der anachronistischen Zustände in Preußen-Deutschland einig, sondern auch hinsichtlich der Notwendigkeit einer radikalen Theorie: Diese sollte von der »entschiedenen positiven Aufhebung der Religion« ausgehen und einem »kategorischen Imperativ« folgen, nämlich »alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen« ist.⁴ Und Heine hat sicher auch Marxens Wirkungsstrategie zugestimmt, »den Deutschen keinen Augenblick der Selbsttäuschung und Resignation« zu gönnen und deshalb »den Druck noch drückender« zu machen, indem man ihm das Bewusstsein des Drucks hinzufügt, die Schmach noch schmachvoller, indem man sie publiziert.« Ja, Marx wollte sogar »das Volk vor sich selbst erschrecken lehren, um ihm Courage zu machen«.⁵ Heine erreicht dies durch seine satirischen Techniken, seine witzig-entlarvenden Reime, seine ironischen Anspielungen, seine respektlosen Kalauer und derben Späße, die den Text ebenso lesbar-vergnüglich, ja unterhaltend wie unversöhnlich-kritisch machen.

Der Blick, den das »Wintermärchen« auf die Wirklichkeit wirft, ist ernüchternd. Immer wieder stößt Heine auf Beispiele eines repressiven Militarismus, Autoritarismus, auf Zensur, Zollkontrollen und Überwachungsmentalität, auf einen reaktionären Religionskult, der die Feudalzustände legitimieren soll, oder einen Patriotismus, der auf Hass und Fremdenfeindlichkeit beruht. Heine nutzt die Figur des Ich-Erzählers, um die episch ausgebreitete Wirklichkeit aus subjektiver Sicht zu entlarven und der Lächerlichkeit preiszugeben. So suchen die preußischen Douaniers nach Schmuggelware und verbotenen Büchern, kommen aber nicht auf die Idee, dass die mitreisende »Konterbande« im Kopf steckt. Immer wieder findet Heine einprägsame, witzige Bilder und zitierbare Formulierungen. Wenn er von den Büchern spricht, die er noch schreiben wird, heißt es: Sein Kopf sei »ein zwitscherndes Vogelnest / Von konfiszierlichen Büchern«. Der preußisch dominierte Zollverein ist kein Fortschritt, denn der »materiellen« Einheit, die er liefere, entspreche die »geistige Einheit der Zensur«.

Unter Preußens Knute

Der ökonomisch-politische Fortschritt wird also, und dies ist geradezu eine Formel für die deutsche Entwicklung weit über Heines Lebzeiten hinaus, durch Repression erkauft. Diese Repression findet Ausdruck im allgegenwärtigen preußischen Militär, in der hölzernen Steifheit seiner mechanischen Bewegungen und im pene­tranten »eingefrorenen« Dünkel. »Reformen« wie die Abschaffung der lange geltenden Prügelstrafe haben daran nichts geändert, Autoritarismus und Unterdrückung sind jetzt verinnerlicht. Die Soldaten stelzen umher, »als hätten sie verschluckt den Stock / Womit man sie einst geprügelt«. Das Zopftum ist nicht abgeschafft, sondern in eine neue Phase getreten, denn der altertümliche »Zopf, der eh’mals hinten hing / Der hängt jetzt unter der Nase«. Die neue Pickelhaube, die bis ins 20. Jahrhundert getragen werden sollte, wird als romantische Nachahmung des Mittelalters verspottet. Deren Spitze habe allerdings den Vorteil, dass sie »des Himmels modernste Blitze« anziehe, womit Heine auf eine mögliche Revolution anspielt. Solche Verweise werden immer wieder eingestreut, sie deuten auf ein mögliches Ende der Stagnation. Heine erfasst also sofort, was die neue Hegemoniestellung Preußens bedeutet. Dessen Symbol, der preußische Adler, ist ihm so verhasst, dass er ihm am liebsten die Krallen abhacken oder ihn zum Abschuss freigeben möchte.

In Köln stößt Heine auf die religiöse Seite der von Friedrich Wilhelm IV., dem »Romantiker auf dem Thron«, betriebenen Refeudalisierung. Vom Rheinwein leicht angeheitert, zitiert er nicht nur die Vergangenheit herbei, in der man den »Cancan des Mittelalters« getanzt und einen allgemeinen Glaubenshass verbreitet habe, sondern er geht auf eine aktuelle Thematik ein, den Entschluss, den Kölner Dom weiterzubauen (nach einer Pause von dreihundert Jahren). Für Heine ist der Dom, der schwarz in den Nachthimmel ragende »kolossale Geselle«, nichts anderes als »eine Bastille des Geistes«, in der die deutsche Vernunft verschmachten soll. Statt dessen, so schlägt er vor, solle man einen Pferdestall aus ihm machen. Die angeblich wiederaufgefundenen Gebeine der Heiligen Drei Könige, die man dort deponieren wolle, möchte der Dichter am liebsten in einem eisernen Käfig unter dem Dachfirst aufhängen. Natürlich wird mit den Heiligen Drei Königen auf die Repräsentanten der (Un-)Heiligen Allianz Preußen, Österreich und Russland und deren Untaten angespielt. In der Nacht darauf ergibt sich im Traum noch eine andere Möglichkeit: Ein Liktor, ein Leibwächter, der den Dichter stets begleitet, zerschmettert einfach die untoten Skelette des Aberglaubens.

Im Zentrum des »Wintermärchens« stehen die sogenannten Barbarossa-Episoden, sie erstrecken sich von Caput VIII bis Caput XIV. Heine greift hier auf den Barbarossa-Mythos zurück, auf die populäre Sage, derzufolge Barbarossa, eine anderer Untoter, gar nicht gestorben sei, sondern im Kyffhäuser hause, mit Tausenden von Soldaten und Waffen. Er werde zur rechten Zeit zurückkommen, um Deutschland zu einen und ein Reich der Gerechtigkeit herzustellen. Heine zerlegt diesen Mythos in seine Bestandteile, dreht und wendet ihn hin und her. Im Traum ermutigt er den Kaiser loszuschlagen, doch dann bemerkt er, wie altertümlich und hoffnungslos anachronistisch Waffen und Verhalten Barbarossas sind, der jedem Soldaten einmal im Jahrhundert einen Dukaten als Sold zusteckt und ansonsten sein Heer weiter ausbaut. Als er von der Französischen Revolution hört, denkt er zuerst daran, die Guillotine in seinem Sinn einzusetzen und alle Verräter des Vaterlands zu töten. Doch es ist gerade die feudale Herrscherattitüde, die Heine dazu bringt, den Kaiser als »ein altes Fabelwesen« zu titulieren, das zur Befreiung des Vaterlands nicht tauge. Schließlich ermuntert er ihn, doch zurückzukehren, um gründlich in allen Schichten der Gesellschaft aufzuräumen. Immerhin repräsentiere Barbarossa das »wahre Mittelalter«, nicht ein gemachtes, angedrehtes, das »weder Fisch noch Fleisch« sei. Möglich, dass Heine hier mit der Idee eines sozialen Kaiser- oder Königtums kokettiert, ein Anhänger Napoleon Bonapartes blieb er zeitlebens. Außerdem zweifelte Heine wohl an der Fähigkeit des Bürgertums, das Land zu befreien und eine Republik zu begründen. Diese Frage sollte freilich schon wenige Jahre später auf der politischen Tagesordnung stehen.

In Hamburg ist der Dichter am Ziel seiner Reise – die übrigens nicht der tatsächlichen Route Heines im Oktober 1843 entspricht. Hamburg hat gerade einen großen Brand hinter sich, doch der größte Schaden ist die Integration der Freien und Hansestadt in den preußisch dominierten Zollverein. Wieder taucht wie am Anfang der »fatale Vogel« auf, bei dessen Anblick sich ihm das Essen im Magen herumdreht. Immerhin ist Hamburg noch eine Republik. Doch bedeutet die Herrschaft der Bürger keine wirkliche Unabhängigkeit. Zum einen ist man jetzt von Preußen abhängig (was sich dann eben auch im Bereich der Zensur zeigt), zum anderen ist Heine skeptisch gegenüber der Rolle des kapitalistischen Bürgertums. Er zeigt dies am Beispiel der beschützenden Stadtgöttin Hammonia (was nach Mammon, Geld klingt). Charakteristisch sind Käuflichkeit und Korruption, die Herrschaft des Tauschwerts ist unübersehbar. Hammonia, die er im Rotlichtmilieu der Drehbahn findet, ist ein »hehres Weib«, ein »hochbusiges« mit einem überdimensionalen Hinterteil, das ihn in ihrem Kämmerlein verwöhnt. Als ironisch angelegte Figur symbolisiert sie den biedermeierlichen Konformismus, christliche Doppelmoral und Heimatverbundenheit. Hammonia versucht ihn zu überzeugen, dass es in Deutschland gar nicht so schrecklich zugeht. Es herrsche durchaus Gedankenfreiheit, vor allem, wenn man sich mit kleinen Reformen bescheide. Man habe zudem immer die Freiheit gehabt, sich der Knechtschaft durch Selbstmord zu entziehen. Gesetzlose Willkür habe nie geherrscht, und selbst den schlimmsten Demagogen habe man im Gefängnis zu essen gegeben. Schließlich will sie ihm – als Stadtgöttin und Augurin – die Zukunft zeigen und schafft deshalb einen alten Stuhl heran, der angeblich von Karl dem Großen stammt. Was er dort findet – oder vielmehr riecht –, bleibt aber sein Geheimnis, das er erst in Zukunft enthüllen wolle. Die allseits gefeierte Hochzeit endet – ganz anders als die in Caput I geschilderte – mit einem Horrorszenario: Der Zensor, der »wilde Geselle«, rückt ihm mit einer riesigen Schere auf den Leib und schneidet ihm ins Fleisch, und zwar in »die beste Stelle«. Der kastrierte Dichter wird weder Kinder haben noch irgendwelche Werke schreiben.

Die Macht des Wortes

Doch das ist nicht das letzte Wort des »Wintermärchens«, vielmehr gibt es zwei Schlüsse. Zum einen knüpft Caput XXVII an die Zukunftsgewissheit von Caput I an, wenn der Autor den Schluss der Wundernacht nur einem neuen Geschlecht mitteilen will, einem Geschlecht, das die Heuchelei des alten abgelegt habe und »ganz ohne Schminke und Sünden / Mit freien Gedanken, mit freier Lust« leben werde. Und zum zweiten beschwört er die Macht des dichterischen Wortes: Es habe »Flammen und Waffen / Die furchtbarer sind als Jovis Blitz«, der übrigens von einem Dichter erschaffen sei. Alte Werke auf dem Theater zu genießen sei eine Sache, doch was würde man heute mit einem lebendigen Aristophanes – dessen »Vögel« damals in Berlin gespielt wurden – machen? Man würde nach ihm fahnden, und bald wäre er begleitet von »Chören von Gendarmen«. Doch aus der Hölle, die ein Dante geschaffen habe, gäbe es kein Entrinnen. Heine vertraut hier also der direkten Macht des Wortes. Sie kommt ohne einen exekutierenden Liktor aus. Man ist versucht, Heine recht zu geben. Wer erinnert sich heute noch an die zahllosen Gegner und Kombattanten, mit denen Heine zu tun hatte, oder selbst an einen Friedrich Wilhelm IV.?

Das »Wintermärchen« war trotz der diversen Zensureingriffe und Verbotsmaßnahmen erfolgreich. Neben der negativen Kritik gab es durchaus auch publizistische Zustimmung. Heine führte hier (wie auch zuvor) einen Zweifrontenkrieg gegen die anachronistischen Zustände einer restaurierten Fürstenherrschaft wie gegen die moderne, romantische, von Burschenschaften und manchen Intellektuellen getragene »nationale« Partei. Diese warf ihm mangelnden Patriotismus vor. Heine war darauf eingestellt, dass ihn die »Bierstimmen« auch dieses Mal beschuldigen würden, er wolle den »freien« Rhein abtreten oder habe eine Vorliebe für die Franzosen.

Für Heine waren diese Kritiker »Pharisäer der Nationalität«. Ihr Patriotismus oder Nationalismus habe etwas Unechtes, Nachgemachtes – er sei »müßige und knechtische Spielerei«⁶ und basiere – wie Heine schon als Student in Bonn, Göttingen und Berlin feststellen konnte – nur auf der Ablehnung des Fremden und der grundlosen Überschätzung des Eigenen. Hier ist auch eine wichtige Wurzel des deutschen Antisemitismus zu finden, den Heine bereits als junger Student erlebte. Bereits 1819 hatte es die ersten Pogrome gegeben. Statt nun, wie man erwarten könnte, Nationalismus und Patriotismus als gefühlsseligen, ja schädlichen Narzissmus abzutun, macht sich Heine für einen wahren Patriotismus stark, einen Patriotismus, der untrennbar mit einer menschheitlichen Perspektive verbunden ist. So kann Heine seinen Gegnern zurufen: »Pflanzt die schwarzrotgoldene Pflanze auf die Höhe des deutschen Gedankens, macht sie zur Standarte des freien Menschentums, und ich will mein bestes Herzblut für sie hingeben.«⁷ Und er geht auf ein konkretes Beispiel ein, auf Alsace-Lorraine, die in Deutschland Elsass-Lothringen genannten französischen Provinzen, die später, 1871, vom Deutschen Reich annektiert wurden. Die »nationale Partei« erhob schon in diesen Jahren Anspruch auf diese Gebiete, ohne Rücksicht darauf, dass sich die vorwiegend französische Bevölkerung zu Frankreich bekannte, weil sie dessen demokratisch-liberale Gesetze vorzog. Patriotismus ist nur auf der Grundlage der Demokratie möglich, ja in der französischen Ausgabe des »Wintermärchens« ist ausdrücklich davon die Rede, dass es Heine um »das große Werk der Revolution: die universelle Demokratie«, gehe.⁸

Menschheitliche Perspektive

Offen bleibt freilich, wen Heine als treibende Kraft bei der Realisierung dieses hohen Ziels sieht. Die Bourgeoisie? Da hatte der Dichter Zweifel, vor allem nach dem Ausgang der 1848er-Revolution, denn es war absehbar, dass sich das Bürgertum mit dem preußisch-autoritären Staat arrangieren würde. Das Proletariat? Ihm hatte er im »Weberlied« von 1844 ein Denkmal gesetzt. Nach dem Scheitern der ’48er-Revolution, 1852, spricht er von einem »anonymen Volk«, dem er immer noch zutraut, die demokratischen Ideale zu realisieren. Dass schon in wenigen Jahrzehnten der Nationalismus zur Herrschaftsideologie eines autoritär geführten Staates werden würde, hat er wohl nicht vorhersehen können. Für ihn war der Patriotismus nur dann eine akzeptable politische Haltung, wenn er, statt Defizite wie gesellschaftliche Ungleichheit und ökonomische Ausbeutung zu kompensieren und aggressiv auf alles Fremde zu reagieren, eine wahrhaft menschheitliche Perspektive hatte.

Anmerkungen:

1 Brief vom 20.4.1844. In: Werke und Briefe in zehn Bänden (WuB), hg. v. Hans Kaufmann, Berlin 1972, Bd. IX, S. 141

2 Brief vom 17.4.1844, WuB IX, S. 144

3 »Deutschland. Ein Wintermärchen« wird zit. n. WuB, Bd. I

4 Marx-Engels-Werke, Bd. I, S. 385

5 Ebd., S. 381

6 WuB, Bd. I, S. 432

7 Ebd.

8 WuB, Bd. I, S. 564

Jürgen Pelzer schrieb an dieser Stelle zuletzt am 16. September 2019 über das Konzept des intellektuellen Engagements

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