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Aus: Ausgabe vom 21.09.2019, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Torte ins Gesicht

Ohne Sinn: Thorleifur Örn Arnassons Inszenierung von »Eine Odyssee« an der Berliner Volksbühne
Von Jakob Hayner
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Muss man sich erst mal ausdenken: Kanistergalgen

Die Faszination, die von Odysseus und seinen Irrfahrten ausgeht, ist auch in der Moderne ungebrochen. So sahen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in den Schilderungen Homers die Urgeschichte des bürgerlichen Subjekts erzählt. Der listige Odysseus ist nämlich kein stumpfer Schlächter mehr, der den Heldentod hinzunehmen bereit ist – er stellt seine Selbsterhaltung ins Zentrum. Das beendet zwar den Krieg nicht, lässt aber immerhin die Hoffnung aufkeimen, dass den Menschen irgendwann einmal ihr eigenes Leben wichtiger sein könnte, als aus fragwürdigen Gründen – der Ehre wegen, fürs Vaterland – fremde Köpfe einzuschlagen oder Bäuche aufzuschlitzen.

Man durfte also gespannt sein, wie Thorleifur Örn Arnasson den Stoff für die Volksbühne adaptieren würde. Es ist die erste Inszenierung des Regisseurs in seiner Funktion als neuer Schauspieldirektor am Haus. Die Fassung hat er auf der Grundlage von Homers Klassiker gemeinsam mit dem Schriftsteller Mikael Torfason erstellt. In ihr kommt vieles zusammen, antiker Mythos und moderne Wirklichkeit wie der Afghanistan-Krieg oder Donald Rumsfelds »unknown Unknowns«. Es handelt sich eher um eine freie Assoziation zum Thema Krieg als um eine thematische Zuspitzung.

So ist es auch in der Inszenierung »Eine Odyssee«: Nach leisem, zurückhaltendem Beginn wird so ungefähr alles aufgefahren, was man sich vorstellen kann. Die Musiker Gabriel Cazes, Damiàn Dlaboha und Sir Henry trommeln voller Wucht, sofern sie nicht auf die Tasten hauen. Der Schrecken des Krieges will unbedingt laut unterstrichen sein. Der von Nils Strunk geleitete Chor intoniert überaus aggressiv, dazu Trockeneisnebel und Gegenlicht. Fertig ist die düstere, apokalyptische Stimmung. Von oben werden Textzeilen aus Heiner Müllers »Traumwald« heruntergelassen, später sogar ein Elefant. Erkennbaren Bezug zum Stoff hat beides nicht. Projektionen zeigen Palmen im Feuer, Napalm vielleicht. Zu viele Eindrücke, zu viel Pathos; viel zu stark wird auf den Effekt abgestellt. Der Rhythmus treibt, die Drehbühne dreht sich – und Trojas Bewohner werden in Stücke gehauen. Das lässt einen aber unberührt. Fast stellt sich so etwas wie Erleichterung ein, wenn das böse Handwerk dann endlich zu Ende gebracht wurde.

Der ganze Aufwand kann schwerlich verbergen, dass eine Idee fehlt. Überhaupt, weshalb sollte man heute noch die »Odyssee« zeigen? Was hat sie uns zu sagen? Darüber schweigt sich die Inszenierung aus. Es bleibt bei oberflächlichen Analogien zur Jetztzeit. Der von Strunk gespielte Telemachos zockt an der Konsole, Johanna Bantzer als Penelope verspottet ihn als Schwächling und Schlimmeres, Theo Trebs’ Menelaos ist ein Bodybuilder, reichlich stulle, genauso Helena, gespielt von Jella Haase. Die wird auf einem durchlöcherten Panzer hereingefahren, wedelt im Glitzerkostüm mit einer roten Fahne und hat als schönste Frau der Welt kaum Text. Als sie erfährt, dass der Krieg nun doch nicht ihretwegen ausgebrochen ist, plärrt es ohne Unterlass »Gerechtigkeit!«, während nebenher alle Kriege von Troja bis Syrien inklusive geschätzter Opferzahlen vom Blatt aufgezählt werden. Das aber ist reine Statistik, keine menschliche Tragödie. Derart beschossen mit der simplen Botschaft, dass Krieg eine böse, gemeine, brutale Sache ist, flüchtet man sich in die Pause.

Doch erhellender wird es auch im ruhigeren zweiten Teil nicht. Der von Torfason verfasste Dialog zwischen einem Soldaten in Afghanistan und einem depressiven Schreiber in Los Angeles, vorgetragen von Claudio Gatzke und Silvia Rieger, gehört trotz – oder aufgrund? – seiner kaum in Szene gesetzten Langatmigkeit noch zu einem der intensiveren Momente des Abends. Dann kommt Zeus (Sarah Franke) als Riesenratte, unterm Fell ein goldenes Kleid tragend, aus einem Müllcontainer gekrochen und klatscht sich eine Torte ins Gesicht. Wir können hier ja alles machen, im gottgleichen Theater. Angesichts solcher Einlagen ist man eher peinlich berührt als sinnvoll belehrt. Agamemnon (Robert Kuchenbuch) hat irgendwas aus dem Hades beizutragen, auch Odysseus (Daniel Nerlich) möchte unbedingt noch seine Version der Geschichte loswerden. Die will aber schon niemand mehr hören.

»Eine Odyssee« ist die Vergötzung der Theatermaschinerie als Effektbude, ein ideen- und geistloses Spektakel. Neu ist das nicht. Christopher Rüping hat im vergangen Herbst mit seinem »Dionysos Stadt« an den Kammerspielen München etwas sehr Ähnliches auf die Bühne gebracht. Zehn Stunden lang. Schwacher Trost: An der Volksbühne waren es nur vier.

Nächste Aufführungen: 21. und 22. September

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