Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 26.09.2019, Seite 10 / Feuilleton
Ideologiekritik

Verdienter Beifall

Die nationalistische Junge Freiheit lobt die antideutsche Bahamas: Weshalb beide zusammengehören
Von Kai Köhler
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»Der Untergang des Abendlandes? / Grad war’s noch da – und dann verschwand es« (F. W. Bernstein)

Zwei richtige Gedanken sind schon mal nicht schlecht. Als 1989/90 der Anschluss der DDR an die BRD bevorstand, formierten sich die Antideutschen. Sie sahen einen Gesamtstaat voraus, der nach außen imperialistisch auftritt (hat sich als richtig herausgestellt) und der im Inneren faschistischen Gruppierungen immer mehr Raum gibt (ebenfalls).

Doch ist der Imperialismus, wie Lenin schon wusste, ein Stadium des Kapitalismus. Auch sind Faschisten außerhalb Deutschlands leider nicht seltener als innerhalb. Wer 1990 aus guten Gründen antideutsch war, wer altersbedingt später dazustieß, musste sich also entscheiden: Wird Deutschland als kapitalistischer Staat bekämpft, mit seinen historischen Besonderheiten, wie jeder Staat sie hat? Oder geht es gegen eine besondere Form des Kapitalismus, wie sie sich nur in Deutschland findet?

Nazis unterschieden zwischen »schaffendem Kapital« (Produktion; deutsch, gut) und »raffendem Kapital« (der angeblich jüdische Wucherer). Im Feindbild »Jude« schien die Ursache für alle Übel des Kapitalismus konkret fassbar. Die meisten Antideutschen hielten an der falschen Trennung von Industrie- und Handelskapital fest und verschoben nur die Anwendung. Sie sahen, mit Marx, im Kapitalismus abstrakte Wertgesetze wirken. Anders als Marx lehnten sie aber jede Kritik an realen Akteuren ab. Wo immer Linke konkrete Kapitalisten, konkrete Politiker beschuldigten, da sahen diese Antideutschen einen neuen Antisemitismus am Werk, der statt des Systems einzelne Personen bekämpfte.

Das Kapital kann mit den Nazis so gut leben wie mit den Antideutschen. Erstere bieten mit dem Antisemitismus eine falsche Konkretion an, um nicht über das System zu sprechen. Die letzteren machen das System, über das sie sprechen, unangreifbar, indem sie überhaupt jede Konkretion verweigern. Aber damit begnügen sie sich nicht.

Es gibt in der Politik einen Grundsatz, der sehr viele Gedanken erspart: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Viele Opfer des deutschen Faschismus waren Juden – also unterstützen die Antideutschen den Staat Israel als den wichtigsten politischen Repräsentanten der Judenheit. Also sind sie Gegner aller Gegner Israels. Folglich werden sie zu Anhängern der US-Außenpolitik im Nahen Osten. Dazu passt, dass aus ihrer Sicht Deutschland 1945 vor allem von den USA befreit wurden – die Rote Armee interessiert sie weniger, wie auch sowjetische Opfer, soweit sie keine Juden waren. In den USA meinen sie eine fortgeschrittene, liberale Gesellschaft zu finden, im Gegensatz zum autoritär-völkischen Deutschland.

Äußerste Konsequenz

Natürlich merkten irgendwann sogar jene Linken, die sich zu Verfechtern des US-Kapitalismus gewandelt hatten, dass sie bei den Nahostkonflikten auch auf die Seite des nicht ganz so liberalen Saudi-Arabien geraten waren; peinlich genug. Manche Vertreter der Antideutschen zogen Folgerungen aus den Widersprüchen der Realität. Konsequent bleiben dagegen die Autoren der Zeitschrift Bahamas. Sie stellten fest, dass sich Muslime aus Ländern wie Irak oder Syrien nicht nur störrisch weigerten, das zivilisatorische Wesen der an ihnen so fürsorglich erprobten US-Waffen einzusehen, und damit ihre kulturelle Rückständigkeit bewiesen. Mehr noch: Diese nahöstlichen Fortschrittsverweigerer verließen nach nur wenigen Kriegsjahren ihre fast schon auf einen menschlichen Stand gebombten Heimatländer in Richtung Europa, um dort ihre messerschwingende Hordengesinnung zu verbreiten. So jedenfalls stellt sich die aktuelle Lage für die Bahamas-Redaktion dar. Die Titelseite des neuesten Hefts zieren ein Bild der brennenden Kathedrale Notre Dame und die Schlagzeile: »1.500 Jahre Abendland sind genug«.

Das ist als sarkastische Warnung vor einem Untergang der westlichen Zivilisation gemeint – und dieser Untergang soll ausgerechnet von denen drohen, die vor den Kriegen und den Folgen des Wirtschaftsimperialismus der westlichen Staaten fliehen. Zwar finden die Bahamas-Leute auch Hoffnung: Unter dem Titel »Der neue Freiheitskampf« lobt Sören Pünjer die dänische Sozialdemokratie für ihre Wendung gegen Migration. In Deutschland dagegen sieht es mies aus. Laut Editorial besteht die Gefahr »in der ungehinderten Ausbreitung des Islam in Europa durch die politisch geförderte Masseneinwanderung bekennender Sunniten«, damit der »Herausbildung einer aggressiven Gegengesellschaft, die auf die Eroberung des öffentlichen Raumes ausgeht«.

Justus Wertmüller, leitender Ideologe der Zeitschrift, wählt die Überschrift: »Der Staat schafft sich ab durch antifaschistische Staatsraison«, und da geht es um »die moralisch erpresste Abwehr der Sicherheitsorgane vom Verfassungsstaat«. Mit der Entlassung Hans-Georg Maaßens als Geheimdienstchef seien auch Seehofer und die CSU auf die Linie einer »Allianz von Staatsantifaschisten in Politik und Medien«, einer »alles beherrschenden Pressemeute«, gebracht worden. All dies könnte auch in der AfD-nahen Wochenpostille Junge Freiheit stehen.

Überzogene Polemik? Tatsächlich steht es dort. Werner Olles, der selbst eine Schrumpfung vom SDS-Aktivisten zum reaktionären Schreiberling durchgemacht hat, muss in seiner Rezension des Bahamas-Sommerheftes nur aus diesem zitieren, um dem einstigen Gegner ein redlich verdientes Lob auszusprechen. Was antinational begann, endet in einem Bündnis mit Nationalisten. Interessant an dem Fall ist, dass man es nicht mit bloßem Opportunismus zu tun hat. Vielmehr sind Wertmüller und seine Gefolgschaft beim Gegenteil des ursprünglich Gemeinten angelangt, weil sie stets die äußerste Konsequenz aus ihren Gedanken gezogen haben.

Haltung ohne Halt

Manche der Antideutschen – ob sie sich früher um die Konkret versammelten, mit dem Freiburger »Initiative Sozialistisches Forum« und dem Ça-ira-Verlag die Frankfurter Schule fortschreiben und Wertkritik üben oder als Jungle World Einfluss zu gewinnen versuchen – würden hier mit gewissem Recht protestieren. So sehr auch die Autorenschaft genannter Blätter sich überschnitt und teils noch überschneidet: Sie alle sind nicht so heruntergekommen, dass sie mit Faschisten paktieren würden. Jahrelange Streitigkeiten, die auch Kenner der Szene nur noch schwer überblicken, erinnern an die Tendenz von Sekten, sich in noch kleinere Sekten zu spalten. Doch wurde die Spaltung zwischen Rechts- und Linksantideutschen gängig.

Hier nun könnte Wertmüller protestieren, hat er sich doch bereits 2009 von dem Begriff »antideutsch« distanziert, der schon damals für ihn nie mehr als eine »Zuschreibung« gewesen sein sollte. Als neue Parole gab er statt dessen aus: »ideologiekritisch und sonst nichts«. Seinen früheren antideutschen Freunden warf er vor, was jene anderen Linken vorwarfen, nämlich einen Hass auf die positiven Errungenschaften des Westens (Freiheit, Individualismus etc.) zu pflegen.

Verwirrend? Der Literaturwissenschaftler Felix Bartels hat 2017 in einem Vortrag unter dem Titel »Being a Bat«, der im Internet nachlesbar ist, Klarheit geschaffen. Bats, also Fledermäuse, so heißt es da, »müssen immer jemanden anschreien, um zu wissen, wo sie stehen«. Dieses – so immer noch Bartels – »Mittel einer Haltung, die keinen Halt hat«, macht den Ideologiekritiker vom Objekt seiner Kritik abhängig. Er ist nur da, indem er sich von etwas anderem absetzt. Für ihn ist Ideologiekritik kein Bestandteil einer politischen Praxis, sondern ersetzt diese Praxis.

Dies aber lässt sich insgesamt von den Antideutschen sagen. Kommunisten sind für etwas – und haben deshalb leider ziemlich viele Hindernisse zu beseitigen. Antideutsche sind gegen etwas – und verbünden sich schließlich, à la Bahamas, mit dem Feind, weil der der Feind des Feindes ist. Beides ist klar. Antideutsche mit einer linken Überzeugung jedoch haben ein Problem und sollten die eigenen Grundlagen hinterfragen.

Debatte

  • Beitrag von Jürgen G. aus B. (26. September 2019 um 11:57 Uhr)
    Endlich eine klare Äußerung der jW zum Problem der »antideutschen Ideologie«, das noch viel Denkstoff bietet. Kai Köhler arbeitet darin eine Diskrepanz von Schein und Sein »intellektuellen Denkens« heraus, die letztlich dazu führt, dass sich intelligente Menschen in den selbst ausgelegten Fallstricken des eigenen Diskurses verfangen, weil ihnen die wissenschaftliche Basis ihres Denkens abhanden gekommen ist oder nie vorhanden war. Ihr Denken scheint lediglich an Symbolen orientiert zu sein und entwickelt eine religiöse Tendenz. Danke und weiter so.

    Jürgen Günther, Berlin

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