Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 27.09.2019, Seite 16 / Sport
Fußball

Drei Pfeile nach links unten

Etappensieg der Antifa: In US-Fußballstadien sind antirassistische Fahnen der »Eisernen Front« bis auf weiteres wieder erlaubt
Von Jürgen Heiser
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»Lange hatte das niemanden gestört«: Timbers-Army-Block mit Iron-Front-Banner im November 2018

In den USA haben Fußballfans einen Sieg im Kampf um politische Meinungsfreiheit errungen. Sprecher der Major League Soccer (MLS), der Profiliga der Männerteams aus den USA und Kanada, teilten am Dienstag abend (Ortszeit) mit, Fanprojekte wie die »Timbers Army« der Portland Timbers dürften ihre mit einem antifaschistischen Logo versehenen Flaggen weiter in den Stadien zeigen. Die Liga hob damit ein Verbot »politischer Symbolik« auf, das sie zu Saisonbeginn ausgesprochen hatte, was eine Welle des Protests auslöste.

Woran sich die MLS gestört hatte, waren drei Pfeile, die von rechts oben nach links unten zeigen – das Symbol des 1931 in Deutschland gegründeten und zwei Jahre später von den Nazis verbotenen Antifabündnisses »Eiserne Front«. Für die US-Fanbündnisse war bei der Wahl des historischen Symbols ausschlaggebend, dass der Front Arbeitersportvereine angehörten. Der deutschen Sozialdemokratie, unter deren Führung der Kampfbund gegründet worden war, ist im historischen Rückblick nicht das Moment konsequenter antifaschistischer Arbeit wichtig, sondern der Antikommunismus. Anlässlich des 85. Gründungstags der Eisernen Front vor drei Jahren erklärte der damalige SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel, wofür die drei Pfeile stünden – »für SPD, Gewerkschaften und Reichsbanner, also für die politische, wirtschaftliche und physische Macht der Arbeiterklasse« –, und zu welchem Zweck das Bündnis geschmiedet worden sei: um die Weimarer Republik gegen »Nationalsozialisten, Kommunisten und andere antidemokratische Kräfte« zu verteidigen.

Diese historischen Hintergründe sind in der US-Liga heute völlig irrelevant. Für die MLS war das Symbol der »Iron Front« nach Angaben des Senders Oregon Public Broadcasting allein deshalb »problematisch«, weil es mit »weit links stehenden Antifa-Aktivisten in Verbindung« zu bringen und gleichbedeutend sei »mit Straßengewalt«, die die »Sicherheit der Spiele« bedrohe.

Adrian Hanauer, Miteigentümer der Seattle Sounders, setzte die »Iron Front« gar mit den »Proud Boys« gleich, einer offiziell als Hassgruppe eingestuften Hooligantruppe. Die Gleichsetzung war Bestandteil einer Tirade gegen die Sounders-Fanclubs »Emerald City Supporters« und »Gorilla FC«, die im Juli bei einem Spiel gegen Portland zusammen mit der Timbers Army Flaggen der Iron Front geschwenkt hatten.

Fans der Portland Timbers lassen die Antifaflaggen übrigens schon seit Jahren wehen. Bis zum Beginn der laufenden Saison hatte das niemanden gestört. Nachdem nicht zuletzt Verlautbarungen des Weißen Hauses den Widerstand gegen rassistische Überfälle und Hassverbrechen auch in den Stadien befeuerten und dort vermehrt Spruchbänder wie »Smash Fascism« oder »Make Racists Afraid Again« (Lehrt Rassisten wieder das Fürchten) auftauchten, sahen sich die MLS-Oberen veranlasst, dagegenzuhalten. Zu Beginn der aktuellen Saison änderten sie kurzerhand den Verhaltenskodex für Fans und verboten das Symbol der Iron Front als »politische Stellungnahme«.

Aus Protest dagegen schwiegen beim Spiel der Timbers gegen die Seattle Sounders am 23. August die Fanblocks beider Teams zur Erinnerung an das Verbot der Eisernen Front im Jahr 1933 für 33 lange Minuten. Keine Fahnen, weder Anfeuern noch Trommeln, kein Absingen des italienischen Partisanenlieds »Bella Ciao«, der Hymne der Timbers Army – einfach totale Stille. Diese Botschaft kam an. Auch bei Turnieren der National Women’s Soccer League (NWSL), der Profiliga des Frauenfußballs, wehten fortan Iron-Front-Fahnen, und auf vielen T-Shirts prangten die drei Pfeile. Zunächst flogen Fans dafür noch aus den Stadien und erhielten Hausverbot.

Als Fans dann in »sozialen Medien« unter dem Hashtag #AunitedFront immer stärker Unmut äußerten und Solidarität erklärten, erkannten die MLS-Offiziellen, dass sie die Atmosphäre in den Stadien weiter politisiert hatten. Das Präsidium lenkte ein und zeigte sich zu Gesprächen bereit. Vertreter der Liga trafen sich in der vergangenen Woche in Las Vegas mit Delegierten der Fanprojekte und des »Unabhängigen Unterstützerrats«, der die Fans der Profiligen des Männer- und Frauenfußballs vertritt. In dieser Woche nun stimmte die Liga den drei Hauptforderungen der Fanbündnisse zu. Die MLS hebe »das Verbot der ›Iron Front‹-Flaggen bis zum Ende der laufenden Saison auf«, gab Präsident Mark Abbott in einer Presseerklärung bekannt. Die Frage des Umgangs mit politischer Symbolik werde ebenso neu bewertet wie der Verhaltenskodex für Fans insgesamt.

Eine Arbeitsgruppe aus Liga, Fangruppen und Experten »für Diversität und Integration« soll nun zum Saisonbeginn im kommenden Jahr einen neuen Kodex aufstellen. Fangruppen der Timbers und Sounders zeigten sich zufrieden und bewerteten die Entscheidung der Liga als »Bestätigung unserer langjährigen Opposition gegen Rassismus, Faschismus, weiße Vorherrschaft, weißen Nationalismus und Homophobie«. Sie kündigten an, zunächst alle Protestaktionen auszusetzen, um »Fortschritte am Verhandlungstisch zu erzielen«.

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