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Aus: Ausgabe vom 28.09.2019, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Succotash

Von Maxi Wunder

»Warum fühle ich mich so dreckig, wenn ich morgens aufwache? Als erstes frage ich mich, ob ich wohl in der Lage sein werde zu scheißen. Wird mein Körper wohl funktionieren? Wird mein Darm in Bewegung kommen? Hat die alte Klapperkiste mein Essen braun gemacht?«

Bevor Leonard Cohen Singer-Songwriter wurde, versuchte er sich als Schriftsteller. Das Zitat stammt aus seinem 1966 veröffentlichten Roman »Beautiful losers« und zeigt den für seine späteren seichten und spirituellen Songs (»Suzanne«, »Halleluja«) berühmten Musiker noch von einer weniger gefälligen Seite. Lange vor Charles Bukowski und Charlotte Roche schrieb er in der »Tell it like it is«-Tradition des kanadischen Dichters Irving Layton, den Cohen auch als Gewährsmann für seine spezielle Sympathie für den Terrorismus vorschob: »I don’t like it when it’s manifested on the physical plane – I don’t really enjoy the terrorist activities – but Psychic Terrorism.« So berief er sich – in einem Interview zur Bedeutung seines 1986 erschienenen Songs »First we take Manhattan, than we take Berlin« befragt – auf den zeitweise marxistischen Kollegen Layton, der Jesus Christus, Sigmund Freud, Karl Marx und Albert Einstein für nachhaltigere »Terroristen« hielt als irgendwelche Flugzeugentführer.

»First we take Manhattan, than we take Berlin« – das klang 1986 wie die Ankündigung einer Bandtournee, nach dem Motto: Wer sich in New York durchsetzt, schafft es auch in Europa. Oder vielleicht doch wie die Ankündigung einer feindlichen Übernahme? Der Rolling Stone jedenfalls interpretierte Cohens Song seinerzeit als die bedrohliche Vision eines sozialen Kollapses und terroristischer Rache – ohne die Einschränkung »psychisch«. 15 Jahre später stürzte das World Trade Center in Manhattan ein, weitere fünf Jahre danach wurde der Palast der Republik in Berlin abgerissen – für einige auch ein terroristischer Akt. Beide Gebäude waren Baujahr 1973 und ideologisch auf entgegengesetzte Weise symbolträchtig. War Cohen ein Prophet?

In dem ersten Teil seines Romans »Beautiful losers« ist der Ich-Erzähler in die Abbildung einer Indianerprinzessin verliebt, und wenn er sich die ballaststoffreiche Kost ihres Volks, der Algonkin – das sind die Ureinwohner von »Mannahatta« – zubereitet hätte, wären seine eingangs geschilderten Probleme im Nu behoben gewesen, ganz physisch:

Succotash-Bohnengemüse als Hauptgericht oder als Beilage zu gebratenem Fisch:

Man benötigt zwei Esslöffel Schmalz, zwei gehackte Zwiebeln, eine gehackte Paprikaschote, zwei kleine gewürfelte Kartoffeln, ein viertel Liter kochendes Wasser, zwei Tassen Kidneybohnen aus der Dose, eine große Dose Tomaten, einen Teelöffel Rohrohrzucker, 400 Gramm Maiskörner aus der Dose (abgegossen), Salz und Pfeffer.

Zwiebeln und Paprikaschote in dem Schmalz gut andünsten, dann die Kartoffeln und das Wasser hinzugeben. Etwa 15 Minuten kochen lassen, anschließen Bohnen weitere 15 Minuten mitköcheln lassen. Tomaten, Mais und Rohrohrzucker dazugeben, mit Salz und Pfeffer würzen. Schmeckt und bringt garantiert Leben in die »alte Klapperkiste«.

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