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Aus: Ausgabe vom 19.09.2019, Seite 5 / Inland
Migration

In eigenem Interesse

OECD-Studie: Beschäftigungsrekord bei Zuwanderern in Deutschland. Bundesregierung wirbt im Ausland aggressiv um Fachkräfte
Von Efthymis Angeloudis
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Gerade im Baugewerbe werden viele Arbeitsmigranten als Tagelöhner ausgenutzt.

Ein zweites Jahr in Folge ging die Zahl der dauerhaften Zuwanderer in Deutschland zurück. 2017 sollen laut einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde, rund 860.000 dauerhafte Immigranten hinzugekommen sein. Insgesamt wanderten 2017 rund 1,5 Millionen Menschen in die Bundesrepublik ein. Zur gleichen Zeit verließen rund 1,1 Millionen Menschen Deutschland. Der Zuwachs von nur 416.000 Personen (84.000 weniger als 2016) sei auf eine sinkende Zahl der Asylanträge zurückzuführen.

Flucht sei immer seltener ein Grund für Menschen, nach Deutschland zu gehen – die Zahl der Erstanträge auf Asyl ging 2018 um 18,3 Prozent auf 162.000 zurück, wie dem Bericht zu entnehmen ist. Statt dessen kämen immer mehr Menschen zum Arbeiten oder Studieren in die Bundesrepublik, sagte OECD-Mi­grationsexperte Thomas Liebig. Entsprechend seien immer mehr Zuwanderer in Deutschland erwerbstätig. »Bei der Beschäftigungsquote hat Deutschland mit 70 Prozent Ende 2018 einen historischen Höchststand erreicht«, so Liebig. Die Jobqualität sei aber häufig bescheiden. Eine starke Untertreibung: Eine aktuell hohe Beschäftigungsquote dürfe nicht darüber hinweg täuschen, dass viele Immigranten in Zeitarbeitsfirmen feststeckten oder im Schichtbetrieb arbeiteten. »Das sehen wir gerade im Baugewerbe, wo viele Arbeitsmigranten quasi als Tagelöhner regelrecht ausgenutzt werden«, merkte Gökay Akbulut, migrations- und integrationspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Die Linke, im Gespräch mit jW an. »Das sind extrem prekäre Arbeitsverhältnisse, weit entfernt vom Mindestlohn.«

Gerade auf dem Bau kommen überdurchschnittlich oft temporäre Arbeitsmigranten zum Einsatz. Diese Art der Wanderarbeit stieg 2017 deutlich an und erreichte 4,9 Millionen gegenüber 4,2 Millionen im Jahr 2016. Dies ist der höchste Stand seit Beginn der OECD-Berichte vor mehr als einem Jahrzehnt. Überraschenderweise ist aber nicht Deutschland, sondern Polen das wichtigste Ziel für temporäre Arbeitsmigration.

Eine Veränderung beobachtet die OECD auch bei den Staaten, aus denen die Arbeitsmigranten auswandern. So kommen immer weniger Menschen zum Arbeiten aus Osteuropa nach Deutschland - Polen etwa entwickelt sich immer mehr vom Herkunfts- zum Zielland für Arbeitsmigranten. Statt dessen suchen immer häufiger Menschen aus dem Westbalkan Arbeit in Deutschland. Gleichzeitig geht die Zahl der Asylanträge aus den besagten Ländern Serbien, Montenegro, Kosovo, Albanien, Bosnien und Nordmazedonien zurück. Das sei ein Erfolg der sogenannten Westbalkan-Regelung, sagte Liebig.

Menschen aus Rumänien haben zuletzt die größte Einwanderergruppe in Deutschland ausgemacht. Mehr als 230.000 Rumänen kamen 2017 nach Deutschland, wie aus der Studie hervorgeht. »Menschen, die aus Rumänien kommen und als Fachkräfte ausgebildet sind, haben das gute Recht, hier zu arbeiten«, sagte Akbulut gegenüber jW. Es sei aber auch wichtig, dass man sich für eine Erhöhung des Lohnniveaus in Rumänien und anderen Balkanländern einsetze. »Ein Schritt wäre, dass man Unternehmen verpflichtet, europaweit einen Mindestlohn zu zahlen.«

Die Westbalkan-Regelung wurde geschaffen, um vor allem geringqualifizierte Arbeitskräfte nach Deutschland zu holen. In der Pflege wirbt Deutschland sogar gezielt Fachkräfte an. Und das nicht nur auf dem Balkan. Am Freitag wird Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in Mexiko um Pflegekräfte werben, die nach Deutschland kommen sollen. 100 Pflegerinnen und Pfleger aus dem Land seien bereits in Deutschland eingetroffen, teilte die Bundesagentur für Arbeit am Mittwoch in Nürnberg mit. Dabei gehe es um »faire und nachhaltige Rekrutierungen«, wie ein Sprecher der Bundesagentur sagte. Ob das so stimmt, zweifelt Akbulut an. Wenn Deutschland Pflegekräfte anwerben wolle, müssten parallel dazu Qualifizierungsangebote geschaffen werden, die den Menschen eine Entwicklungsmöglichkeit bieten. »Es muss von der Bundesregierung auf vielen Ebenen erst einmal bewiesen werden, dass die Einwanderung gewollt ist und tatsächlich auch gefördert wird, nicht nur im eigenen Interesse.«

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