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Aus: Ausgabe vom 25.09.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
UN-Klimagipfel

Der Kaiser ist nackt

UN-Klimagipfel: Wenig aus BRD, Überraschendes aus Athen und Moskau. Kinder fordern Rechte ein
Von Wolfgang Pomrehn
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Offiziell Beschwerde eingereicht: Greta Thunberg und 15 weitere Mitstreiter sehen die UN-Kinderrechtskonvention verletzt

Es war ganz wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Ein 16jähriges Mädchen las am Montag in New York den versammelten Staats- und Regierungschefs die Leviten, und keiner konnte ihr widersprechen. Alle wussten, dass sie recht hat. Die Regierungen versagen und verraten die Interessen der jungen Generation, ganz wie es ihnen von Greta Thunberg aus Stockholm vorgehalten wurde. »Menschen leiden. Menschen sterben. Wir stehen am Anfang eines großen Artensterbens, und Sie reden nur über Geld und erzählen sich Märchen vom endlosen ökonomischen Wachstum. Wie können Sie es wagen!«

UN-Generalsekretär António Guterres hatte die Länder vor dem UN-Klimagipfel aufgefordert, die globalen Treibhausgasemissionen bis 2030 um 45 Prozent zu reduzieren und auf dem Gipfel zu erklären, welche Maßnahmen sie ergreifen wollen. Doch nur rund 60 Länder waren dem nachgekommen, darunter kaum eines der reichen. Auch Deutschland nicht. Bundeskanzlerin Angela Merkel musste zwar eingestehen, dass Deutschland weit über seine Verhältnisse lebt, meinte aber, dass mehr als ihr am Freitag vorgestelltes Klimapäckchen (siehe unten) nicht möglich sei.

Überraschungen gab es aus Athen und Moskau. Die griechische Regierung kündigte an, bereits bis 2028 aus der Kohle aussteigen zu wollen, obwohl das Land bisher noch in viel stärkerem Maße von der Braunkohleverstromung abhängt als Deutschland. Und an der Moskwa hat die russische Duma am Montag endlich die Pariser Klimaübereinkunft ratifiziert.

Merkel kündigte an, Deutschland werde künftig vier statt zwei Milliarden Euro in den Klimaschutzfonds einzahlen. Doch auch das bleibt ein Tropfen auf den heißen Stein, wie die Hilfsorganisation Oxfam vorrechnete. Bisher käme in den ärmsten Ländern nur ein Cent pro Kopf und Tag an, um sich vor den verheerenden Auswirkungen der Klimakrise zu schützen. Ein großer Teil der angeblichen Hilfen seien zudem nur Kredite, obwohl viele Länder bereits hoch verschuldet seien. Mosambik habe zum Beispiel nach den Verwüstungen durch die Zyklone »Idai« und »Kenneth« im Frühjahr einen Kredit über rund 120 Millionen Euro beim Internationalen Währungsfonds aufnehmen müssen.

Am Montag reichte Thunberg gemeinsam mit 15 weiteren Kindern aus aller Welt, darunter Raina Ivanova aus Deutschland, eine Beschwerde über die Verletzung der Kinderrechtskonvention bei der UNO ein. Fünf Staaten – Argentinien, Brasilien, Deutschland, Frankreich und die Türkei – werden exemplarisch unter den größten Verschmutzern herausgegriffen. Der Klimawandel gefährde die Rechte der Kinder auf Leben, Gesundheit und Frieden. Haben die 16 Erfolg, wäre damit die Klimakrise völkerrechtlich anerkannt. Die betroffenen Länder wären verpflichtet, gemeinsam mit anderen Staaten verbindliche Emissionsziele zu erarbeiten. Im Vergleich zur unverbindlichen Pariser Übereinkunft wäre das ein deutlicher Fortschritt.

Hintergrund: Rund ums CO2

Weltweit wurden 2018 etwa 37,1 Milliarden Tonnen Kohlendioxid (CO2) durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe und die Zementproduktion in die Luft geblasen. Hinzu kamen weitere rund fünf Milliarden Tonnen aus der Entwaldung. CO2 ist das mit Abstand wichtigste Treibhausgas, da besonders langlebig. Die anderen Treibhausgase werden entsprechend ihrer Wirksamkeit in sogenannte Kohlendioxidäquivalente umgerechnet. Namentlich die Konzentration des als Treibhausgas sehr effektiven Methans nimmt seit etwa 2007 wieder zu, nachdem bereits Entwarnung gegeben worden war. Grund dafür sind mit einiger Wahrscheinlichkeit Lecks bei der vor allem in den USA, aber auch im wachsenden Ausmaß in China betriebenen Erdgasförderung mittels des berüchtigten Frackings.

Doch Methan ist nicht besonders langlebig. Sobald die Quellen versiegen, nimmt seine Konzentration in der Atmosphäre wieder ab. Ganz anders CO2. Dieses wird zwar im großen Umfang von Biosphäre und Ozeanen umgesetzt. Das heißt, es wird der Atmosphäre entnommen und dieser an anderer Stelle – durch absterbende Organismen, in warmen Meeresregionen durch die Ozeane – wieder hinzugefügt. Dieser Kreislauf verändert sich nur sehr langsam. Zusätzliches CO2 kann (noch) zu knapp unter 50 Prozent von Biosphäre und Ozeanen aufgenommen werden, der Rest der Emissionen aus industriellen Aktivitäten, Verkehr, Heizen und Entwaldung verbleibt aber für Jahrtausende in der Atmosphäre. Mit anderen Worten: Der Mensch hat den CO2-Gehalt unserer Lufthülle bereits nachhaltig verändert und setzt dies unvermindert fort, und zwar in Rekordgeschwindigkeit. Zu Beginn der Industrialisierung betrug die atmosphärische CO2-Konzentration 290 CO2-Moleküle auf eine Million Luftmoleküle (ppm), Ende 2019 werden es vermutlich bereits 410 ppm sein.

Deutschland hat 2017 knapp 800 Millionen Tonnen CO2 emittiert. Hinzu kommen rund 100 Millionen Tonnen andere Treibhausgase. Seit 1990 waren es insgesamt 24,8 Milliarden Tonnen. Historisch gesehen ist Deutschland nach den USA, China und Russland der viertgrößte Verursacher der bereits in der Atmosphäre angereicherten Treibhausgase. Es beherbergt etwa 1,1 Prozent der Weltbevölkerung, hat aber immer noch einen Anteil von 1,9 Prozent an den jährlichen Emissionen. Das Argument, Deutschlands Anteil am Problem sei zu vernachlässigen, entbehrt somit jeder Grundlage. Vielmehr hat es als einer der wichtigsten Verursacher des Problems eine besondere Verantwortung. Dies auch, da in den obigen Zahlen noch nicht die Emissionen eingerechnet sind, die in anderen Ländern entstehen, aus denen im großen Umfang Rohstoffe, Futter- und Nahrungsmittel und Konsumgüter importiert werden. (wop)

Debatte

  • Beitrag von josef w. aus H. (25. September 2019 um 09:31 Uhr)
    Da heute ein Schwerpunkt der jW auf 70 Jahren VR China liegt, möchte ich auf die chinesischen Informationsquellen german.cri.cn und die englischsprachige www.globaltimes.cn hinweisen. Auf der aktuellen Seite findet sich auch ein Beitrag zum Klimagipfel. Dort heißt es:

    »Die Volksrepublik betrachtet den Kampf gegen den Klimawandel nach wie vor als Forderung für eine nachhaltige Entwicklung sowie die Verantwortung zum Aufbau einer Gemeinschaft der Menschheit mit geteilter Zukunft. Durch Innovationen in Chinas Wissenschaft, Technologie und Systemen ist die Volksrepublik nun zu einem Land geworden, das weltweit den ersten Platz bei Energieeinsparungen sowie der Nutzung von neuen und erneuerbaren Energien einnimmt. Der Aufbau einer ökologischen Zivilisation ist zur staatlichen Entwicklungsstrategie erklärt worden. Seit dem Jahr 2000 wurde ein Viertel der weltweiten Grünanlagen in China angelegt.

    Der globale Kampf gegen den Klimawandel befindet sich derzeit in einer Schlüsselphase. Jeder Staat muss sich entschlossen dafür einsetzen und ihm neue Impulse verleihen. In diesem Prozess wird ein China, das an der ökologischen Entwicklung und dem ökologischen Aufbau festhält, zweifellos ›positive Energie‹ spenden.«

    Ich bin der Meinung, dass der von China eingeschlagene Weg, nämlich mit Entwicklung der Produktivkräfte den Folgen des Klimawandels zu begegnen, der einzig richtige ist. Sich hinter Greta Thunberg zu verstecken, ihr zuzujubeln, ihre pauschale Kritik am Wachstum zu übernehmen kann für einigermaßen klar denkende Menschen nicht die Lösung sein. Waldschrat-Ideologien bzw. dystopische Phantasien hämmern der Menschheit nur ein dickes Brett vor den Kopf, das die Einsicht behindert, dass nur mit Entwicklung der Produktivkräfte die Folgen des Klimawandels in den Griff zu kriegen sind.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Reinhard Hopp: Der Kapitalismus frisst seine Kinder Der Kapitalismus in seinem nicht mehr zu übersehenden Endstadium folgt seinem ihm immanenten Gesetz der Unterwerfung, Plünderung und Ausbeutung der gesamten Welt zur völlig sinnentleerten ungezügelten...

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