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Aus: Ausgabe vom 26.09.2019, Seite 15 / Medien
Verhärtete Fronten

Kalter Krieg per Twitter

Fake-News-Attacke gegen Iran und Katar. Kurznachrichtendienst löscht 271 Accounts aus Ägypten und den Emiraten
Von Gerrit Hoekman
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Mit Schwert und Smartphone in die Zukunft? Saudische Offizielle beim Besuch Donald Trumps 2017 in Riad

Twitter hat ein Netzwerk von 271 Fake-Accounts gelöscht, die aus Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) entsprechend genutzt wurden. Das teilte der US-Kurznachrichtendienst am vergangenen Freitag auf blog.twitter.com mit. Die Nutzerkonten seien durch ein gemeinsames Ziel verbunden gewesen: eine Propagandaoffensive gegen den Iran und das Emirat Katar.

»Wir fanden Beweise, dass diese Accounts von DotDev eingerichtet und verwaltet wurden, einem privaten Technologieunternehmen, das in Ägypten und den VAE aktiv ist«, teilte Twitter mit. Die Firma sei dauerhaft gesperrt worden. »Zusätzlich suspendierten wir eine separate Gruppe von 4.248 Einzelaccounts, die aus den Vereinigten Arabischen Emiraten betrieben wurden und gegen Katar und den Jemen gerichtet waren«, hieß es von Twitter weiter. Die Nachrichtenagentur Reuters meldete am Freitag, Twitter habe außerdem sechs weitere Konten gesperrt, die mit der saudischen Regierung verbunden waren. Deren Benutzer hätten sich als Mitarbeiter unabhängiger Journalistenbüros dargestellt, aber in Wirklichkeit unverblümt Werbung für das Königreich gemacht.

Im August hatte bereits Facebook 350 derartige Zugangsberechtigungen aufgelöst, mit denen ebenfalls saudische Propaganda im Internet verbreitet worden war. Es war das erste Mal, dass ein global aufgestellter US-Technologiekonzern eine Verbindung zwischen Fake-Accounts und der saudischen Regierung herstellte. Auch Nutzerkonten aus Libyen und dem Sudan wurden gesperrt. In seinem Newsroom stellt Facebook einige Machwerke aus.

Wie Reuters am Freitag meldete, löschte Twitter am 20. September auch den Account von Saud A-Kahtani, einem früheren Berater des saudischen Königshauses und engem Vertrauten des Kronprinzen Mohammed bin Salman. Kahtani leitete die Medienzentrale des königlichen Hofes in Riad und führte laut Reuters eine Kolonne von Internettrollen in die Schlacht gegen vermeintliche Staatsfeinde und Feindstaaten.

1,35 Millionen Follower verfolgten auf Twitter Kahtanis gefürchtete Tiraden gegen saudische Oppositionelle im In- und Ausland. Seine Gegner nennen ihn »Mr. Hashtag«. Allerdings schrieb er meistens auf Arabisch, was seine Bekanntheit in einschränkte, wie der Sender France 24 am 25. Oktober letzten Jahres anmerkte. Kahtani soll bei der jüngsten Annäherung zwischen Israel und Saudi-Arabien eine wichtige Rolle gespielt haben, indem er nicht nur die saudischen Staatsmedien anwies, die Agitation gegen Israel zurückzufahren, sondern auch den Kauf einer israelischen Ausspähsoftware vorbereitete.

Seit dem 23. Oktober 2018 war Kahtanis Twitter-Account offenbar verwaist. Drei Tage vorher hatte er noch auf Arabisch eine Liebeserklärung an sein Vaterland gepostet: »Ich werde für immer ein treuer Diener meines Landes bleiben.« Da hatte ihn der Kronprinz gerade als Berater gefeuert, angeblich, weil sich die Indizien verdichteten, dass Kahtani in den Mord an dem saudischen Journalisten Jamal Kashoggi (Dschamal Chaschukdschi) verwickelt ist.

Einem Informanten von Reuters (22.10.2018) zufolge, war Kahtani am 2. Oktober über Skype mit dem saudischen Konsulat in Istanbul verbunden und gab Anweisungen, als der Regimekritiker umgebracht wurde. »Bringt mir den Kopf des Hundes«, soll er von dem Mordkommando gefordert haben.

Seit seinem Rauswurf ist der frühere Lakai von der Bildfläche verschwunden. Sein Schicksal ist ungewiss. Reuters berichtete im Januar von Quellen, die behaupten, dass Kahtani der Welt als Bauernopfer präsentiert wurde, aber im Hintergrund weiterhin die saudischen Medien an die Kandare nimmt. Den Posten als Verantwortlicher für die Cybersicherheit des Königreiches habe er sogar behalten, berichtete France 24. »Er ist auch nicht verhaftet oder verurteilt worden«, zitierte der Sender Cinzia Bianco, Analystin bei »Gulf State Analytics«, einem Unternehmen, das Risikobewertungen für Investoren in der Golfregion vornimmt.

Der in Oslo lebende palästinensische Schriftsteller Iyad Al-Baghdadi behauptete hingegen am 28. August auf Twitter, ihn hätten »Nachrichten erreicht, dass Saud Al-Kahtani von Mohammed bin Salman vergiftet worden ist«. Die Quelle sei bis jetzt immer zuverlässig gewesen, so Baghdadi. Das berichtete die US-amerikanische Nahostnachrichtenseite Middle East Eye am 3. September. Riad hat diese Gerüchte bislang weder bestätigt noch dementiert.

Es ist auch vorstellbar, dass Kahtani sich selbst als Bauernopfer angeboten hat, um seinen Chef aus der Schusslinie zu bringen. Unwahrscheinlich dagegen ist, dass der Medienberater hinter dem Rücken von Mohammed bin Salman handelte. »Glaubt ihr, ich fälle Entscheidungen ohne Anweisung?« twitterte er am 17. August 2018, gut anderthalb Monate vor der Ermordung Kashoggis. Er sei ein treuer Vollstrecker der Befehle des Königs und des Kronprinzen, versicherte Kahtani damals.

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