Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 28.09.2019, Seite 15 / Geschichte
Geschichte Russlands

Russlands schwarzes Loch

Vor 20 Jahren begann der Zweite Tschetschenienkrieg
Von Reinhard Lauterbach
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Unter Arrest: Tschetschenen, bewacht von russischer Spezialpolizei, im Februar 2000

Bis zum Ende der Sowjetunion war der Anteil der KPdSU-Mitglieder an der Bevölkerung – ein indirekter Indikator der Integrationsbereitschaft in die sowjetische Gesellschaft – in der Tschetschenisch-Inguschischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik mit nur drei Prozent der niedrigste im ganzen Land. Gleichzeitig führte die hohe Geburtenziffer und die unterdurchschnittliche, weil oft verweigerte Bildung etlicher Tschetschenen dazu, dass viele nur als Hilfskräfte auf den Märkten bzw. in der organisierten Kriminalität ein Auskommen fanden – ob als Träger oder als Schläger.

All dies potenzierte sich, als die sowjetische Herrschaft Ende der 1980er Jahre zerfiel. Regelmäßige Raubüberfälle auf Züge, die Tschetschenien durchquerten, Öldiebstahl sowie Pogrome gegen die nichtkaukasische Bevölkerung der Region häuften sich. Mit Boris Jelzins Parole »Nehmt euch soviel Souveränität, wie ihr tragen könnt« kam auch in Tschetschenien der Separatismus auf, geleitet in der ersten Generation von hochdekorierten sowjetischen Offizieren tschetschenischer Nationalität: General Dschochar Dudajew und Oberst Aslan Maschadow. Beide hatten im Baltikum gedient und offenbar bei den dortigen Nationalisten gelernt. Tschetschenische »Freiheitskämpfer«, die von kriminellen Banden allenfalls graduell unterscheidbar waren, übernahmen die Kontrolle über die Republik und zwangen im Chaos des Staatszerfalls die dort stationierten sowjetischen Truppen zum fluchtartigen Rückzug – wobei eine der Bedingungen für das freie Geleit war, dass sie ihre Waffen zurückließen. Tschetschenien war Mitte der neunziger Jahre Russlands schwarzes Loch. Genau der richtige Ort für Oligarchen wie Boris Beresowski, dort Geschäfte zu machen.

Selbst Boris Jelzin, der die ganze Dynamik ausgelöst hatte, musste einsehen, dass diese Zustände unhaltbar geworden waren. Er gab 1994 den Befehl, die Separatisten militärisch zu besiegen, doch das Gegenteil trat ein. Die miserabel geführten und schlecht ausgerüsteten russischen Truppen wurden in Hinterhalte gelockt und mussten sich schließlich 1996 aus der Republik zurückziehen, die sie zuvor allerdings gründlich zerstört hatten. Im Waffenstillstandsabkommen von Chassawjurt errang Tschetschenien 1997 faktisch die Unabhängigkeit, die ab 2001 Gestalt annehmen sollte. Das Gespenst des weiteren Zerfalls Russlands als Staat stand im Raum.

Insofern ist die in der Literatur vorherrschende Aussage, der Zweite Tschetschenienkrieg sei durch einen Angriff tschetschenischer Separatisten und arabischer Söldner auf Polizei- und Armeeposten im benachbarten Dagestan ausgelöst worden, oberflächlich. Tatsächlich planten offenbar Teile der russischen Elite, das tschetschenische Problem zu lösen, bevor die Gefahr eines erfolgreichen innerrussländischen Separatismus akut werden konnte. Schon im ersten Halbjahr 1999 führte Russland eine vollständige Wirtschaftsblockade Tschetscheniens ein und stoppte die Finanztransfers in die Republik. In der Vorgehensweise ähnelt manches dem, wie die Ukraine heute mit den abtrünnigen Regionen des Donbass umgeht. Den im übrigen schnell zurückgeschlagenen Angriff vom August 1999 nahm Russland zum Anlass, vom tschetschenischen Ministerpräsidenten Aslan Maschadow ultimativ die Einwilligung zu gemeinsamen Antiterroroperationen auf tschetschenischem Boden zu verlangen. Maschadow verweigerte das – aus seiner Sicht konsequent: Er hätte die wesentliche Errungenschaft des Abkommens von Chassawjurt, den Abzug der russischen Truppen, aufgeben müssen und damit seinen politischen Rückhalt in der tschetschenischen Bevölkerung gefährdet. Nicht zuletzt wegen der miserablen Wirtschaftslage wurden die Islamisten ohnehin immer stärker. Maschadow versuchte zu lavieren, sich einerseits von den islamistischen Terroristen zu distanzieren, aber auch nicht als Erfüllungsgehilfe Russlands dazustehen.

In dieser Situation erfolgte im September 1999 eine Serie von Anschlägen auf Wohnhäuser in verschiedenen russischen Städten. Sie kosteten insgesamt mehr als 300 Menschen das Leben. Ob sie, wie die russische Seite erklärte, von den tschetschenischen Terroristen verübt wurden, oder ob sie, wie zahlreiche Kritiker von Wladimir Putin bis heute behaupten, Provokationen des Geheimdienstes waren, um einen Vorwand zum Einmarsch in Tschetschenien und im Innern Russlands eine Kriegsstimmung zu schaffen, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Das russische Parlament lehnte trotz einiger Verdachtsmomente die Einberufung von Untersuchungsausschüssen mehrmals ab.

Im Ergebnis begann die russische Armee jedenfalls ab Ende September mit Luftangriffen auf Ziele in Tschetschenien und am 1. Oktober 1999 mit dem Einmarsch. Der Angriff war diesmal besser geplant als 1994, und bis zum Frühjahr 2000 war das Tiefland der Republik Tschetschenien wieder unter Kontrolle der Regierung. Anders als 1994/96 fanden sich diesmal auch Teile der tschetschenischen Eliten zur Kooperation mit Russland bereit, allen voran der frühere Mufti der Republik, Achmat Kadyrow, der Vater des heutigen Republikchefs Ramsan Kadyrow.

Die direkten Kämpfe zogen sich noch bis in den Sommer 2001 hin, es folgten Jahre der Anschläge und Überfälle in Tschetschenien und ganz Russland, etwa 2002 auf das Dubrowka-Theater in Moskau oder eine Schule in Beslan 2004. Beide Seiten gingen nicht zimperlich vor, weder die Terroristen noch die Sondereinheiten der Armee. So starben im Dubrowka-Theater und in Beslan jeweils mehrere hundert Geiseln beim Versuch ihrer Befreiung. 2009 wurde die »Antiterroroperation« in Tschetschenien offiziell für beendet erklärt.

Ergebnis des Zweiten Tschetschenienkrieges ist eine oberflächliche Stabilisierung in der Region. Ramsan Kadyrow hat von Putin freie Hand bekommen, die Ordnung mit allen Mitteln aufrechtzuerhalten. Grosny ist mit viel Geld aus dem Zentralhaushalt wieder aufgebaut worden. In der Republik führt Kadyrow seit Jahren ein konzessioniert islamistisches Regime, das muslimische Bräuche wie Viel- und Kinderehe wieder eingeführt hat und wo die Scharia das russische Zivil- wie Familienrecht ersetzt und Homosexuelle »verschwinden«. Dieser Islamismus von Putins Gnaden mag die territoriale Integrität Russlands vordergründig bewahren. Aber diese Stabilität ist erkauft mit der Duldung eines halb feudalen, halb faschistoiden Regimes und eines faktischen Ausscheidens Tschetscheniens aus dem russischen Rechtssystem. .

Wie Feuer und Wasser: Russland und Tschetschenien

Tschetschenien und Russland sind wie Feuer und Wasser. Seitdem das Zarenreich Anfang des 19. Jahrhunderts damit begann, den Kaukasus zu erobern, waren die Angehörigen tschetschenischer Clans unter denjenigen, die der russischen Expansion den längsten, hartnäckigsten und über lange Zeit relativ erfolgreichen Widerstand entgegensetzten. Legendär und durch den Roman »Hadschi Murat« von Leo Tolstoi in die europäische Literatur eingegangen ist der Imam Schamil, der diesen tschetschenischen Widerstand einige Jahrzehnte lang leitete, aber Ende der 1850er Jahre von russischen Truppen gefangengenommen wurde.

Der Grund für die Hartnäckigkeit des tschetschenischen Widerstands gegen die russische Expansion liegt vermutlich in der extremen Unvereinbarkeit der archaischen Gesellschaftsordnung der tschetschenischen Bergstämme und der zentralstaatlichen Herrschaft, die sowohl die Zaren als auch die Sowjetunion im Nordkaukasus einzuführen versuchten – verbunden mit den Schwierigkeiten, diese Herrschaft in den schwer zugänglichen Bergtälern des Kaukasus auch faktisch durchzusetzen. Zu Sowjetzeiten leisteten die Tschetschenen hartnäckigen Widerstand gegen die Kollektivierung der Landwirtschaft bzw. sie umgingen sie, indem sie z. B. die Bergweiden eines Clans zu Kolchosen erklärten. Zwischen 1930 und 1940/41 gab es mehrere tschetschenische Aufstände gegen die Kollektivierung. Der Führer einer Sondereinheit der Wehrmacht, die sich 1942 um Kontakt zu möglichen tschetschenischen Kollaborateuren bemühte, notierte in seinem Bericht, ein Großteil der Tschetschenen lebe faktisch von Viehdiebstahl beim Clan im Nachbartal. Da Viehzucht das ökonomische Fundament der tschetschenischen Gesellschaft war, zogen solche Fälle in der Regel jahrelange Blutrachen nach sich, die bis in die sowjetische Zeit ausgetragen wurden.

1944 war es die Führung in Moskau leid. Als Reaktion auf die zahlreichen Aufstände und die mangelnde Integrierbarkeit der Tschetschenen wurde unter dem Vorwurf der Kollaboration mit den Deutschen – der so allgemein schon deshalb nicht haltbar ist, weil die Wehrmacht Tschetschenien nie eroberte und somit kaum ein Tschetschene Gelegenheit zur Kollaboration hatte – die gesamte Bevölkerung der Region nach Mittelasien deportiert. 1956 hob Nikita Chruschtschow die Order auf. In den Jahren darauf kehrten viele Tschetschenen in ihre Heimat zurück und gerieten sofort in Konflikte um Häuser und Felder mit den Russen und Ukrainern, die die Staatsführung in der Zwischenzeit in der Republik angesiedelt hatte. Schon 1958 gab es in Grosny einen antislawischen Pogrom, der Dutzende Todesopfer forderte.

Reinhard Lauterbach

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