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Aus: Ausgabe vom 02.10.2019, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Passive Revolution

Von Daniel Bratanovic
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Passiv-revolutionär? Klimaschutzproteste in Turin

Es gibt Leute, denen man vor nicht allzu langer Zeit noch nachgesagt hätte, sie seien leidlich aufgeklärt, die finden die gegenwärtigen Klimaproteste, die unter dem Titel »Fridays for Future« vor allem junge Menschen regelmäßig versammeln, unerträglich, arbeiterfeindlich, nachgerade reaktionär, faschistoid gar, gesteuert von höheren Mächten. Die akute Pathologie, die sich an diesem falschen Urteil zu erkennen gibt, ist das eine. Interessanter ist allerdings die Frage, ob sich hinter diesem wutverzerrten Eifer nicht wenigstens eine Teilwahrheit erahnen lässt.

Denn es stimmt ja: Die Kritik der Klimaschutzaktivisten ist streng limitiert, erschöpft sich weitgehend in rein ökologischen Angelegenheiten, verkümmert nicht selten zur Sorge um Mutter Erde. Die Reichtumsverteilung, die Eigentumsverhältnisse und die Spezifika der herrschenden Produktionsweise spielen dagegen kaum je eine Rolle. Und der Umstand, dass die Bewegung im Lager der Kapitalrepräsentanten prominente Fürsprecher hat, könnte stutzig machen. Was also, wäre zu fragen, wenn diese Letztgenannten auf dem Ticket der Ökologieproblematik eine distinkte Kapitalstrategie verfolgten, oder anders gesagt, sich aus einem handfesten Problem einen Vorteil zu schaffen versuchten?

Vor inzwischen mehr als 170 Jahren wurde ein Satz niedergeschrieben, der in dieser Allgemeinheit immer noch Wahrheit beanspruchen darf. »Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente (…) fortwährend zu revolutionieren.« So etwas geschieht in der Regel in Krisenzeiten, in denen ein »Weiter so« nicht mehr möglich ist (»organische Krise«). Den Vorgang einer Modernisierung im Rahmen des gegebenen politisch-institutionellen Gefüges zu dem Zwecke, die Hegemonie des Kapitals zu erneuern und zu bewahren, nannte Antonio Gramsci, sich des Marx-Engels-Satzes bewusst, »passive Revolution«. Das Oxymoron besagt zweierlei. Zum einen eine tatsächliche Revolution des Produktionsapparates ohne Revolution in den Produktionsverhältnissen (»Revolution ohne Revolution«), mit der die »politische und ökonomische Position« der alten Klassen bisweilen gegen partikulare Produzenteninteressen gerettet wird (»Restauration-Revolution«). Zum anderen gilt es, bestimmte Interessen der lohnabhängigen Bevölkerung herrschaftsförmig zu integrieren, indem aktive Teile einer kritischen Organisation, Bewegung etc. »aufgesogen« werden. Insofern mit der »Restauration-Revolution« ein »gewisser Teil der Forderungen von unten« aufgenommen werden muss, kann sie bedingt fortschrittliche Züge tragen.

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts kennt im wesentlichen zwei passive Revolutionen. Gramsci selbst untersuchte in seinen Studien zu Amerikanismus und Fordismus, wie durch den von ihm so definierten Prozess eine neue kapitalistische Produktions- und Lebensweise heranreift (extreme arbeitsteilige Produktion, Massenkonsum, relativ hohe Löhne, Arbeitsplatzsicherheit, Sozialpartnerschaft). Einige Jahrzehnte später war wieder »Restauration-Revolution« angesagt. Kennzeichnend waren rasante Fortschritte in der Informationstechnologie und eine Verwissenschaftlichung der Produktion, Internationalisierung und Globalisierung, Entstaatlichung und die Forderung nach Eigenverantwortlichkeit, die als Selbstverwirklichung eskamotiert wurde. Die ideologische Begleitmusik lieferten nicht selten alte Kader der 68er-Bewegung. Die progressive Seite dieses Neoliberalismus bestand etwa im Aufbrechen patriarchaler Familienverhältnisse und einer Gleichberechtigung der Geschlechter (jedoch bei Unterwerfung beider unter die Regeln des Kapitalverhältnisses). Zugleich aber schwächte diese neoliberale passive Revolution die Macht der Lohnabhängigen, der Gewerkschaften und der alten Sozialdemokratie.

Gut möglich jedenfalls, dass unter den Vorzeichen der ökologischen Krise eine erneute passive Revolution bevorsteht oder längst im Gange ist. Mit welchen Ergebnissen, hängt auch von der Durchsetzungsmacht derer ab, die an einem erneuten Sieg des Kapitals, das nach einer Inwertsetzung dieser Krise strebt, kein Interesse haben können.