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Aus: Ausgabe vom 01.10.2019, Seite 12 / Thema
Literaturgeschichte

Madrid im Herzen

Aus Anlass einer Romanentdeckung: Das wechselvolle Leben der Wiener Sozialistin Ilsa Barea-Kulcsar
Von Erich Hackl
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Im britischen Exil kämpfte Ilsa Barea-Kulcsar in den Reihen der Labour Party und betätigte sich als Übersetzerin und Dolmetscherin (Cornwall, Aufnahme von 1952)

Die österreichische Sozialdemokratie, die sich gern die Errungenschaften des »roten Wien« zugute hält, ist erstaunlich zurückhaltend, wenn es darum geht, an die Enfants terribles aus der Sturmzeit ihrer längst erstarrten Bewegung zu erinnern. An Il sa Barea-Kulcsar (1902–1973) zum Beispiel, die als Ilse Pollak 1902 in Wien geboren wurde, in einem kulturbeflissenen, auch fürsorglichen austromarxistischen Elternhaus aufwuchs und schon als Mittelschülerin führende Funktionen in den Jugendorganisationen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei übernahm. Gemeinsam mit ihrem ersten Mann Leopold Kulcsar trat Ilsa 1921 zur kleinen, von Fraktions- und Richtungskämpfen zerrissenen Kommunistischen Partei Österreichs über, aus der sie fünf Jahre später ausgeschlossen wurden. Davor hatte sie Staatswissenschaften studiert, als Wirtschaftsredakteurin des Zentralorgans der KPÖ, Die Rote Fahne, gearbeitet und im Auftrag der sowjetischen Gesandtschaft eine nie näher erläuterte illegale Tätigkeit in Rumänien ausgeübt. Nachdem sie den Einsatz vorzeitig abgebrochen hatte, wurde Ilsa Kulcsar auf der Rückreise in Budapest in Untersuchungshaft genommen, des Vergehens gegen die Sicherheit des Staates angeklagt, freigesprochen und ausgewiesen.

In Wien trat sie wieder der SDAP bei, arbeitete in deren Bildungszentrale mit, zog jahrelang als Wanderlehrerin und Gewerkschaftsreferentin durch die österreichische Provinz und veröffentlichte Reportagen, Aufsätze, Gedichte und theoretische Abhandlungen in der sozialdemokratischen Parteipresse, unter anderem über »Großmächte der Finanz und der Industrie« (1930), ehe sie Mitte der dreißiger Jahre nach politischen und publizistischen Antworten auf die Niederlagen der Arbeiterbewegung 1933 in Deutschland und 1934 in Österreich suchte. Neu Beginnen, Gruppe Funke, Sozialistische Tribüne – so hießen die kurzlebigen linkssozialistischen Projekte, an denen das Ehepaar Kulcsar beteiligt war, vor und nach seiner Flucht in die Tschechoslowakei, im Dezember 1934, als die österreichische Polizei die beiden »wegen Verbrechens der Vorschubleistung« zur Fahndung ausgeschrieben hatte.

Nach Spanien

An der spanischen Botschaft in Prag baute Kul­csar ab Oktober 1936 einen weitgespannten Nachrichtendienst auf, der detaillierte Informationen über die deutschen Waffenlieferungen und Truppentransporte an die aufständischen Militärs unter General Franco beschaffte. Ebenfalls im Herbst 1936 entschloss sich seine Frau, nach Spanien zu reisen, und zwar nicht nur deshalb, »weil dort der große Kampf zwischen Faschismus und Demokratie – Demokratie, die den Ansatz zu einer sozialistischen Zukunft enthielt – ausgetragen wurde, sondern auch, weil ich dank meiner Erfahrung in internationaler Publizistik und nach einem republikanischen Sieg vielleicht auch in der Arbeiterbildung etwas Positives zu geben hatte«.

Anfang November, als stündlich mit dem Fall der Stadt gerechnet wurde, traf sie in Madrid ein und begab sich nach ihrer Akkreditierung als Journalistin in die Zensurstelle für die Auslandspresse, die der Sozialist Arturo Barea leitete. Dort begann eine Liebesgeschichte, die gleich zweimal literarisch dargestellt worden ist: von Arturo in »La llama« (»Die Flamme«), dem letzten Band seiner poetischen Autobiographie »La forja de un rebelde« (auf deutsch unter dem Titel »Hammer oder Amboss sein« 1955 erschienen), und von Ilsa in ihrem einzigen Roman, dessen Titel »Telefónica« auf den Ort des Geschehens verweist: das Hochhaus der Telefonzentrale an der Gran Vía im Herzen der Stadt.

Beide schildern den Moment ihres Zusammentreffens in dem wegen eines Luftalarms abgedunkelten Büro aus der Perspektive des Mannes, der sich von seiner Besucherin wenig beeindruckt zeigte. Ilsa: »Die Frau hatte sehr helle Augen – grau wahrscheinlich –, deren Pupillen sich rasch verengten. Sie hatte harte Augenbrauen und einen blassen Mund – wenigstens nicht angestrichen –, der sehr gerade verlief. Sie war gar nicht hübsch. Um so besser.« Arturo Barea: »Die Frau setzte sich mir gegenüber auf die andere Seite des Schreibtisches: ein rundes Gesicht mit großen Augen, stumpfer Nase, breiter Stirn, umrahmt von einer Fülle dunklen Haares, das fast schwarz wirkte, und breite, vielleicht zu breite Schultern in einem grauen oder grünen Wintermantel. Sie war über dreißig und keine Schönheit.«

Als höchstes Gebäude der Stadt war die Telefonzentrale sowohl den Luftangriffen als auch dem Geschützfeuer aus dem nahen Parque del Oeste ausgesetzt. Abgesehen von der ständigen Gefährdung, der Arbeitsüberlastung und den privaten Sorgen – er steckte in einer unglücklichen Ehe und wollte sich aus einer ebenso unerquicklichen Liaison winden –, war Barea von den einander widersprechenden Weisungen überfordert, die ihm das Innenministerium, der Verteidigungsrat und das Kriegskommissariat erteilten. Außerdem durfte er keine Depeschen durchlassen, in denen die Not der Zivilbevölkerung und damit die militärische Schwäche der Republik zur Sprache kamen.

Angesichts dieser verfahrenen Situation erschien ihm Ilsa wie ein rettender Engel. Beruflich, weil sie fünf Sprachen beherrschte und mit Journalisten umzugehen wusste. Persönlich, weil sie einen Frauentypus verkörperte, den er bis dahin nicht gekannt oder zur Kenntnis genommen hatte: Sie war robust, legte wenig Wert auf Äußerlichkeiten, verlor selbst bei Granatbeschuss nicht die Beherrschung. Nach drei Tagen stellte er sie als seine Stellvertreterin ein, nach einer Woche waren sie ein Paar. Die symbiotische Beziehung zwischen ihnen sollte erst mit Bareas Tod, 21 Jahre später, enden.

»Telefónica«

Der Roman »Telefónica« ist deshalb einzigartig, weil er die politischen Differenzen innerhalb der Republik in einem Moment als überwindbar darstellt, in dem alle Parteien der Volksfront – Liberale, Sozialisten, Anarchisten, Kommunisten – um die Hegemonie ringen. Man staunt über Ilsas Fähigkeit, die Ereignisse effektvoll in Szene zu setzen, lebensnahe Dialoge zu schreiben, die Erzählstränge miteinander zu verknüpfen. Die Liebesbeziehung zwischen ihr und Arturo, die im Roman Anita Adam und Agustín Sánchez heißen, zieht sich als roter Faden durch die Handlung, verstellt jedoch nicht den Blick auf die vielen menschlichen Schicksale und Charaktere an dieser Schaltstelle zwischen der belagerten Stadt und dem demokratischen Ausland. Die Autorin begleitet die Telefonistinnen, Sekretärinnen, Ordonnanzen, Korrespondenten bei ihrer Arbeit, steigt in die Kellergeschosse hinab zu den dort untergebrachten Flüchtlingen aus den Vorstädten, behandelt die Konflikte innerhalb des Arbeiterkomitees, zwischen einem Kommunisten und einer Anarchistin – der einzigen Frau, die sich der Männertümelei widersetzt –, schreibt über das Misstrauen gegenüber der Ausländerin und darüber, wie es allmählich in Sympathie umschlägt. Die erzählte Zeit umfasst nur vier Tage, vom 16. bis 19. Dezember 1936, und das ermöglicht es ihr, den Roman hoffnungsvoll enden zu lassen: Madrid ist nicht gefallen, es verteidigt sich, und außerdem verbreitet sich in der Presse des demokratischen Auslands die Wahrheit über Spanien, dank ihres Alter Ego Anita Adam, der es mit Charme, List und Überredungskunst gelungen ist, die Zensurbestimmungen zu lockern und Meldungen durchzulassen, die an die Herzen der Menschen rühren.

Nach dem großen Erfolg der spanischen Übersetzung im Frühsommer dieses Jahres liegt »Telefónica« nun auch auf deutsch vor. Der in Madrid ansässige Germanist Georg Pichler hat für die Buchausgabe sowohl das Originalmanuskript als auch die redaktionell bearbeitete Fassung herangezogen, die von März bis Juni 1949 als Fortsetzungsroman in der Wiener Arbeiter-Zeitung erschienen war. Ilsa Barea-Kulcsar hat »Telefónica« hauptsächlich in Paris geschrieben, 1938, und in Hertfordshire (England) am 31. März 1939 fertiggestellt, zwei Tage nach Francos triumphalem Einzug in Madrid.

Dort war die Lage für sie und Arturo aufgrund politischer Wahnvorstellungen und Intrigen, vor allem von Mitarbeitern des Nachrichtendienstes der KPD, während des zweiten Kriegsjahres immer gefährlicher geworden. Sie wurden bezichtigt, mit der »fünften Kolonne« – Francos heimlichen Gefolgsleuten im republikanischen Hinterland – zusammenzuarbeiten, die Regierungspolitik zu torpedieren und Gelder des staatlichen Rundfunks zu veruntreuen, dessen Auslandsdienst Barea nach seiner Suspendierung als Chef der Zensurstelle leitete. In ihrer »Característica«, einer Art Dienstbeschreibung durch den KPD-Funktionär und nachmaligen Generalmajor des Ministeriums für Staatssicherheit Gustav Szinda, heißt es rückblickend über Ilsa Kulcsar: »Sie war eine offene Trotzkistin, die Verbindung hatte zu Gestapo-Agenten und Spionageelementen. Hatte auch Verbindung mit der deutschen Schwarzen Front (einer nationalbolschewistischen Abspaltung der NSDAP; E. H.). Sie war einige Zeit in der Sowjetunion und wurde aus der Sowjetunion ausgewiesen und betrieb Spionagetätigkeit in Spanien.« Nichts davon ist wahr.

Kurios ist, dass auch Ilsas erster Mann für einen Trotzkisten gehalten wurde. Dabei war Leopold Kulcsar Anfang November 1937 in offizieller Mission nach Katalonien gekommen, um deutschsprachige Mitglieder der POUM zu verhören, einer als trotzkistisch verteufelten antistalinistischen Partei, die nach den Straßenkämpfen vom Mai desselben Jahres – einem Bürgerkrieg im Bürgerkrieg – verboten worden war. Bei dieser Gelegenheit wollte er Ilsa wieder für sich gewinnen und ließ das Paar deshalb von Agenten des militärischen Geheimdienstes SIM nach Barcelona eskortieren, wo er seinen Nebenbuhler in Augenschein nahm. In seiner Autobiographie beschreibt Barea Kulcsar als einen obsessiven, machtbesessenen Menschen, der Ilsas Entscheidung jedoch respektierte und sogar bereit war, ihnen bei der Ausreise zu helfen. Aber im Januar 1938, noch ehe sie Spanien verlassen hatten, erreichte sie die Nachricht aus Prag von seinem jähen Tod durch Nierenversagen.

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Exponiertes Ziel für die Angriffe der deutschen »Legion Condor«. Isla Barea-Kulcsar arbeitete ab November 1936 im Gebäude der »Telefónica« (Hochhaus im Hintergrund) bei der Zensurstelle für die Auslandspresse, in dem Gebäude spielt auch ihr gleichnamiger Roman (Madrider Stadtansicht im Herbst 1936)

In der Broschüre »Le Stalinisme en Espagne« (1938) hat die Österreicherin Katia Landau nach ihrer Freilassung geschildert, wie sie in Barcelona von Kulcsar verhört und unter anderem der Spionage für die Gestapo beschuldigt wurde. Vor allem ging es ihm darum, durch sie an ihren Mann Kurt Landau heranzukommen, an dem er seinen Worten nach »fürchterliche Rache« üben werde. Wofür, ist unbekannt. Offenbar wusste er nicht, dass dieser führende Mitarbeiter der POUM bereits Ende September festgenommen worden war. Beide Paare – Kurt und Katia Landau, Leopold und Ilsa Kulcsar – waren einander zwölf Jahre zuvor in der Wiener Parteizentrale der KPÖ begegnet. Deshalb erkannte Katia ihren Widersacher und – weil dieser nichts dabei fand, sie in Ilsas und Arturos Gegenwart zu vernehmen – auch seine Frau. »Sie gaben sich die Hand«, schreibt Barea, »und Ilsa blieb starr auf ihrem Stuhl sitzen. Poldi begann mit dem Verhör; ein perfekter Ankläger in einem revolutionären Tribunal, bei dem unsere Anwesenheit schamlos wirkte.«

Es gibt zu denken, dass diese Stelle in der deutschen – übrigens glanzvollen – Übersetzung von Bareas Autobiographie fehlt, die Joseph Kalmer, ein Freund Ilsas, angefertigt hatte. Ilsa selbst erwähnt die Episode weder in ihrem ausführlichen Lebenslauf aus dem Jahr 1970 noch in einem anschaulichen Bericht über ihre Erlebnisse und Erfahrungen in Spanien, den Pichler in die Buchausgabe aufgenommen hat. Andererseits lässt sich nicht ausschließen, dass Katia Landau mit Il sas Zutun aus der Haft entlassen und nach Frankreich ausgewiesen wurde, war diese doch eine enge Vertraute Otto Bauers, des führenden Theoretikers der österreichischen Sozialdemokratie, der zusammen mit französischen Sozialisten die Freilassung der Frau verlangt hatte. Gegen diese Vermutung spricht wiederum das Misstrauen, das die Auslandsvertretung der österreichischen Sozialisten Ilsa entgegenbrachte: In einem Brief vom 1. August 1938 teilte ihr deren Leiter Joseph Buttinger mit, dass sie nicht befugt sei, in der Partei mitzuarbeiten. »Das entscheidende sachliche Argument ist, dass Du Deine ganze, nicht gerade unwichtige politische Tätigkeit in den letzten drei Jahren außerhalb unserer Partei, ohne jede Verbindung und ohne jedes Einvernehmen mit unserer Partei betrieben hast. Das hat verschiedene Gründe, aber die Tatsache selbst ist unbestreitbar.« In Paris soll sie Katia Landau zufolge das Gerücht gestreut haben, dass sich deren Mann in Rio de Janeiro aufhalte. Ein Vorwurf, der sich nicht verifizieren lässt. Es gilt als erwiesen, dass Kurt Landau im Auftrag des sowjetischen Geheimdienstes ermordet wurde.

Die Weite des Exils

Während sie in Barcelona auf die Ausreisegenehmigung warteten, stellte Arturo Barea seinen ersten Erzählband zusammen, der 1938 mit Fotos des deutschen Bildjournalisten und Spanienkämpfers Walter Reuter erschien. »Valor y miedo« (»Mut und Angst«) besteht aus zwanzig kurzen Prosastücken, die den Alltag im belagerten Madrid ohne heroische Überhöhung und mit bestürzender Klarheit schildern. Den Anstoß zum Schreiben verdankte Barea dem Schriftsteller Gustav Regler, der ihn in Madrid um einen Beitrag für seine Schützengrabenzeitung – Regler war Politkommissar der XII. Internationalen Brigade – gebeten hatte. In diesem Artikel, der dann doch nicht veröffentlicht wurde, erwähnte Barea seine Befürchtung, »die internationalen Einheiten könnten so werden wie die Spanische Fremdenlegion, die ich in ihrer Bereitschaft, das eigene Leben aufs Spiel zu setzen, ihrer Brutalität und ihrer Rücksichtslosigkeit kennengelernt hatte«, und ebenso seine freudige Erleichterung, »als mir klar wurde, dass es in diesen Einheiten Menschen gab, deren Triebkraft ein reiner politischer Glaube war und die Sehnsucht nach einer Welt ohne Schlächterei«. Ilsa habe sich bereit erklärt, den Artikel ins Deutsche zu übersetzen, in der Arbeit plötzlich innegehalten und ausgerufen: »Weißt du, dass du schreiben kannst? Das heißt, wenn du alle pompösen Phrasen unterdrückst, die mich ans Jesuitenbarock erinnern, und in deinem eigenen Stil schreibst. Der Artikel da ist zum Teil scheußlich und zum Teil sehr gut.«

Ihr gemischtes Lob machte ihm Mut weiterzumachen. Wir müssen uns die beiden in einem kleinen dunklen Pariser Hotelzimmer vorstellen, in dem sie sich an Arturos lädierter Schreibmaschine abwechselten, um ihre Romane zu tippen, »Telefónica« und den ersten Teil der Autobiographie, die Barea in Großbritannien vollendete. Als das Originalmanuskript verlorenging, schrieb er sie auf Grundlage von Ilsas englischer Übersetzung noch einmal – und besser. Man wundert sich über die Gabe dieser Frau, literarische Werke aus einer Fremdsprache in eine andere zu übersetzen, mit einer Kunstfertigkeit, die von Kritikern bis heute erkannt und gerühmt wird.

Zweifellos waren die Jahre in England, wo Ilsa und Arturo im Februar 1939 eintrafen, die glücklichsten ihres Lebens. Das verraten sowohl Ilsas Briefe als auch die Erinnerungen ihrer Nichte Uli, die sie lange nach Kriegsende zu sich nahmen, so wie sie schon im August 1939 Ilsas Eltern aufgenommen und bis zu deren Tod neun Jahre später betreut hatten. Valentin und Alice Pollak war es gerade noch gelungen, vor Kriegsausbruch aus dem besetzten Österreich zu emigrieren und mit den vereinten Kräften ihrer Kinder – Ilsa sowie ihre in Dänemark lebenden Geschwister Willi und Lotte – Einreisevisa für Großbritannien zu bekommen. Trotz ihres fortgeschrittenen Alters empfanden sie das Leben im Exil als ungemein bereichernd. Im Vorwort zu seinen bis heute unveröffentlichten Erinnerungen rühmte Valentin Pollak die unverhoffte »phantastische Weite der Beziehungen meines Lebensabends«, und in einer seiner wöchentlichen Rundfunksendungen für den Lateinamerikadienst der BBC hielt Arturo einen berührenden Nachruf auf seine Schwiegermutter Alice, in dem er erzählte, wie beliebt sie in ihrer Bescheidenheit und Herzensgüte bei den englischen Nachbarn gewesen sei.

Ungeachtet des Erfolgs, den Arturo mit seinem Radioprogramm und mit der englischen Ausgabe seiner Autobiographie hatte (die in Spanien erst 1977, anderthalb Jahre nach Francos Tod, erstmals veröffentlicht werden konnte), trug Ilsa die Hauptlast des Familieneinkommens. Sie arbeitete für den Abhördienst der BBC, übersetzte Dutzende Romane, Theaterstücke und Sachbücher aus und in drei Fremdsprachen, war Dolmetscherin bei Gewerkschaftskongressen, verfasste Zeitungsartikel, Verlagsgutachten und Rezensionen sowie, gemeinsam mit ihrem Mann, zwei Bücher zu spanischen Themen: »Spain in the Post-War World« (1945) und »Unamuno« (1951). Trotz des immensen Arbeitspensums war sie gesellig und gastfreundlich. Sie nahm die britische Staatsbürgerschaft an, trat der Labour Party bei und wurde in den Gemeinderat ihres Wohnortes Faringdon nahe Oxford gewählt. Ihr einziges eigenständiges und noch zu Lebzeiten veröffentlichtes Werk, der kulturgeschichtliche Essay »Vienna. Legend and Reality« (1966), ist nie auf deutsch erschienen.

Wieder in Wien

Nach mehreren kürzeren Aufenthalten in der alten Heimat, wo sie vom Österreichischen Gewerkschaftsbund mit der Leitung von Bildungskursen betraut worden war, ließ sie sich 1965, acht Jahre nach Arturos Tod, dauerhaft in Wien nieder. Die Fülle ihrer Aktivitäten – Vorträge, Schulungen, Zeitungsartikel, die Arbeit an einem geschichtlichen Abriss der Eisenbahnergewerkschaft, ehrenamtliche Tätigkeiten als Bildungsfunktionärin in einer SPÖ-Sektion, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Übersetzer und Vizepräsidentin der Vereinigung österreichischer Freiwilliger in der Spanischen Republik – sowie einige Ehrungen täuschen darüber hinweg, dass es um sie herum einsam geworden war. Bevor ihr eine kleine Gemeindewohnung im Arbeiterbezirk Favoriten zugesprochen wurde, hatte sie eine Zeitlang im Otto-Bauer-Schulungsheim der Sozialistischen Partei in der Rosentalgasse gewohnt, das längst nicht mehr existiert. Ein Mitbewohner von damals, Günther Schweda, erinnert sich, dass sie außer ihm eigentlich niemanden zum Reden hatte. »Null!« Er hatte den Eindruck, dass sie in der Partei nicht gern gesehen war. Unterstützung sei eher von der Gewerkschaft gekommen. Sie litt an Diabetes, war korpulent, wirkte aufgeschwemmt. Ihre Nichte Uli war entsetzt, als sie während eines Besuchs bemerkte, dass die Verwandten, die Ilsa in Wien geblieben waren, noch zu deren Lebzeiten angefangen hatten, die Wohnung leerzuräumen.

Ilsa Barea-Kulcsar starb, siebzigjährig, am Neujahrstag 1973. Am Ende ihres Lebens war sie dort angekommen, wo ihr politischer und publizistischer Weg begonnen hatte. Nur die Partei war nicht mehr dieselbe und die Hoffnung auf eine radikale Umkehr der Verhältnisse mitten im scheinbaren Höhenflug der österreichischen Sozialdemokratie der dumpfen Ahnung von Vergeblichkeit gewichen.

*

In einem Brief an ihre Freundin Margaret Weeden hatte Ilsa am 25. Dezember 1957, einen Tag nach Arturos Ableben, geschrieben: »Dieses ungreifbare Wesen, das uns zusammengebracht und gedrängt hat, aus unserem gemeinsamen Leben etwas zu machen, hat mir einundzwanzig Jahre geschenkt. Zuerst hatte ich mir nur zehn Jahre gewünscht, zehn erfüllte, liebesstarke Jahre, aber dann wurde ich unersättlich. Arturo hat sich über meine frühere Bescheidenheit oft lustig gemacht. Wie wir zwei zu sagen pflegten: Niemand kann mir nehmen, was ich gehabt habe. Und was ich weiß, das er gehabt hat. Es ist am Ende doch schön. Ich bin dankbar. Be happy in your happiness.«

Ilsa Barea-Kulcsar: Telefónica. Roman. Edition Atelier, Wien 2019, 352 Seiten, 25 Euro

Erich Hackl ist Schriftsteller (jüngst: Im Leben mehr Glück. Reden und Schriften, Zürich 2019). Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 19. Mai 2018 über den spanischen Schriftsteller Ramón José Sender

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

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