Schwarzer Kanal
Gegründet 1947 Montag, 9. Dezember 2019, Nr. 286
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Aus: Ausgabe vom 28.09.2019, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage
Literatur

»Schreiben, schwul sein, Kommunist sein – das war sein Terzett«

Ein Gespräch mit Ellen Schernikau. Über das, was von der DDR geblieben ist, das Werk ihres Sohnes Ronald und Jugend auf der Suche
Interview: Christine Reinicke
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»Kein Künstler kann eine einzige realistische Zeile schreiben, ohne Kommunist zu sein«: Ronald M. Schernikau

Ellen Schernikau, Sie haben einen berühmten Sohn, Ronald M. Schernikau, sind auch selbst erfolgreich künstlerisch tätig. Er wäre im Juli dieses Jahres 59 geworden, Sie sind jetzt 83. Sie sind in den 1960ern aus, aber nicht vor der DDR geflohen.

Ich bin ja damals nicht aus politischen, sondern aus ganz privaten Gründen weggegangen. Ich habe gern dort gelebt, und ich wäre, wenn es den Vater von Ronald nicht gegeben hätte, niemals aus meinem Land weggegangen. Niemals!

Erzählen Sie doch bitte mehr zur Flucht beziehungsweise zur literarischen Verarbeitung im Prosastück »Irene Binz«1.

Für mich war es ja keine Flucht, ich wär’ gern zu Hause geblieben.

Schön, dass Sie die DDR immer noch als Ihr Zuhause bezeichnen.

Das war sie immer, das hat sich nicht geändert. In dem Aufnahmelager, in dem ich die BRD-Staatsbürgerschaft beantragen und meinen DDR-Pass abgeben musste, sollte ich einen Flüchtlingsausweis unterschreiben. Ich hätte dadurch etliche Vorteile gehabt. Das habe ich nicht gemacht. Das beschreibt Ronald in »Irene Binz«, und schon deshalb lohnt es sich, das Buch zu lesen. Dort erfährt man auch, dass ich immer gesagt habe: »Ich bin kein politischer Flüchtling« – »Aber das sind doch alle!« – »Ich nicht, ich bin privat hier.«

Warum wurde eigentlich »Irene Binz. Befragung« nicht von den DDR-Verlagen angenommen? Das Manuskript war Anfang der 80er fertig.

Die Verlage haben es abgelehnt, weil sie nicht erzählen wollten, wie jemand rübergeht und eben doch irgendwie zurechtkommt. Ronald wollte ein Angebot machen. Es ging in der Erzählung nicht in erster Linie um seine Mutter. Sonst hätte er das Buch von Anfang an »Meine Mutter« nennen können. »Irene Binz« ist die Bezeichnung für eine Frau, die Mist gebaut hat und es irgendwie schafft, damit zurechtkommt.

Ja, die aber auch die DDR geliebt hat. Und das ist auch von seiten der DDR-Verlage falsch eingeschätzt worden.

Ja, völlig idiotisch!

Ich will nicht sagen, der Anschluss wäre verhindert worden, aber bestimmt …

… wären mehr Leute in der DDR geblieben, ja.

Schade!

Es gab viel Meinungsmache in der DDR. Und das war einer der schlimmsten Fehler. Ronald nennt das an einer Stelle: »Das Schlimmste, was die DDR sich geleistet hat, ist, aus Menschen Antikommunisten gemacht zu haben.« Das ist so bitter, aber so wahr!

Sie lesen oft aus Ronalds Büchern. Was erwartet Ihr Publikum?

Erfrischend ist, dass es sich bei den Zuhörern überwiegend um junge Leute handelt. Und da hatte ich mal so ein Erlebnis in Berlin, da waren ungefähr 100 Leute, nur ’ne Handvoll waren älter, sonst alles wirklich junge von 18 bis 30. Wahnsinn, und ich habe erst mal gelesen. Und danach hat es ein tolles Gespräch gegeben. Einer fragte mich dann: »Sie hatten doch bestimmt ein gutes Verhältnis zu Ihrem Sohn?« Klar. Aber auch bei uns gab es Unstimmigkeiten und Szenen. »Naja, aber Sie haben sich doch bestimmt alles erzählt, das habe ich in ›Irene Binz‹ gelesen.« Dann habe ich mich so vorgebeugt, ihn angeguckt und habe gesagt: »Erzählst du deiner Mutter alles?« Alle haben losgelacht und geklatscht.

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Ellen Schernikau

Sie haben miterlebt, wie Ronald zum Künstler geworden ist.

Ich habe eine Rede von Ronald gefunden, die er gehalten hat. Anlässlich eines Kulturtages der DKP im Juni 1985. Er sagte u. a.: »Erika Runge2, Sarah Kirsch und Maxie Wander – alle drei ja nicht unfasziniert vom Sozialismus – haben offenbar Fragen gestellt, deren Antworten uns etwas von der Porträtierten erzählen. Das muss man können. Das muss ein Künstler können! Dass ein Künstler Kommunist ist, lässt mich völlig kalt. Dass alle drei Genannten vom Sozialismus fasziniert sind, finde ich interessant. Übrigens ist das alles gar nicht wahr: Kein Künstler kann eine einzige realistische Zeile schreiben, ohne Kommunist zu sein.«3

Ronald war Kommunist, er war schwul, und er war Schriftsteller. Er war auch Ihr Sohn und mein Freund, der Geliebte von Thomas und der Freund von Dirk4. Was war das Wichtigste in seinem Lebens?

Also eigentlich ist das eine gute Zusammenfassung. Es gibt eine Äußerung in der »Legende«, seinem posthum veröffentlichten Hauptwerk: Schreiben, schwul sein, Kommunist sein – das war sein Terzett, das er ausgelebt hat.

Es gab also dergleichen keine hierarchische Reihenfolge in seinem Leben?

Nein. Ronald würde mit Sicherheit mit »Nein« antworten. Und würde sagen: Es macht mich aus, dass ich auf allen drei Ebenen gelebt habe.

Warum wird Ronald jetzt so berühmt? Unsere antikommunistische Zeit gibt das nicht her. Im Herbst erscheint eine Neuauflage der »Legende«, im Dezember kommt sie als Theaterstück auf die Bühne5. Das letzte Buch, »Lieben, was es nicht gibt«6, ist 2016 herausgekommen. Und schließlich ist er ja nur 31 Jahre alt geworden. Haben Sie eine Antwort darauf?

Auf Lesungen erstaunt es mich immer wieder, dass die überwiegende Mehrheit der Anwesenden jung ist. Jugend ist immer auf der Suche und braucht Anregungen, anders zu denken. Ronald hat provoziert, er wurde auch angegriffen. Aber er hat eine Anregung gegeben, dass es mehr gibt als Essen und Trinken. Ich lerne in den Gruppen oder in den Veranstaltungen natürlich keine desinteressierten Leute kennen. Diejenigen, die kommen, sind immer neugierig. Ich merke an den Reaktionen, dass sie durch die Lesungen ein Stück Zukunft sehen. Das möchten sie auch haben. Ein weiterer Aspekt ist sicherlich, dass Ronald schon tot ist. Wenn er noch leben würde, wäre die Aufmerksamkeit momentan möglicherweise nicht so groß. In diesen Zeiten nicht. Aber andererseits kann es genauso gut sein, dass er es selbst auch heute schaffen würde, die Leute mitzureißen. Er war ja eine beeindruckende Persönlichkeit.

Ich zitiere eine Stelle aus »Die Tage in L.«7: »es gibt eine einfache probe. frage jemanden nach seinem ideal und frage ihn nach der wirklichkeit. wenn er beginnt, sein ideal zu besingen, geht es los. wenn er über die wirklichkeit lamentiert, vergiss ihn.«

Ronald hat zeit seines Lebens Widersprüche ins Zentrum seines Denkens, Fühlens und Arbeitens gestellt. Man könnte ihn mit Eulenspiegel vergleichen. Er hat beide Welten wörtlich genommen und sie einander gegenübergestellt mit dem schalkhaften Blick desjenigen, der es besser gewusst hat.

Ja, so habe ich Ronald auch wahrgenommen. Ich glaube schon, dass er es geliebt hat, Eulenspiegeleien zu fabrizieren. Er hat in beiden Welten gelebt. In den letzten Jahren sogar parallel. Ich hatte versäumt, Ronald zu sagen, dass nicht alle so denken wie ich. Damit habe ich ihm sicherlich eine kleine rosarote Brille aufgesetzt. Er hat es aber ganz schnell durchschaut, und nicht etwa wegen seiner neuen Erfahrungen aufgehört, seinen Standpunkt zu vertreten. Er musste während des Literaturstudiums in Leipzig feststellen, dass nur eine Handvoll seiner Kommilitonen Genossen waren.

Einige haben ihm sogar Stasi-Mitarbeit unterstellt, wieder andere waren neidisch, und ich denke zu Recht. Er hatte ja eine privilegierte Stellung mit einem Dauervisum und konnte seinen Freund Thomas im Westen besuchen. Damit hat er Ablehnung erzeugt. Es gab aber auch Studenten, die einfach nur staunend, mit offenem Mund zuhörten und gedacht haben: »Der traut sich was. Er hat ja recht, aber ich würde das nicht sagen.« Ich weiß von zwei Professoren, dass er eine Bereicherung für die Kurse war. Er war auf jeden Fall interessant.

Auch provokant.

Natürlich! Wenn zum Beispiel jemand aus dem Westen was mitgebracht haben wollte, hat er geantwortet: »Was brauchst du denn so ’n Mist?« So flapsig. Er hat die Wünsche schon ernst genommen, hat auch manchmal etwas mitgebracht, aber oft das Falsche. Einmal hat er ganz provokant DDR-Kaffee zum Geburtstag geschenkt, obwohl die zu Beschenkende mit dem guten Westkaffee gerechnet hatte.

Das ist echt Eulenspiegel, DDR-Kaffee im Osten zu verschenken, wunderbar! Sie haben die Liebe zu Ihrem Land Ihrem Sohn weitergegeben. Manche Menschen behaupten, Sie haben ihn manipuliert. Georg Fülberth 8 sagt sogar, dass er, obwohl im Westen, trotzdem aber in der DDR aufgewachsen sei. Wie würden Sie Ihre Erziehung einerseits und seine Annäherung an die DDR andererseits beschreiben?

Ich bin mal in einer ZDF-Veranstaltung, die zu dem Buch von Matthias Frings »Der letzte Kommunist« stattgefunden hat, gefragt worden: »Wie haben Sie denn Ihren Sohn für den Sozialismus manipuliert?« Worauf ich geantwortet habe: »Ich verrate Ihnen jetzt ein Geheimnis: Schon mit der Muttermilch habe ich ihn manipuliert.« Ich hatte den besten Beifall.

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Ronald M. Schernikau

Man wird zwar hineingeboren in etwas, aber es kommt doch darauf an, was man daraus macht. Ronald war geprägt durch DDR-Fernsehen und durch die Literatur. Ich habe mir alle Kinderbücher der DDR schicken lassen. Wir haben uns über Ostpakete mindestens so gefreut wie die Menschen in der DDR über Westpakete. Als er etwa zwölf Jahre alt war, tauchte sein Vater auf und schickte ihm nach seinem Besuch einen dicken Brief. Ronald machte ihn auf, und darin befand sich lauter Werbematerial für die »Wiking-Jugend« der NPD. Ich dachte: »Jetzt bloß keinen Fehler machen. Jetzt einfach nur abwarten.« Ronald ging mit dem Material in sein Zimmer. Und es dauerte nicht lange, da kam er mit seiner Antwort zurück: »Herr Vater, diese Art Literatur ist nicht die meine. Sohn.«

Er hat auch Antikommunismus erfahren. Im Unterricht, während Länder und deren Hauptstädte aufgezählt werden sollten, also Frankreich – Paris, Großbritannien – London. Sagte er »DDR – Berlin«. Daraufhin antwortete der Lehrer: »Werd’ mal hier nicht politisch!« Er kam nach Hause und sagte: «Aber die DDR gibt es doch!«. »Ja, die Leute sagen hier Ostzone, weil sie sich nicht damit abfinden können, dass es zwei deutsche Staaten gibt. Aber du kannst davon ausgehen, dass beide Staaten von der UNO anerkannt sind.«

Wo ordnen Sie sich heute politisch ein?

Ich stehe natürlich immer links. Ich bin ’ne linke Socke und bleibe ’ne linke Socke. Und ich gehe in Schulklassen und sage das auch. Nicht gleich im ersten Satz, aber zum Schluss, bei der Auswertung, wenn ich meine Erfahrungen in beiden deutschen Staaten schildere, sowohl positive als auch negative. Die gibt es ja in beiden Systemen. Zum Schluss sage ich dann: »Der beste Kapitalismus ist nicht so gut wie der schlechteste Sozialismus.« Denn es geht um die Eigentumsfrage. Das ist die Basis für alles. Und dann versuche ich die Sache mit dem Mehrwert zu erklären. Es ist mir ja klar, dass die Schüler kaum etwas von Marx kennen. Trotzdem versuche ich, ein paar einfache Beispiele zu nennen: Jeder Profit, der im Kapitalismus erwirtschaftet wird, wandert in die Tasche des Unternehmers, der sich davon zum Beispiel das vierte Auto kauft. In einem sozialistischen System fließt der Überschuss in Bildung und das Gesundheitswesen. Die Ausbildung etwa war in der DDR kostenlos, und Stipendien mussten nicht zurückgezahlt werden. Ein Schüler fragte mich, ob Marx immer noch aktuell sei. »Nicht, dass der Schüler nun Ärger kriegt«, rief ich daraufhin dem Lehrer zu.

Der Grad an Uninformiertheit der Schüler beeindruckt mich immer wieder: Einer fragte mich einmal: »Warum habt ihr euch die Teilung Deutschlands gefallen lassen?« Das zeigt uns ja wohl, dass der Geschichtsunterricht dieses Thema ausblendet.

Weitere Fragen waren: »Wie ist das so gewesen, immer eingesperrt zu sein? Kann es ein glückliches Leben geben, wenn überall Stasi ist? Bis zum Untergang der DDR gab es doch Lebensmittelmarken und alles nur auf Zuteilung?« Das Ungeheuerlichste aber, was ich gehört habe, war: »Wer auch nur andeutete, dass er am liebsten die DDR verlassen möchte, der wurde auf der Stelle erschossen«.

Es scheint heute kaum mehr vorstellbar zu sein, dass Menschen glücklich waren und dass die Stasi sie nicht daran gehindert hat.

Und auch, dass die DDR ein wohlhabender Staat war, indem es weder Obdachlose noch Arbeitslose gegeben hat, und wo auch kein Hunger herrschte. Das ist in Vergessenheit geraten. Auf diese Weise bin ich aktiv. Ich bin in keiner Partei mehr aktiv.

Ich war in der SED, und wollte auch mal austreten, weil mir teilweise die Haltung meiner Kollegen auf den Senkel ging. Ich sagte damals zu meinem Parteisekretär: »Ich will zu keinem Verein gehören, wo man mit zwei Zungen spricht! Ich bin für eine gerade Linie. Ihr wisst, wenn mir was nicht passt, dann sage ich es. Und ich will jetzt austreten!« Da guckt er mich an und sagt: »Ellen, du bleibst schön drin! Solche Leute wie dich, die sagen, was los ist, brauchen wir!« Da bin ich also drin geblieben. Habe ich eingesehen. Und ich habe immer den Mund aufgemacht. Und mir ist nichts passiert. Es hat nur vielen Menschen das Rückgrat gefehlt, sich zu wehren. Sie sind in die SED eingetreten, um keine Schwierigkeiten zu bekommen. Ich bin jetzt in keiner Partei mehr.

In die DKP durfte ich in den 70ern nicht. Später in der PDS war mir alles zu sozialdemokratisch, und so kommt mir Die Linke heute auch noch vor. Ansonsten bin ich aktiv mit meinen Besuchen in den Schulen. Sobald ich die Gelegenheit habe, über Politik zu sprechen, bin ich dabei. Ich lese die UZ und die jW. Das Weltgeschehen interessiert mich weiterhin. Und insofern denke ich, ein politischer Mensch zu sein.

Ihres Erachtens wird die DDR heute nicht angemessen dargestellt?

Ich verfolge ja in den Medien das Thema Aufarbeitung der DDR. Mir fällt auf, dass das zwar gemacht wird, aber wirklich überwiegend aus der Siegermentalität heraus. Dinge, die wir damals hatten, werden heute neu erfunden. Wenn die Menschen auf die Straße gehen und rufen: »Jedem Kind ein Kindergartenplatz«, denke ich, das hatten wir doch alles schon mal. Das wird nicht erwähnt. Und was mich an der heutigen Zeit am meisten stört, und ich bin da nicht alleine, dass ich oft denke, uns gibt es gar nicht. Diese Negierung, dass es schon einmal Verhältnisse gab, in denen sowohl die Frau als auch das Kind oder der Patient besser dastanden, wird einfach ignoriert.

Ich habe einen Bericht gesehen, über den Paragraphen 175, also den sogenannten Schwulenparagraphen. Mit allen Scheußlichkeiten, und was sie zu erleiden hatten, und Zwangsheiraten und »Umpolen«, und was weiß ich, und dann wurde ganz stolz verkündet: »Den Paragraphen gibt es ja nun seit 1994 nicht mehr«. Ich konnte leider nicht in den Fernseher springen und sagen: »In der DDR war er schon seit 1968 gestrichen!« Sie kriegen es nicht fertig, etwas Positives zu benennen. Das ist eine ungeheure Ignoranz. Das kann mich dermaßen aufregen. Wenn man hier kein politisches Bewusstsein hat, kann es schon sein, dass man sich in der AfD verliert. Es ist ja klar, dass das nicht der einzige Grund ist, weshalb Menschen dort eintreten. Aber für diejenigen, die sich durch den Anschluss gedemütigt fühlen und dann in den vermeintlichen Protest gehen, weil ihre Geschichte nicht wahrgenommen wird – das kann ich nachvollziehen. Das ist gruselig. Ich bin wütend darüber, dass die AfD auch dadurch Zulauf bekommt.

Sie wollten anfangs zurück in die DDR, haben sich dann aber auch im Westen eingelebt. Wie sind Sie mit Ihren beiden Identitäten klargekommen?

Im Rückblick kann ich heute sagen, ich habe gut mit zwei deutschen Staaten gelebt. Ich hatte mich als Kind schon daran gewöhnt, dass es andere deutschsprachige Länder gibt. Wie Österreich, Schweiz … Und ich fand das ganz normal, dass es zwei deutsche Staaten mit derselben Sprache gibt. Und dazu stehe ich heute noch. Und wenn es da eine gute Konföderation gegeben hätte, wäre manches anders gelaufen.

Was ist Ihnen heute im Rückblick wichtig?

Ganz wichtig ist mir folgendes: Nicht der Sozialismus ist gescheitert, sondern ein Weg dahin. Die Menschen haben Fehler gemacht. Aber Marx ist nach wie vor aktuell.

Ellen Schernikau, geboren 1936 in Magdeburg, ist gelernte Krankenschwester und siedelte 1966 in die BRD über. Noch vor dem Anschluss der DDR zog es sie zurück in den Osten. Auch ihr Sohn Ronald M. Schernikau, geboren 1960, ließ sich 1989 wieder in der DDR einbürgern, er starb 1991 an Aids

– »Legendäres Schernikau-Spektakel« mit Anke Stelling, Jens Friebe, Andreas Spechtl, Thomas Keck und vielen anderen am 11. Oktober, 19 Uhr, Literarisches Colloquium, Berlin-Wannsee, Am Sandwerder 5

– »Legende von Ronald M. Schernikau«, Regie Stefan Pucher, Uraufführung am 11. Dezember in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin-Mitte

1 Irene Binz. Befragung, Berlin 2010

2 Erika Runge, geboren 22. Januar 1939 in Halle (Saale), ist eine deutsche Schriftstellerin und Regisseurin. Sie wurde unter anderem durch die Interview-Sammlung »Bottroper Protokolle« bekannt.

3 Schernikau-Nachlass in der Akademie der Künste Berlin

4 Dirk Ahrens, ein Schriftstellerfreund von Ronald M. Schernikau aus der DDR

5 Stefan Pucher, Theaterregisseur, bringt »Legende«, Dresden 1999, im Dezember auf die Bühne.

6 Tagungsband Schernikau-Konferenz: Helmut Peitsch und Helen Thein, Hrsg. »Lieben, was es nicht gibt«, Berlin 2016

7 »Die Tage in L.«, Hamburg, 1989/2001

8 Georg Fülberth, »Uhrmacherblick und Götterblick« in »Lieben, was es nicht gibt«, H. Peitsch u. H. Thein (Hg.), Verbrecher Verlag Berlin 2016

Ronald M. Schernikau verfasste seine Texte konsequent in Kleinschreibung

Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (28. September 2019 um 02:37 Uhr)
    Guten Morgen!

    Liebe Frau Schernikau! Ich habe Ihren Sohn nicht selbst kennengelernt, aber möchte Ihnen zum Trost und als Beispiel meiner Wertschätzung mitteilen, dass ich ihn in meinen Artikeln mehrmals zitiert habe – weil viele seiner Auffassungen und Ansichten beeindruckend waren. Zum Beispiel seine Aussage, dass wir Tageszeitungen nicht mehr lesen sollten, weil wir uns von den Meinungen der Medienangestellten nicht beeinflussen lassen müssen. Was uns nicht vor den Zeitungen, aber vor der Einflussnahme warnt. – Glauben Sie mir: Daran denke ich an jedem Tag. Und daran, wer mir zu dieser Einsicht verholfen hat.

    Was ich Ihnen hier schreibe, ist kein Trost. Ich will Ihnen aber gerne mitteilen, dass viele Menschen sich an ihn erinnern und ihn nicht vergessen werden.

    Freundliche Grüße!

    Ihr scharmann

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Ullrich Uhle: Die Menschen zählen Liebe jW, danke für den Artikel. Schön, wieder etwas von Ronald Schernikau zu lesen. Somit auch alle, die die jW heute in der Hand halten. Ich bin dankbar, das wir ihn in der DDR hatten. Einen Kommuni...
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