Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 19.09.2019, Seite 1 / Titel
Soziale Frage

Arm und abgespeist

Resteessen: Tafeln melden drastisch wachsenden Zulauf. Vor allem Kinder, Jugendliche und Rentner sind betroffen
Von Susan Bonath
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»Altersarmut wird uns mit großer Wucht überrollen«: Gespendete, abgelaufene Lebensmittel bei der Augsburger Tafel

Renten und Sozialhilfe, die zum Leben nicht reichen, Mieten, die sich nur noch Wohlhabende leisten können: Immer mehr Menschen in Deutschland suchen die Armenspeisungen auf. Das gab der Bundesverband Tafel Deutschland am Mittwoch bekannt. Dieser verzeichnet einen »dramatischen Anstieg der Tafelnutzer« binnen eines Jahres. Vor allem Rentner, Kinder und Jugendliche stünden immer häufiger Schlange vor den bundesweit über 2.000 Essensausgabestellen der 947 Einrichtungen.

Nach deren Angaben versorgen sich aktuell etwa 1,65 Millionen Menschen regelmäßig bei einer Tafel mit Lebensmitteln, die Märkte zuvor aussortiert und auf diese Weise günstig entsorgt haben. 2018 waren es rund 1,5 Millionen Menschen. »Besonders bei Senioren ist der Anstieg mit 20 Prozent dramatisch«, konstatierte der Vorsitzende des Vereins, Jochen Brühl. Niedrige Renten seien damit nach der Langzeiterwerbslosigkeit der zweithäufigste Grund für Tafelgänge. »Altersarmut wird uns in den kommenden Jahren mit großer Wucht überrollen«, warnte Brühl.

»Völlig inakzeptabel« findet Brühl auch die steigende Zahl bedürftiger Kinder und Jugendlicher. 50.000 mehr als noch 2018 seien auf Lebensmittelspenden angewiesen. Diese Gruppe stelle inzwischen ein knappes Drittel aller Nutzer. »Wir leisten es uns in Deutschland, Kinder systematisch zu vernachlässigen«, kritisierte er. Dazu gehöre nicht nur die materielle Armut. Auch das deutsche Bildungssystem sei im Vergleich mit anderen Industriestaaten extrem undurchlässig. »Wer als Kind arm ist, hat kaum Chancen, sich aus diesem Kreislauf zu befreien«, so Brühl.

Ferner kritisierte er die »Wegwerfgesellschaft«: Weltweit lande etwa jedes dritte produzierte Lebensmittel im Müll, während weltweit viele Millionen Menschen nicht genug zu essen hätten. In Deutschland seien dies etwa 18 Millionen Tonnen pro Jahr. Freilich ist der Dachverband allein mit den systembedingten Verteilungsproblemen überfordert. So ruft er nach dem Staat. Dieser müsse die Tafeln »beim Retten und Verteilen der Lebensmittel« finanziell unterstützen, forderte Brühl. In vielen anderen Länder sei dies bereits gängige Praxis. »Das Ehrenamt kommt hier an seine Grenzen.«

Die erste Tafel wurde 1993 in Berlin als Hilfsangebot für Obdachlose gegründet. Inzwischen agiert der Verband wie eine Unternehmenskette. Etliche Konzerne verschaffen sich als Unterstützer ein positives Image, darunter die Metro AG, Lidl, Rewe, Mercedes-Benz, Nestlé und Tchibo. Betroffene müssen hingegen einige Hürden überwinden, um für ein, zwei Euro an einen Beutel Essen zu kommen. Sie brauchen einen Einkommensnachweis, etwa vom Rententräger oder dem Jobcenter. Vor allem Obdachlose meiden die Behörden jedoch, ausländische EU-Bürger haben in den ersten Jahren keinen Anspruch auf diese Leistung und somit keinen Armutsnachweis.

Die Tafeln selbst betonen, dass die Hilfe freiwillig sei und kein gesetzlicher Anspruch darauf bestehe. Trotzdem kam es in der Vergangenheit zu sonderbaren Auswüchsen: Jobcenter, die sanktionierte Hartz-IV-Bezieher zu Tafeln geschickt hatten, wurden von Gerichten in die Schranken gewiesen. In Berlin machte kürzlich ein weiterer Fall die Runde: Die Wohngeldstelle des Bezirksamtes Lichtenberg hatte einem Mann die Lebensmittel, die er ab und zu von der Tafel bekam, als Rundumverpflegung angerechnet und ihm die Mietbeihilfe verweigert. Nach Medienberichten darüber machte das Amt im Sommer einen Rückzieher.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Ursula Mathern, Merxheim: Man braucht sich Soll man lachen oder weinen darüber, dass der Reparaturbetrieb »Tafel« nun nach finanzieller Unterstützung seitens des Staates ruft? Würde Herr Brühl mal etwas gründlicher nachdenken, z. B. darüber, d...

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