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Aus: Ausgabe vom 02.10.2019, Seite 11 / Feuilleton

Krahl, Knaup, Steiner, Cohn-Vossen

Von Jegor Jublimov
Toni Krahl
Toni Krahl

Für Leute, die in der DDR sozialisiert wurden, ist der 3. Oktober ein schöner Gedenktag. Vor genau 50 Jahren ging – nachdem der Berliner Fernsehturm fertig war – das zweite Programm des Deutschen Fernsehfunks (DFF) auf Sendung. Zugleich wurde (natürlich zu Ehren des 20. Republikgeburtstags) in der DDR das Farbfernsehen eingeführt. Der DFF sendete im französischen SECAM-Verfahren, das in den Anfangsjahren mit dem westdeutschen PAL-System nicht kompatibel war.

Ob Toni Krahl das zweite DFF-Programm als persönliches Geschenk zu seinem 20. Geburtstag an diesem Tag empfand, sei dahingestellt. Wahrscheinlich hat er auch da schon lieber Musik gemacht als ferngesehen. Damals hatte er nach seinem Protest gegen den sowjetischen Einmarsch in Prag 1968 Arbeitsplatzbindung in der Werkzeugmaschinenfabrik »7. Oktober«. Erst ab 1975 wurde Krahl Frontmann bei City, als der er natürlich auch oft im SECAM-Fernsehen zu erleben war.

Häufiger Gast auf DDR-Bildschirmen war der aus Aschaffenburg stammende Schauspieler Heinz-Dieter Knaup, der am Sonntag 90 Jahre alt wird. Bereits im ersten Film der »Polizeiruf«-Reihe war er 1971 als Täter dabei, spielte aber auch oft joviale Herren in den besten Jahren, etwa 1988 in dem Defa-Film »Einer trage des anderen Last «. Auch in Übertragungen aus dem Berliner Ensemble war Knaup oft zu sehen, denn dort hatte er seine Berufung gefunden und trat von 1954 bis 1999 in zahlreichen Hauptrollen auf. Mitte der 2000er zog er sich aus dem Beruf zurück.

Roland Steiner wird am Sonnabend 70, aber mit 30 galt er am Defa-Dokumentarfilmstudio als Nachwuchs, und ihm wurden Themen über junge Leute zugewiesen. Diese Aufträge erledigte er nicht »mit links«, sondern schuf Dokumente, die noch heute viel über die DDR erzählen: die Filme »Jugendzeit« (1978) und »Jugendzeit in der Stadt« (1979), »Jugendwerkhof« (1982) und den in Leipzig ausgezeichneten »Unsere Kinder« (1989). Dazu entstanden spannende Porträtfilme, etwa über Heinrich Hannover, Erich Fried und Wolf Kaiser. Es wird Zeit für eine Steiner-Retrospektive!

Eines von Steiners Vorbildern war der Regisseur Richard Cohn-Vossen, der am Montag 85 wurde. Der Sohn deutscher Emigranten wurde in Zürich geboren und ging später in der Sowjetunion zur Schule, wo er auch sein Physikstudium begann; 1955 setzte er es in Leipzig fort. Bei der Defa, zu der er als Dolmetscher kam, wurde Cohn-Vossen Assistent von Andrew Thorndike und Karl Gass, ehe er ab 1966 eigene Filme drehen konnte. Es entstanden aufschlussreiche Porträts von Prominenten, aber auch von einfachen Arbeitern und Bauern. Nach seinem Protest gegen den Biermann-Rausschmiss 1976 ließ man den Stiefsohn von Kulturfunktionär Alfred Kurella in den Westen gehen, wo er Features für den NDR drehte.

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