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Aus: Ausgabe vom 19.09.2019, Seite 11 / Feuilleton
Korea

Tief einatmen

Auf dem Weg zum DMZ Peace Train Music Festival in Südkorea
Von Asteris Kutulas
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Kurz bevor ich das Flugzeug verließ, erinnerte ich mich plötzlich an Goshas Worte von vor 30 Jahren: »Immer, wenn ich irgendwo ankomme, will ich wissen, wie es riecht. Sobald ich draußen bin, atme ich ganz tief ein.« In Seoul ist die Luft ein bisschen wie in Athen. Südkorea … Südkoriander, das Eine und das Andere – ineinander. Das würde vielleicht das Thema dieses Aufenthalts werden.

Ich habe auf dem Flug hierher zwei scheinbar gegensätzliche Meinungen über Südkorea gehört. In der Frankfurter Lufthansa-Lounge begegnete ich plötzlich einem alten Freund, der in Dubai lebt und zuvor in Berlin einen Zwischenaufenthalt hatte, um dann nach London weiterzufliegen. Er meinte: »Wird dir dort sehr gut gefallen, Südkorea ist das Deutschland Asiens.« Als ich das später Henning, mit dem ich zusammen gereist bin, erzählte, war dieser anderer Meinung: »Nein, Japan ist das Deutschland Asiens.« Jedenfalls bestand ein koreanischer Geschäftsmann, der Uhren produziert und der im Flugzeug neben mir saß – nachdem er erfahren hatte, was ich für ein Landsmann bin – darauf, dass Südkorea das »Griechenland Asiens« sei. Der eine bezog sich wohl auf die koreanische Gastfreundlichkeit und der andere auf die koreanische Arbeitsmoral. Klingt nach einem »idealen Land«. Es riecht nach Seeluft.

Skurrilerweise führte ich das erste Gespräch mit meiner koreanischen Freundin Susan in Seoul darüber, dass es zwischen Südkorea und Japan gewaltige Auseinandersetzungen gibt – und zwar in einer Causa, deretwegen es auch zwischen Griechenland und Deutschland mächtig kracht. Es geht um die Reparationszahlungen Japans an Südkorea, die bereits erfolgt waren, bzw. um die, die noch ausstehen. Das Oberste Gericht Südkoreas hatte 2013 die bis zu diesem Zeitpunkt gültigen Abmachungen mit Japan als illegal und unzureichend erklärt – sie stammten noch aus der Zeit der südkoreanischen Militärdiktatur. Japan beschloss daraufhin, Südkorea nur noch eingeschränkt mit Rohstoffen zu beliefern, so dass Samsung & Co. Ende September ihre Produktion drosseln müssen und ihre Kunden nicht mehr ausreichend werden beliefern können. Das ist hier Gesprächsstoff Nummer eins.

Seit 1953 ist Korea gespalten, jetzt ist wohl die Zeit der Wiedervereinigung gekommen. Deshalb bin ich hier. Wir fahren morgen in die demilitarisierte Zone in der Nähe der Grenze, um beim DMZ Peace Train Music Festival in Cheorwon dabei zu sein. Künstler und Persönlichkeiten aus der ganzen Welt wollen helfen, Brücken zu schlagen. Susan sagte: »Hier lieben alle Donald Trump, weil er es durch seine Politik ermöglicht hat, an eine Wiedervereinigung zu denken und sie für realistisch zu halten.« Aha.

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