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Krupp-Heuschrecke

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
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»Finanzinvestoren gewinnen Machtkampf um Thyssen-Krupp«, lautete die Überschrift über einem Artikel in der FAZ am Mittwoch, der erklärt, warum Guido Kerkhoff als Vorstandsvorsitzender herausgeworfen wurde. Wer sind diese »Finanzinvestoren« und gegen wen haben sie denn gewonnen? Mit Finanzinvestoren sind jene Fonds gemeint, die in Deutschland – einer Idee Franz Münteferings folgend – gern als Heuschrecken bezeichnet werden und seit den Nullerjahren der Schrecken deutscher Großkapitalisten und ihrer Manager geworden sind. Sie sammeln Geld von wirklich Betuchten, übernehmen mit dem Geld Unternehmen oder auch nur Aktienpakete an ihnen, ändern deren Geschäftspolitik, versuchen auf die Schnelle ihre Profitabilität zu erhöhen, verkaufen Geschäftssparten und/oder zerschlagen das Unternehmen komplett. Bei Thyssen-Krupp ist seit mehreren Jahren die schwedische Heuschrecke Cevian Mitaktionär (mit etwa 18 Prozent) und seit einem guten Jahr mit nur etwa drei Prozent die US-Heuschrecke Elliott mit ihrem berüchtigten Chef Paul Singer.

Gewonnen haben sie, so könnte man die FAZ-Journalisten interpretieren, gegen die alte Großaktionärin, die Krupp-Stiftung. Die Stiftung hat unter ihrem Vorsitzenden Berthold Beitz eine zentrale Rolle im »rheinischen Kapitalismus« Westdeutschlands gespielt. Beitz befehligte 1992 die erste feindliche Übernahme des Dortmunder Stahlproduzenten Hoesch und initiierte 1999 unter Anleitung von Goldman Sachs die Fusion mit der doppelt so großen Thyssen AG zur heutigen Thyssen-Krupp AG. Dies nur zur Erläuterung, dass die Paten der Deutschland AG nicht immer konsensorientiert, sondern durchaus auch heuschreckenartig gehandelt haben. Beitz starb im reifen Alter von fast hundert Jahren im Jahr 2013. Vorsitzende der Krupp-Stiftung wurde die Dortmunder Mathematikprofessorin Ursula Gather. Ihr wirft nun die deutsche Qualitätspresse vor, die Führungsrolle als größte Aktionärin bei Thyssen-Krupp (21 Prozent der Anteile) nicht wahrgenommen zu haben und den Machtkampf gegen die ausländischen Heuschrecken verloren oder, schlimmer noch, erst gar nicht aufgenommen zu haben.

Thyssen-Krupp ist heute ein diversifizierter Konzern mit einem Jahresumsatz von 43 Milliarden Euro und weltweit 155.000 Beschäftigten. Er ist zugleich letzter Repräsentant der deutschen Stahlindustrie, die früher groß und stark, sowie wesentlich mitverantwortlich für beide Weltkriege war. Heute ist das Geschäft relativ unprofitabel. Das Management hat schon vor Jahren die Stahlerzeugung ausgegliedert, die mit den Stahlbetrieben des indischen Großkonzerns Tata fusioniert werden sollte. Das untersagte die EU-Kommission. Die langjährigen Vorsitzenden des Vorstands und des Aufsichtsrates traten im Sommer vorigen Jahres zurück. Letzterer warnte vor einer Zerschlagung des Konzerns. Der vor 14 Monaten neu bestellte Vorstandschef Kerkhoff wurde jetzt auch entlassen und ließ verlauten, dass die Krupp-Stiftung mit den übrigen Heuschrecken die Zerschlagung mitbetreibe. Er dürfte zum Abschied die Wahrheit gesagt haben. Bei der Resteverwertung des einst stolzen Konzerns ist die Stiftung die größte der Heuschrecken.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

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