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Aus: Ausgabe vom 02.10.2019, Seite 12 / Thema
Berlin

Mein Freund, der Fernsehturm

Ein Potpourri zum 50. Geburtstag eines Ärgernisses
Von Eike Stedefeldt
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Aus der Skyline Berlins nicht mehr wegzudenken: Der Fernsehturm am Alexanderplatz. Der Fernmeldeturm wurde am 3. Oktober 1969 nach viereinhalb Jahren Bauzeit eröffnet, einen Tag später nahm er seinen Betrieb auf (im Bild der Eisenbahndrehkran, mit dem später die bis zu zehn Tonnen schweren vorgefertigten Teile für die Kuppel-Kugel nach oben gezogen wurden.)

Mit »Fernsehturm wird übergeben« überschrieb heute vor 50 Jahren, am 2. Oktober 1969, der Tagesspiegel folgendes: »Der 365 Meter hohe Ost-Berliner Fernseh- und UKW-Turm soll am Freitag seiner Bestimmung übergeben werden. Nach Angaben der Ost-Berliner Nachrichtenagentur ADN sollen das ›Telecafé‹ und eine darunterliegende Aussichtsplattform in der acht Etagen umfassenden Kugel in einer Höhe von 200 Metern täglich von neun bis 24 Uhr geöffnet sein. Bei Eintrittspreisen von fünf bzw. drei Mark sei die Aufenthaltsdauer im sich drehenden Café auf eine Stunde und im Aussichtsgeschoss auf eine halbe Stunde begrenzt.« Exorbitante zwölf Zeilen hatte das Westberliner Leitmedium an den Rand der Bleiwüste auf Seite elf rücken lassen.

Mehr Platz spendierte Springers Dumpfblatt B. Z. am 3. Oktober 1969 dem Ereignis. In den Falz einer hinteren Seite rückte man ein Foto von zwei Dritteln Seitenhöhe und einem Drittel Seitenbreite. Rechts daneben fette weiße Lettern auf schwarzen Balken: »Erdgas-Bohrer bissen auf Granit.« Unterzeile: »Große Pläne platzten wie Seifenblasen.« Kein Wort zum Fernsehturm im zugehörigen Artikel – doch unterm Strich wies ein Pfeil dem Foto zehn Zeilen zu: »Seit heute in Aktion: der einbeinige Riese im Herzen Berlins. Unser Foto zeigt die wichtigsten Ausschnitte aus der neuen Silhouette, zu der auch Berlins höchstes Haus gehört: das ›Hotel Stadt Berlin‹. Das Restaurant des benachbarten Fernsehturms in 200 Metern Höhe bietet den Ostberlinern eine der wenigen Möglichkeiten, ungestört nach West-Berlin zu sehen.« Es gibt in 200 Metern Höhe bis heute kein Restaurant, und natürlich hätte man aus der Chefetage des Kreuzberger Springer-Hochhauses bestens in Richtung Alexanderplatz knipsen können. Indes: So hoch reichten »Mauer und Stacheldraht« nicht, die unbedingt mit aufs Foto mussten.

»Nur Funktionäre durften auf den ›Tele-Spargel‹« erregte sich Bild Berlin am 6. Oktober 1969 – immerhin schon auf Seite 3 – über etwas, das in aller Welt Usus ist: »In 63 Sekunden beförderte am Wochenende der Fahrstuhl des Fernsehturmes in Ost-Berlin Funktionäre und Parteispitzen in das Aussichtsgeschoss (202 Meter hoch). Nur eine Sekunde mehr benötigte der Fahrstuhl, um die Gäste zur feierlichen Eröffnung des Turmes in das in 207 Meter Höhe gelegene Tele-Café zu transportieren. Während sich am Fuße des Fernsehturmes Schaulustige aus allen Teilen Mitteldeutschlands sowie vieler Ostblockstaaten eingefunden hatten, eröffnete Walter Ulbricht das 2. Fernsehprogramm der Zone.« Denn eine DDR gab’s beim Axel-Springer-Verlag nicht. Dann kam’s buchstäblich ganz dicke: »Die Besucher erlebten eine herbe Enttäuschung: Für sie war der Fernsehturm verboten. Lediglich Ehrengäste hatten einen überwältigenden Ausblick über ganz Berlin.« Verboten waren auch die Bildzeilen. Sie führten a) in das – hoppla! – »207 Meter hohe Tele-Café« und klagten b) erneut die schwere Menschenrechtsverletzung des Zonen-Regimes an den Passanten vorm Eingangsbereich an: »Besucher mussten enttäuscht umkehren – nur Funktionäre wurden nach oben befördert.« Auch ohne die frei zugängliche Information über die aus Sicherheitsgründen maximal 320 zulässigen Kugel-Besucher hätte jedem halbwegs Vernunftbegabten der Bär gebrummt, dass man zur Einweihung keine Laufkundschaft einlässt.

»Ulbrichts Zeigefinger«

Zur Ehrenrettung der Bild sei gesagt: Der Artikel war nur die Kurzfassung für Doofe eines ebenso bescheuerten Berichts der Berliner Morgenpost vom Vortag, wo sich der Überschriftenredakteur auf Seite 5 »›Ulbrichts Zeigefinger‹: Zur Premiere nur Funktionäre« zusammengereimt hatte. »Ulbrichts Zeigefinger« folgte dabei demselben Muster wie spätere Kreationen à la »Imponierkeule«, »Protzkeule«, »St. Walter« oder »Ulbrichts-Kathedrale«: Hilflos suchten die Clowns der Frontstadtpresse Spottbegriffe zu etablieren und deren denunziatorischen Kern zu rechtfertigen, indem sie sie dem DDR-Volksmund andichteten. Geheimdienstler nennen das »Zersetzung«; auf dem Journalistenstrich an der Kochstraße nennt man das »freie Presse«. Allerdings muss man das soziale Gefüge kennen und sensibel für die allgemeine Gemütslage im Feindsektor sein, sonst geht’s nach hinten los.

Dem Blödsinn hatte ungewollt ein nicht mal uncharmantes Gedicht des Satirikers Hans Krause vom Kabarett »Die Distel« Vorschub geleistet. Gedruckt am 7. Oktober 1966 im Neuen Deutschland, bezog sich »Ein Telespargel wächst aus dem Boden« auf die schlanke Form des an jenem Tag erst 105 Meter hohen Turmschafts. Dass der assoziative Name sich daraufhin oft in der DDR-Presse wiederfand, wird bis heute nur zu gern so gedeutet, als hätte die SED ihn aus massenpsychologischem Kalkül »von oben« oktroyieren wollen. Aber auch das ach so volksnahe SED-Bezirksorgan Berliner Zeitung hatte gepennt und ging noch 1980 in der Annahme fehl: »Im Volksmund wird er Telespargel genannt.« Beim Berliner Rundfunk war man branchentypisch vertrauter mit dem Hinhören und sendete die ironische »Frage: Wie nennt der Berliner seinen Telespargel? – Antwort: Fernsehturm.«

Jener Morgenpost-Artikel war nicht der erste, der das Wort in Unkenntnis seiner Genese als Fond für eine giftige Sauce benutzte. Zitat, im Original fett: »›Sieht ja alles so schön neu aus‹, kommentiert ein jüngerer Genosse des Arbeiter-und-Bauern-Staates. ›Det is ’ne Telespargel-Premiere in Essig und Öl. Die anderen kriegen det Öl und wir den Essig!‹, antwortet sein Nachbar sarkastisch.« Dieser Berliner Mutterwitz vortäuschende »Volksmund« ist in seiner Sperrigkeit derart offenkundig erfunden, dass einen noch ein halbes Jahrhundert später Mitleid befällt. Irgendwie muss es einem Morgenpost-Reporter dann doch noch gelungen sein, auf den verbotenen Turm zu gelangen und die Kamera nach unten zu richten. Am 7. Oktober 1969 zierte die Titelseite ein »Blick vom Fernsehturm«, und der Bildtext stellte die eigentlichen Besitzverhältnisse via Fettdruck der ersten vier Worte klar: »Ein Teil unserer Stadt, der uns fremd geworden ist: Ost-Berlin zeigt in diesen Tagen zum 20jährigen Bestehen des Zonen-Regimes die neue Großstadtkulisse. Im Vordergrund das 90 Meter hohe Hotel Stadt Berlin, vor dem sich das Berolina-Haus und ein Warenhaus klein ausnehmen.« Das Hotel maß, nebenbei, schon damals 123 Meter Höhe.

Dass die DDR-Hauptstadt keineswegs aus Prestigegründen, sondern aus rein technischen Zwängen einen modernen Sendeturm benötigte, weil sich das geplante Fernsehprogramm nicht dauerhaft von Köpenicker Behelfssendern aus würde ausstrahlen lassen, stand seit Anfang der 50er Jahre fest. Auch für den Westteil war diese Frage akut geworden; auf beiden Seiten hatte man intensiv nach geeigneten Standorten gesucht. Jenseits des Brandenburger Tors hatten die »Schutzmächte« 1958 den vom Sender Freies Berlin favorisierten Bau eines 250 Meter hohen Turms am Reichskanzler-, seit 1963 Theodor-Heuss-Platz aus Gründen der Flugsicherheit untersagt, ebenso 1961 einen 330 Meter hohen Turm am Scholzplatz im Grunewald. So kam es 1961 zur Grundsteinlegung in Wannsee. Auch dort, auf dem Schäferberg, erlaubten die Alliierten wegen diverser Einflugschneisen nur eine Höhe bis 1.000 Fuß über NN, also 305 Meter. Am 17. Juli 1963 weihte man einen »Fernmeldeturm in Sonderform« mit 212 Metern Höhe ein. Publikumsverkehr war nicht vorgesehen.

Pläne und Debatten zur Neugestaltung des im Krieg schwer zerstörten östlichen Berliner Stadtzentrums hatten schon Jahre zuvor Widerhall in westdeutschen Medien gefunden, und die Tendenz war, was immer da von wem auch immer vorgeschlagen wurde, grundsätzlich abschätzig und herablassend. Die DDR hätte es schon aus politischer Opportunität keinem recht machen können.

Das Leitorgan hierbei war Der Spiegel, der sich mehrfach des Themas annahm, und zwar in einer Diktion, deren Aggressivität keinen wundert, der weiß, wie viele verdiente Nazis das Blatt damals beschäftigte. In Nr. 49 vom 2. Dezember 1964 las man: »Zu einem Architektenwettbewerb, den das SED-Politbüro 1959 veranstaltete, reichten sowohl SED-Architekt Gerhard Kosel als auch Professor Hermann Henselmann Entwürfe außer Konkurrenz ein. Kosel konzipierte wieder am Rand des Platzes den seinerzeit von Ulbricht favorisierten Monumentalkasten mit 28 Stockwerken. Henselmann dagegen entwarf statt eines Bürohochhauses einen 300 Meter hohen Fernsehturm mit drehbarem Café in der Turmspitze und eine futuristische Kongresshalle.« Schon im nächsten Satz sortierte man in feinster Propagandamanier die Turmfunktionen um und degradierte Hermann Henselmanns Entwurf arrogant zum »Café-Turm« – um gleich darauf das Juryurteil anzuklagen: »Der Versuch, mit Hilfe eines technischen Bauwerks (Fernsehturm) dem gesellschaftlich-politisch-kulturellen Mittelpunkt der Hauptstadt Kraft und Größe zu verleihen, kann nicht überzeugen.« Warum jenes Urteil nicht das letzte Wort geblieben war – »Als aber kurz vor den Feiern zum 15. Gründungstag der DDR die SED das endgültige Modell für den Aufbau der Berliner City präsentierte, war doch wieder ein Fernsehturm dabei: 360 Meter hoch (60 Meter höher als der Pariser Eiffelturm), mit einem Restaurant in 206 Metern Höhe« –, mochte der investigative Spiegel nicht enthüllen.

Architektonische Attraktion

Im Osten nämlich hatten sich der Berliner Magistrat und das Ministerium für Post- und Fernmeldewesen im Oktober 1952 auf die Müggelberge als Standort für den Fernsehturm geeinigt. 1954 war das Projekt begonnen, aber 1956 eingestellt worden, weil darüber die Einflugschneise des Flughafens Schönefeld verlief, der zum Zentralflughafen ausgebaut werden sollte. Damit waren erneut Ideen ins Blickfeld gerückt, die ein solches Bauwerk mit erweiterten Funktionen im Zentrum sahen – als städtebauliche Dominante, architektonische Attraktion, Kultureinrichtung und nicht zuletzt grandiose Aussichtsplattform.

Der Tonfall der Westjournaille wurde nicht sanfter, als man zusehen musste, wie sich der Alex veränderte und der Turm wuchs – sein Schaft hatte Mitte 1967 seine Endhöhe bis zum Antennenträger erreicht. Nirgendwo sonst »in der DDR liegt ein Platz, der so eng mit der Geschichte des deutschen Proletariats verbunden ist«, schrieb Der Spiegel Nr. 35 vom 21. August 1967, der en passant die Schuldigen an dessen Zerstörung fand (»Doch erst russische Panzer schossen 1945 den Platz für die Proletarier frei«) und einige Injurien später befand: »Der neue Alexanderplatz, so prophezeite folgerichtig der Schriftsteller Gerhard Aichinger, werde sich dereinst ›genauso in sterilen Hochhausnadeln repräsentieren wie heute im Westteil der Stadt das einst weltberühmte Knie (heute Ernst-Reuter-Platz), wo nichts mehr, aber gar nichts mehr los ist‹.« Das kam aus berufenem Munde. Aichinger war, bevor er 1945 nach Berlin zog, in Wien »Hauptschriftleiter« der Deutschösterreichischen Tageszeitung gewesen, die schon 1925 ein »Judenkataster« gefordert hatte. Nach dem »Anschluss« 1938 Liquidator der österreichischen Presseagentur ANA, war der 1930 der NSDAP Beigetretene einer von »Goebbels’ ›Propagandisten‹ für die Ostmark« (Karoline Kühnelt). Bekanntlich hatte sich vor ihm schon mancher Nazi geirrt.

In städtebaulichen Periodika wurde der Kalte Krieg nüchterner geführt, wenngleich auch dort noch Jahrzehnte später alte Stereotype durchschlugen. So bemerkte 1986 in der Reihe »Berlin und seine Bauten« auch Peter Güttler im Band »Bauten für den Post- und Fernmeldeverkehr« zum Fernsehturm: »Anlass für den Bau war mittelbar der 20. Jahrestag der DDR-Gründung, den es 1969 zu feiern galt und der ein repräsentatives Bauwerk forderte.« Die Sache lag anders: Die erste innerstädtische Standortvariante an der Ecke Prenzlauer Allee/Prenzlauer Berg war unter anderem aus Rücksicht auf die angrenzenden Friedhöfe verworfen worden. Als alternativer Standort war der Volkspark Friedrichshain zwischen (nach heutiger Benennung) Kniprode- und Margarete-Sommer-Straße einerseits sowie Virchow- und Danziger Straße andererseits bestätigt worden, doch befand sich das Fernsehturm-Projekt nicht zuletzt aus Kostengründen in einer Sackgasse. Zur selben Zeit kam man am Alexanderplatz nicht recht voran, dem als wichtige Höhendominante das ungeliebte Regierungshochhaus abhanden gekommen war. Der Kunstgriff, statt dessen den Turm buchstäblich in die Mitte zu stellen, gab dem technisch immer dringlicheren Projekt nun eine weitaus höhere Priorität.

Abseits davon war es nicht das Jubiläum, sondern die prominente Plazierung, die wie in jeder anderen Stadt auch eine repräsentative Gestaltung vorgab. »Abgesehen vom Moskauer Fernsehturm, sollte der Ostberliner Turm größer als alle europäischen Turmbauten werden«, unterstellte Güttler zudem, ohne funktechnische Zwänge und topographische Gegebenheiten auch nur zu erwähnen, die diese Ausmaße bedingten: Der Alex liegt deutlich tiefer als die Müggelberge, wo ein schlichter 130-Meter-Turm mit Aussichtsplattform in 70 Metern Höhe gereicht hätte. Freilich schien Güttlers Darstellung die dem Entwurf nachträglich unterlegte, der DDR-Zeitschrift deutsche architektur (8/1970) entnommene parteitaugliche Begründung recht zu geben. Der zufolge war »für das Stadtzentrum der Hauptstadt der DDR ein in der Form einmaliges, einprägsames und dem Betrachter einen bleibenden Eindruck hinterlassendes Turmbauwerk zu projektieren, das, einer technischen Zweckbestimmung und einem gesellschaftlichen Auftrag dienend, zu einem städtebaulichen Höhepunkt und einer politisch-gesellschaftlichen Manifestation wird«.

Unübersehbares Wahrzeichen

Dass Güttler dessen rein technischer Beschreibung den gleichen Umfang zumaß wie der des davor abgehandelten Schäferberg-Turms wirkt niedlich angesichts der im Osten erbrachten ingenieurtechnischen Leistungen. Was sich am 3. Oktober 1969 am Alex erhob, war ja nicht weniger als der State of the Art gewesen – ein Ärgernis, dem sogar der sonst positiv besetzte Begriff »Wahrzeichen« zum Opfer fiel: »Der Gedanke des Turmbaues zur Schaffung eines Wahrzeichens setzte sich hier wieder einmal durch, denn nur ein alles überragender Turm ist immer gegenwärtig, und seit Babel gilt er als Zeichen der Macht und Größe.« Im Subtext: von Irrsinn, Größenwahn und Sinnlosigkeit. Mit dem zeitlichen Abstand wärmt einem Güttler aber dennoch das schadenfrohe Herz: »Ohne Zweifel wurde der Turm auch zum Gesamtberliner Blickpunkt. Ganz gleich, ob man von Grünau oder Mariendorf aus auf das Zentrum zufährt, ob man vom Kaiserdamm nach Osten schaut oder von Marzahn nach Westen, ob man sich in der Schönhauser Allee oder in der Steglitzer Schlossstraße befindet, in der Müllerstraße im Wedding oder in der Prenzlauer Allee, stets bleibt der Fernsehturm als Endpunkt der großen radialen Achsen Berlins unübersehbar.«

»Es ist ein Witz der Geschichte, dass dieser Turm, mit einer Mischung aus Ingenieurskunst und Größenwahn im Sozialismus erbaut, nun am Tag der deutschen Einheit sein rundes Jubiläum feiert.« – Schade, was Größenwahn kennzeichnet, ließ die Süddeutsche Zeitung, Rubrik Reise, am 2. Oktober 2009 offen. Dabei ließe sich, was städtebaulicher Größenwahn ist, im Stammland des Blattes bestens studieren: ein Nürnberger Reichsparteitagsgelände etwa mit dem einzigen Zweck, Menschen vor sich selbst klein, unbedeutend, als indifferente Masse wirken zu lassen, oder etwas monumental Schweres wie Hitlers »Haus der Kunst« in seiner »Hauptstadt der Bewegung«. Ein technisch notwendiges Bauwerk indessen in attraktiver Gestalt für ein breites Publikum zu konstruieren, in der Lage zu sein, es in angemessener Zeit tatsächlich zu errichten, es vierzig, heute fünfzig Jahre lang unter nie abreißendem, immer zu hohem Besucherandrang intakt zu halten, illustriert eher, wie erheblich Planer und Politiker ihr Projekt und erst recht sein Identifikationspotential unterschätzt haben. »Er ist ein gesamtdeutscher Liebling. Neben dem Brandenburger Tor und der Reichstagskuppel ist der 368 Meter hohe Turm mit seiner silbrig glänzenden Kugel ein Wahrzeichen der Hauptstadt«, meinte man sogar in München. Mit Verlaub: Der Fernsehturm ist nicht ein, sondern das Wahrzeichen Berlins. Von wegen Reichstagskuppel, was, bitte, soll das sein?

Bei aller Liebe und entgegen den inzwischen üblichen Beteuerungen ist der Fernsehturm heute keineswegs mehr derselbe. Zu DDR-Zeiten Volkseigentum, fiel er nach 1990 der Deutschen Telekom zu. Seither wurden viele seiner der Allgemeinheit zugänglichen Bereiche der Öffentlichkeit entzogen. Windige Mieter vom CDU-treuen Privatsender TVB bis zur stumpfsinnigen Muckibude zogen in die plangetreu 1972 fertiggestellte, expressionistische Fußumbauung, deren in sich stimmige Gestalt unter Umgehung des Denkmalschutzes mit billigen Glaskisten vermurkst wurde. Hier half einst – kein Ort war und wäre besser geeignet – die »Berlin-Information« den Touristen, vor allem jedoch beherbergten die beiden Etagen ein von den Berlinern vielbesuchtes Kulturzentrum. Höhepunkte waren die jährliche Blumen- und Kakteenschau, die große Berliner Modellbahnausstellung, hier präsentierten Aquarianer exotische Zierfische und stolze Kleintierzüchter Rassekaninchen, kamen Briefmarken- und Münzsammler auf ihre Kosten. Der Eulenspiegel zeigte Karikaturen, der Kulturbund stellte Fotokunst und der Verband Bildender Künstler zeitgenössische Malerei und Grafik aus. Kunsthandwerker, Spielzeuggestalter und Industriedesigner gaben zum besten, wozu sie fähig waren. Der Eintritt war, sofern nicht frei, eher symbolisch. Dieses Ausstellungszentrum belebte auch den gesamten Alexanderplatz mit seinen fein auf den Turm abgestimmten Außenanlagen: Treppen, Wasserspiele, Hochbeete. Was sich heute draußen als Zerstörung des wohldurchdachten Umfelds durch gesichtslose, exakt berechnete Sichtachsen blockierende Neubauklötze abspielt, findet drinnen sein Pendant in kultureller Verrohung und Verlotterung: Jetzt ist ein Leichenschauhaus die Hauptattraktion an der Panoramastraße 1a.

Zweihundert Meter darüber fiel 1991 mit dem Publikumsbereich der Kugel und dessen Zugängen auch das seit 1969 von der HO bewirtschaftete Tele-Café an einen Pächter, der im Prinzip noch derselbe ist. Jene deutsch-französische »TV-Turm Alexanderplatz Gastronomiegesellschaft mbH« kümmert sich durchaus seriös darum. Die Übernahme des hochqualifizierten, zumeist weiblichen Personals bei der Privatisierung trug maßgeblich dazu bei, dass sich über viele Jahre ein Standard der Bedienung erhielt, den man heute vielerorts schmerzlich vermisst: eine seltene Kombination aus Professionalität und Herzlichkeit.

Fensterplatz für 24 Euro

Der Name »Tele-Café« war, anders als der ­»Telespargel«, republikweit beliebt. Er war am 25. September 1968 mit 234 Einsendungen als häufigster Vorschlag aus einem Preisausschreiben des Neuen Deutschland hervorgegangen, das mit für DDR-Verhältnisse üppigen Gewinnen von 50 bis 250 Mark gelockt hatte. Konnte sich eine gewöhnliche DDR-Familie oder -Brigade den Besuch noch gut leisten, findet dort oben inzwischen ein apartes Social Sorting statt. Zwar musste auch früher beizeiten reservieren, wer an einem bestimmten Tag oder zu einem bestimmten Anlass ohne langes Anstehen einen Tisch brauchte, doch Reservierungsgebühren waren in der DDR unüblich. Die aktuell pro Fensterplatz fälligen 24 Euro halten indes viele jener Besucher auf Distanz, für die und von deren Steuergeldern das Tele-Café einst in den Himmel über Berlin gehoben wurde.

Wer über hinreichend Bares verfügt, dem sei dennoch ein Besuch im Tele-Café empfohlen, das inzwischen leider den piefigen Allerweltsnamen »Sphere« führen muss, bei dem man sich schütteln möchte und bei dem man eher an einen Imbiss im Fußgängertunnel des Bahnhofs Schöneweide denken würde als ans Entrée des spektakulärsten Berliner Restaurants.

Eike Stedefeldt ist Akrophobiker mit unglücklicher Neigung zu Fernsehtürmen. Am 22. Februar 2019 erschien in der jungen Welt nach zwanzig Jahren die 500. und letzte seiner »Kreuzberger Notizen«.

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