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Aus: Ausgabe vom 20.09.2019, Seite 5 / Inland
Geförderte Technologie

Wende per Autopilot

Mehrheit sieht autonomes Fahren skeptisch. Regierung will dennoch Hersteller weiter kräftig unterstützen
Von Bernd Müller
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Mutprobe oder Vertrauen in die Technik? Autonomes Fahren trifft weiter auf ernste Bedenken

Berlin hat nun auch eine Teststrecke, auf der selbstfahrende Fahrzeuge unter realen Verkehrsbedingungen erprobt werden. Am Donnerstag wurde die Strecke zwischen Ernst-Reuter-Platz und Brandenburger Tor von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) und dem Regierenden Bürgermeister von Berlin Michael Müller (SPD) eingeweiht.

Forscher der Technischen Universität Berlin hatten 29 Monate lang Sensoren gebaut und entlang der Route an Ampeln und Laternen befestigt. Diese sollen Daten über die Verkehrssituation sowie über freie Parkplätze und wechselnde Ampelschaltungen, die Wetterlage und Umweltbelastung liefern. Ziel des Projektes sei es, den Verkehr sicherer und weniger umweltschädlich zu machen.

Der gestrige Termin war nicht der erste in dieser Woche zu diesem Thema. Bereits am Dienstag hatte Minister Scheuer eine Teststrecke in Hamburg besichtigt, die im April von Volkswagen eröffnet wurde. Dort drehte er mit Verkehrssenator Michael Westhagemann (parteilos) und dem VW-Forschungschef Axel Heinrich einige Runden in einem alleinfahrenden Pkw. »Wir sind sehr zufrieden mit dem Verlauf der Testfahrten, aber wir sind noch nicht am Ziel«, sagte Heinrich. Das Fahrzeug hätte sich unter allen Umständen regelkonform verhalten.

Trotz solcher Jubelmeldungen stehen Menschen dem »autonomen Fahren« hierzulande skeptisch gegenüber. Das ergab eine Umfrage der Beratungsgesellschaft EY (ehem. Ernst & Young), die im August durchgeführt wurde. Angeführt werden demnach Sicherheitsbedenken, ethische Fragen und Probleme der Haftung. Fast die Hälfte der Befragten (49 Prozent) möchte nicht in einem vollständig autonom fahrenden Auto sitzen. Automatisierte Fahrzeuge, in denen noch der Fahrer in manchen Situationen entscheiden kann, lehnen demnach rund 30 Prozent ab. Unter jüngeren Leuten sei die Zustimmung größer.

Das Vorhaben gehört zu den Leitprojekten der Bundesregierung für die Konzernförderung, wie sie im »Aktionsplan Forschung für autonomes Fahren« schreibt. Ziel sei es, Deutschlands Rolle »als Leitanbieter des autonomen Fahrens langfristig zu sichern«.

Noch gelten die hiesigen Autobauer als führend auf diesem Gebiet, doch die Konkurrenz holt auf. Das hatte das kapitalnahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln vor gut einer Woche gemeldet. Das IW hatte die Patentanmeldungen von 65 Unternehmen seit 2010 analysiert, die dem Bereich des autonomen Fahrens zurechenbar sind.

Festgestellt wurde dabei, dass die Entwicklung in diesem Bereich immer rasanter verläuft. Seien vor fünf Jahren weltweit nur gut 1.000 Patente angemeldet worden, waren es 2018 schon fast 6.000. Deutsche Unternehmen halten fast 40 Prozent aller Patente und liegen damit noch vor denen aus den USA (rund 30 Prozent). Doch, so das IW: Der Vorsprung wird kleiner. Im Vorjahr hätten die BRD-Autobauer noch gut die Hälfte aller Patente auf sich vereint.

Besonders stark sei in der Bundesrepublik die Rolle der Zulieferer. Zwei Drittel der sogenannten Zuliefererpatente weltweit kommen aus Deutschland, zusätzlich zu den 40 Prozent der Autohersteller. Dagegen spiele die heimische Volkswirtschaft keine Rolle »bei den digital basierten Herausforderern wie Google und Uber aus den USA oder Baidu aus China«. In diesem Bereich seien die USA dominant.

Besonderen Druck hinsichtlich des autonomen Fahrens macht die Lobbyvereinigung »Agora Verkehrswende«. In einem Thesenpapier aus dem Jahr 2017 verspricht die »Denkfabrik« einen erheblichen Beitrag zum Umweltschutz durch die neuen Technologien. Behauptet wird, dass sich so der Kraftstoff- und Energieverbrauch im Verkehrssektor verringern könnte. Zum einen soll das daran liegen, dass der Verkehr flüssiger werde. Andererseits soll dadurch auch die gemeinsame Nutzung von Automobilen befördert werden.

Debatte

  • Beitrag von Klaus L. aus H. (20. September 2019 um 10:32 Uhr)
    Gibt es eigentlich in Wirtschaft und Politik irgendwelche Gremien, die sich mal rechtzeitig mit den sozialen und gesellschaftlichen Folgen des autonomen Fahrens befassen? Bevor Scheuer das flächendeckend zulässt? Und wohin mit den Hunderttausenden Arbeitnehmern, die bisher die Taxis und Lkw fahren? Und wohin mit uns, die wir unser Auto gerne selbst fahren? Und was machen die irgendwann nicht mehr alltagstauglichen Nerds, wenn ihr vollautomatisches Fahrzeug und das ganze mit Steuermilliarden gesponserte System kollabieren? Vielleicht kollabiert bei dieser Gelegenheit ja auch das System unserer marktkonformen Demokratie.

    Klaus Landahl, Halstenbek

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