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Aus: Ausgabe vom 23.09.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Verdi: Gewerkschaftstag 2019

Besser abschneiden

Bundeskongress: Verdi berät über Programm für die nächsten vier Jahre. Entwicklung der Organisation Hauptthema
Von Susanne Knütter
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Im filialisierten Einzelhandel erfordert organisierter Arbeitskampf besondere Anstrengungen

Roter Faden der gewerkschaftlichen Arbeit »muss die Mitgliederentwicklung sein, denn nur dann ist Verdi konflikt- und durchsetzungsfähig«. So steht es im aktuellen Geschäftsbericht der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft, dessen Diskussion zu Wochenbeginn auf der Tagesordnung des mehrtägigen Bundeskongresses der Gewerkschaft in Leipzig steht. Das Ziel, das eine mitgliederstarke Gewerkschaft durchsetzen soll, ist dem Bericht zufolge auch klar: Es geht um einen größeren Anteil am Gesamtprodukt – höheres Entgelt, weniger Überstunden, mehr freie Tage, sichere Rente, »gute Arbeit«. Es gehe auch um Widerstand gegen den weiteren Abbau des Sozialstaats und die Rechtsentwicklung. Auf dem Bundeskongress, der Sonntag abend eröffnet wurde, wird wieder eine Reihe von Anträgen zu diesen Themen diskutiert und beschlossen werden. In der Regel unterscheiden sie sich nur in Details.

Um die Organisations- und vor allem die Mitgliederentwicklung voranzutreiben, hat Verdi in den vergangenen Jahren verschiedene Instrumente entwickelt. Kerngedanke der schon 2012 beschlossenen Orientierung »Mehr Mitglieder, mehr Macht, mehr Möglichkeiten« ist die »Trennung und Neuausrichtung von kollektiver Betriebs- und Tarifarbeit und individueller Mitgliederarbeit«. Diese soll bis 2022 realisiert werden. Mit der Fusion von Landesbezirken und Fachbereichen sollen Kräfte gebündelt werden. Und seit 2011 ist die »bedingungsgebundene Tarifarbeit« eine Option bei der Organisierung von Betrieben. Damals hatte Verdi binnen eines Jahrzehnts bereits 1,2 Millionen Mitglieder verloren und nur die Hälfte dieser Abgänge durch Neuaufnahmen kompensieren können.

Bei der »bedingungsgebundenen Tarifarbeit« wird die Aufnahme von Tarifverhandlungen an bestimmte Voraussetzungen geknüpft, etwa einen überdurchschnittlichen Organisationsgrad und eine »aktionsfähige Belegschaft«. Dadurch sollen die Chancen steigen, dass Forderungen überhaupt durchgesetzt werden können. Die Strategie zielt vor allem auf betriebliche Einzelkämpfe und Haustarifverträge. Der schwindenden Flächentarifvertragsbindung kann so allerdings nicht begegnet werden.

Als herausragendes Beispiel führt der Geschäftsbericht die Tarifarbeit des Fachbereichs 2 (Ver- und Entsorgung) an. Hier war das Problem, dass immer mehr private Abfallbetriebe den Bundesverband der Deutschen Entsorgungswirtschaft (BDE) verließen. Der Unternehmerverband seinerseits versuchte dieser Entwicklung zu begegnen, indem er bestrebt war, das »Tarifniveau Stück für Stück weiter abzusenken«. Nachdem der BDE die Verdi-Forderung von sechs Prozent mehr Lohn mit dem »Angebot« einer einprozentigen Lohnerhöhung beantwortet hatte, beendete die Bundestarifkommission die Gespräche im Jahr 2017. Seither setzt der Fachbereich auf Haustarifverträge und die »bedingungsgebundene Tarifarbeit«.

Verdi hat in den vergangenen Jahren dennoch weiter Mitglieder verloren. Die drei Fachbereiche (FB), die eine positive Mitgliederentwicklung zu verzeichnen haben, sind der FB 3 (Gesundheit, Soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen), der FB 5 (Bildung, Wissenschaft und Forschung) sowie der FB 13 (Besondere Dienstleistungen). Der FB 13 umfasst sehr viele Branchen und hat offensichtlich großes Potential. »Man stößt in einen Betrieb vor, und schon geht es los«, sagte Erika Ritter, Fachbereichsleiterin für den FB 12 (Handel) im Landesbezirk Berlin-Brandenburg, gegenüber jW. Mit Unterstützung der Verdi-Jugend führte der FB 13 unter anderem die Azubi-Kampagne »Besser abschneiden« im Friseurgewerbe durch. In 100 Tagen wurden 83 Berufsschulen und mehr als 4.400 Auszubildende besucht und so 1.800 Neumitglieder im Friseurhandwerk gewonnen. Die Lehrlingsgehälter wurden in der Folge in der Mehrzahl der Bundesländer deutlich erhöht. Allerdings zeigt diese Entwicklung vor allem, wie unterirdisch das Vergütungsniveau bislang war. In Baden-Württemberg erhielten die Friseur-Azubis beispielsweise eine Lohnerhöhung von 37 Prozent. Das hört sich nach viel an, bedeutet aber nur, dass die Azubis ab 2019 im ersten Ausbildungsjahr 510, im zweiten 600 und im dritten 725 Euro verdienen. Verdi hat, das zeigen solche Zahlen plastisch, sehr viel zu tun.

In ihrem vorläufigen Geschäftsbericht zieht die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) eine Bilanz der vergangenen vier Jahre. Mit Blick auf den Zeitraum 2015 bis 2018 könne man »durchaus von historischen Schritten sprechen«, heißt es im Vorwort des scheidenden Vorsitzenden Frank Bsirske und der Vorsitzenden des Gewerkschaftsrates, Monika Brandl. Schaut man genauer hin, ist die Bilanz ernüchternd.

Zu den Meilensteinen der Gewerkschaftsarbeit zählt Verdi die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns. Dieser sei aber noch zu gering, enthalte zu viele Ausnahmeregelungen und werde unzureichend kontrolliert. Bsirske und Brandl heben in dem Vorwort außerdem hervor, dass in den Tarifauseinandersetzungen »deutliche reale Lohnzuwächse« erzielt werden konnten – nämlich um durchschnittlich 2,5 Prozent. Übrig blieb aufgrund der Preiszuwächse ein Reallohnanstieg von im Schnitt 1,5 Prozent im Jahr. Die Laufzeit der ausgehandelten Tarifverträge lag im Durchschnitt bei 23,7 Monaten und hat sich damit im Vergleich zum Berichtszeitraum 2011–2014 weiter erhöht.

Das, was Gewerkschaften ausgehandelt haben, kommt nur noch bei jedem zweiten Beschäftigten an – »mit weiter sinkender Tendenz«, heißt es im Bericht. Die Tarifbindung liege in Westdeutschland bei 57 Prozent, im Osten der Republik bei 46 Prozent. Der Niedriglohnsektor hat sich gefestigt. Jeder fünfte Beschäftigte arbeite hierzulande für einen Billiglohn. Zwar habe die Anzahl der sozialversicherten Beschäftigungsverhältnisse zugenommen, der Anteil der Vollzeitbeschäftigung aber sei auf 61 Prozent gesunken. Jeder vierte Beschäftigte arbeitet heute in Teilzeit – häufig unfreiwillig. 13 Prozent der Lohnabhängigen sind geringfügig beschäftigt. Jeder zwölfte hat einen befristeten Arbeitsvertrag, und rund 2,6 Prozent stecken in Leiharbeit. (sk)

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Anton Kobel, Heidelberg: Mobbing verschwiegen Warum veröffentlicht Ihr nichts über die Abmahnung von Damiano Quinto durch Verdi, die dadurch ausgelöste Solidaritätswelle und den Erfolg der Solidarität? Offensichtlich haben diese Solidarität und d...

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